„Tucholsky, das war schon einer“

Einen ganz besonderen Coup hat kürzlich die Wochenzeitung Preußische Allgemeine Zeitung (PAZ) gelandet — besser gesagt: ihr unter dem Pseudonym Pannonicus dichtender Autor Richard G. Kerschhofer. Dieser hatte im Zuge der weltweiten Finanzkrise ein Gedicht verfaßt, das wohl den Nerv vieler traf. In rasender Geschwindigkeit — dem Internet sei Dank — fand es seinen Weg über diverse Blogs (Internettagebücher) bis auf die Seiten der Zeit und in die Studios der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender. Der Witz dabei: Die enorme Verbreitung war nicht allein Kerschhofers Dichtkunst geschuldet. Als Katalysator diente dem Gedicht, daß es von einem Blogger fälschlich Kurt Tucholsky untergeschoben wurde. So „geadelt“ wurde Kerschhofers Gedicht nun bis hin zu den Internetseiten des verhinderten CDU-Bundestagskandidaten Oswald Metzger, aber auch der Kommunistischen Partei Österreichs interessant. Eine besondere Pikanterie übrigens, denn Kerschhofer ist Österreicher und schreibt dort vor allem für die konservative Zeitbühne und die freiheitlichen Genius-Briefe. Chefredakteur schaltete Anwalt ein Ganz hingerissen war man von dem vermeintlichen Tucholsky-Gedicht; „was der für eine Prognosekraft hatte, ja, der Tucholsky, das war schon einer“. So oder so ähnlich lautete der Tenor auf den unzähligen Internetseiten, die das Gedicht übernommen hatten — bis langsam durchsickerte: Das ist ja gar nicht Tucholsky, das ist nicht einmal links, sondern von einem gewissen Kerschhofer, der als Pannonicus bei der konservativen Preußischen Allgemeinen schreibt. Von da ab waren die Reaktionen geteilt. Einige linke Netzseiten nahmen das Gedicht — das eben noch gut genug war — verschämt von ihren Seiten herunter. Andere amüsierten sich über ihren „Reinfall“ und blieben bei der wohlwollenden Rezeption. Die Verbreitung mit falscher respektive ohne Quellenangabe nahm Konrad Badenheuer, Chefredakteur der PAZ, zunächst mit Humor. Doch als sein Autor Kerschhofer auf einigen Netzseiten beschimpft wurde, zudem die Quelle nicht — wie angeboten — freiwillig nachgetragen wurde, sah sich Badenheuer gezwungen, einen Rechtsanwalt einzuschalten. Dabei geht es der PAZ nicht primär ums Geld. Bei einer sogenannten „fiktiven Lizenzzahlung“ käme man den betroffenen Medien sogar weit entgegen. Die ersten namhaften Medien sind dem Vernehmen nach bereit, auf dem Vergleichsweg einen vierstelligen Betrag zu bezahlen. Das hätten sie auch günstiger haben können.

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