Joachim Kuhs

 

Und ewig flimmert die Glotze

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TV-Produzent Rainer (Moritz Bleibtreu) recherchiert über die Fernseh-Quote: Konterrevolution
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Rainer und Senderchef Maiwald
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Spielshow-Moderatorin

Andy Warhol hatte vor zwanzig Jahren mit seinem legendär gewordenen Satz, daß „in der Zukunft jeder für 15 Minuten berühmt sein“ werde, mit Blick auf das heutige Fernsehangebot eher noch untertrieben. Längst  werden gleich serienweise verhaltensauffällige  Jugendliche zu Superstars und Friseurinnen zu Supermodels exponiert, ganz zu schweigen von partnerschaftlichen Krisenbewältigungen zur Mittagszeit: „Feuerwehrmann Frank ist bei einem Unfall gestorben. Zwei Monate später bittet er seine Geliebte per Videoband darum, Vater zu werden …“
In täglichen Talkshows werden existentialistische Probleme wie „Wer von meinen vier Ex-Männern ist der Vater meines neunten Kindes?“ ebenso öffentlich thematisiert wie die heillose Hilflosigkeit, wenn der Schwiegervater der besten Freundin mit dem eigenen Königspudel durchgebrannt ist. Und in „Gerichtsshows“ werden eherne Erfahrungen mit deutscher Jurisprudenz verhandelt: wenn frustrierte Ehefrauen fremdgehende Männer filettieren oder die angefressene Affäre den Dreier durch eine „italienische Scheidung“ mit Zement und tiefem Gewässer zu lösen versucht.

Verantwortlich für derlei Blödsinn ist Rainer, ein von Moritz Bleibtreu gespielter TV-Produzent, der den Leuten frei Haus zum Beispiel Shows liefert, deren Prinzip darin besteht, für die Kandidatinnen den stärksten Samenspender zu finden, der dann 28 Tage Zeit hat, ihr ein Kind zu zeugen und obendrein noch glücklich mit ihr zu werden …

Rainer ist der unumstrittene Star des Senders TTS – seine Shows wie „Hol’ dir das Superbaby“ jagen einen Quotenrekord nach dem anderen. Seine Freundin Anna (Simone Hanselmann) entspricht dem schön-schlanken Blondinen-Klischee, Rainer selbst pudert sich hemmungslos das Näschen, bis ihm das Blut gleich literweise auf das weiße Hemd schießt, rast durch Berlin, hört harten Rap, säuft Wodka und begrüßt andere mit gestrecktem Mittelfinger. Und hemmungslos haut Rainer seinen Schlitten mit einem Baseballschläger zu Klump, um somit die avisierte Prügel von sprachlosen Skinheads, deren Auto er gerade geschrottet hat, zu umfahren.

Dann die Wende: Eine junge Frau, deren Großvater sich nach einer von Rainers Sendungen erhängt hatte, will sich an ihm rächen, Rainer überlebt das Attentat nur knapp. Dem Tode entronnen, sieht er ein, daß es so nicht weitergehen kann. Er probiert ein seriöseres Fernsehformat, das jedoch nach der ersten Episode wegen Quotenmangel wieder abgesetzt wird. „Kein Mensch ist so blöd wie die Shows, die wir machen“, brüllt Rainer seinen Senderchef Maiwald (Gregor Bloèb) an. Die Quoten müssen manipuliert sein. Rainer hängt seinen Job an den Nagel und bricht auf in einen irrwitzigen Kampf um die Macht über die Quoten. Der Schlüssel dabei sind die „IMA“-Boxen. Nur mit Zugang zu diesen Demoskopie-Geräten hält Rainer es für möglich, seine kulturelle Konterrevolution zu starten …

So postulierte auch Regisseur Hans Weingartner, es werde ein Film über kulturelle Revolution, darüber, wie man „seinen Geist befreit“. Nach seinem erfolgreichen Film „Die fetten Jahre sind vorbei“ stigmatisiert er das mangelnde TV-Niveau und die vielzitierte mediale Demagogie. Schon 1985 konstatierte der US-Medienwissenschaftler Neil Postman in seinem Buch „Wir amüsieren uns zu Tode“: Der Fernsehapparat sichere „uns eine ständige Verbindung zur Welt, er tut dies allerdings mit einem durch nichts zu erschütternden Lächeln auf dem Gesicht. Problematisch am Fernsehen ist nicht, daß es uns unterhaltsame Themen präsentiert, problematisch ist, daß es jedes Thema als Unterhaltung präsentiert.“

Man mag „Free Rainer“ als medienkritisches Drama, als Satire oder Burleske samt eingeschlossener Liebesgeschichte betrachten. Wichtig ist vor allem, daß ein profunder Kern, eine insistierende Intention amüsant verpackt daherkommt – ohne den pädagogischen Zeigefinger. Der Film macht Freude. Und man muß dabei nicht in jenem Zustand dümpeln, wie ihn TV-Satiriker Oliver Kalkofe verachtet: „Fernsehen ist so eine Art geistige Neutronenbombe. Das Gehirn wird weggestrahlt, aber der Kopf bleibt stehen.“ Aber ganz ohne Glotze? Geht nicht, gibt’s nicht, nur den Knopf zum An- und Abschalten mit Verstand.

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