Zeitungsente, ick hör dir …

Eigentlich ist es ja noch eine Weile hin bis zum diesjährigen Sommerloch, trotzdem scheint auch in Großbritan-nien eine ausgesprochene Flaute seriöser Nachrichten zu herrschen. So rückte die Londoner Times kürzlich mit der für solche Löcher obligaten Loch-Ness-Geschichte heraus. „Nessie is out“. Das weltberühmte Ungeheuer aus dem schottischen Sagensee südlich der Stadt Inverness sei in Wahrheit ein simpler Zirkuselefant, der sich einst in dem See habe abkühlen wollen, untertauchte und dabei seinen Rüssel aus dem Wasser streckte. Diesen Rüssel hätten Beobachter irrtümlicherweise für den Hals eines schwimmenden Riesensauriers gehalten: Plesiosaurus Tyranno Rex. Die Zeitung beruft sich auf den „bekannten schottischen Paläontologen“ Neil Clark von der Universität Glasgow, der Nessies wahre Identität „in zweijähriger Forschungsarbeit“ endlich geklärt habe. Nachzulesen seien Clarks Schlußfolgerungen in der monatlichen Fachzeitschrift Open University Geological Society Journal. Fast sei es schade um das schöne Horrormärchen, schreibt die Times. Doch die Entzauberung der Welt schreite nun einmal unaufhaltsam voran und mache auch vor Loch Ness nicht halt. Dem Leser dämmert freilich, daß hier jemand ganz anderer entzaubert worden ist: nicht Nessie, sondern – vorausgesetzt, die Times-Geschichte stimmt – der Paläontologe Clark, der allen Ernstes zwei Jahre lang „erforscht“ haben will, wozu man gerade mal ein kleines Quentchen Chuzpe und ein noch kleineres Quentchen Vorstellungskraft benötigt. Loch-Ness-Anwohner wissen, daß fast jedes Jahr irgendein Wanderzirkus seine Zelte an dem idyllischen Gewässer im Norden Schottlands aufschlägt und jedesmal viele Nessie-Touristen in sein Zelt lockt. Enttäuscht vom Nichtauftauchen Nessies, trösten sie sich halt mit den Elefanten. Von da zum „spektakulären Forschungsergebnis“ sind es dann nur noch ein paar ganz kleine Schritte um den Stammtisch herum. Dazu braucht man keine Paläontologen. Oder ging es Professor Clark nur um Geld und Aufmerksamkeit? Auch an Schottlands Universitäten müssen fleißig Drittmittel eingeworben werden, um finanziell über die Runden zu kommen. Forschung ist halt teuer. Wie gut, daß es da die Nessie-Legende gibt.

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