Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Wo sich Reh und Geiger gute Nacht sagen

Links eine Gruppe Rehe auf feuchter Lichtung bei aufsteigendem Abendnebel – argwöhnisch herüberspähend. Rechts eine weite Hügellandschaft mit rauschendem Korn bis zum Horizont. Kein Mensch, kein Haus in Sicht, nur eine immer enger werdende Landstraße, auf der Autokarte nur spärlich verzeichnet. Kaum zu glauben, daß in dieser idyllischen Abgeschiedenheit inmitten der Mecklenburgischen Schweiz das Deutsche Symphonie-Orchester, die Dresdner Philharmonie oder die berühmte Academy of St Martin in the Fields spielen, daß Trevor Pinnock und Krzysztof Penderecki hier den Taktstock schwingen und Armin Müller-Stahl seine Erzählungen liest. Nur noch wenige Kilometer, dann verwandelt sich die Straße in einen kopfsteingepflasterten Weg und der Blick auf das zeitvergessene Wasserschloß Ulrichshusen wird frei. Mit seinem großen Rittersaal und der mächtigen Feldsteinscheune ist das Renaissanceschloß der Familie von Maltzahn das Herz der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern. Zwischen Juni und September lädt das Festival, inzwischen eines der fünf größten Klassikfestivals Deutschlands, unter dem Motto „Auf zur musikalischen Landpartie“ zu gut hundert Konzerten in ganz Mecklenburg-Vorpommern ein, nach Ulrichshusen allein 16mal. Die ersten Konzerte organisierte Festspielgründer Matthias von Hülsen bereits 1990. Gleich nach dem Fall der Mauer ging der gelernte Kinderarzt auf die Suche nach geeigneten Spielstätten. „Ich kam mir vor wie ein Entdecker, fast jedes Dorf hat hier ein verschlafenes kleines Schloß, eine malerische Backsteinkirche oder eine wunderbare Gutsanlage mit großer alter Scheune“, schwärmt von Hülsen. Die neuen oder alten Besitzer dieser Immobilien ließen sich gerne für gemeinsame Projekte mit dem Festival gewinnen, brachte es ihnen doch eine zusätzliche Einnahmequelle für längst überfällige Sanierungen und sorgte darüber hinaus für öffentliche Aufmerksamkeit – für viele Eigentümer, die aus ihren Anlagen Hotels, Kulturzentren oder Erholungsstätten entwickeln wollten, fast noch wichtiger. Anfangs waren die Nachbarn skeptisch Ein Wiederheimkehrer ist Helmuth von Maltzahn (57). Mit seiner Frau Alla und seinen beiden Töchtern kaufte er 1993 das Schloß Ulrichshusen unweit von Waren/ Müritz. „Meine Familie lebt seit über 800 Jahren in dieser Gegend“, erklärt er seine Entscheidung, „was sind dagegen 40 Jahre Exil? Für uns stand immer fest, daß wir hierher zurückkehren würden.“ Damit tauschte die Familie ein komfortables Leben in Braunshardt bei Darmstadt, wo Helmuth von Maltzahn gerade den hessischen Landesdenkmalschutzpreis für die Renovierung eines Rokokoschlößchens gewonnen hatte, gegen eine neue Baustelle ein. Ulrichshusen war damals eine von Sträuchern und Wildranken überwucherte Ruine. Nach einem großen Brand im Jahr 1987 standen nur noch die Außenmauern des Schlosses. Die Feldsteinscheune war ebenfalls im desolaten Zustand und von Unrat vollkommen verdreckt. Trotzdem hatte sich die Familie zum Rückkauf entschlossen, denn das Kastell, 1562 von Ulrich von Maltzan erbaut, hat eine lange Familientradition. Als das älteste Haus der Familie von Maltzahn hat es im Dreißigjährigen Krieg schon Wallensteinsche Truppen und schwedische Schergen beherbergt. Heute ist es eines der wenigen Renaissanceschlösser Norddeutschlands, nach wie vor malerisch gelegen und nicht wie zahlreiche andere Gutsanlagen durch LPG-Baracken oder -Ställe entwertet. „Die Anwohner sind uns zunächst mit großer Skepsis gegenübergetreten“, erinnert sich Alla von Maltzahn, „aber als sie merkten, wir packen hier selber an, fahren eigenhändig die Schubkarren mit Dreck aus der Scheune und nehmen Quartier in einer kleinen Holzhütte neben der Burgruine, da haben sie Vertrauen zu uns gefaßt.“ In Eigeninitiative gingen die Maltzahns noch 1993 auf die Festspielbetreiber zu und boten ihr Anwesen für Konzerte an. So kam es, daß im Sommer 1994 ein erstes großes Orchesterkonzert unter der Leitung von Sir Yehudi Menuhin über tausend Gäste aus dem gesamten norddeutschen Raum in das 33-Seelen-Dorf Ulrichshusen zog. Der erste Konzertabend begann in der nur notdürftig wiederhergestellten Festspielscheune und endete in einer Jazznacht unter freiem Himmel in der Schloßruine. Er setzte einen glanzvollen Auftakt zu einem wahren Konzertreigen, der seither allsommerlich hier stattfindet. 2001 war die gesamte Schloßanlage soweit hergestellt, daß die Familie vollständig nach Mecklenburg übersiedeln konnten. Seither herrscht in Schloß Ulrichshusen und den anliegenden Ferienwohnungen ein ländlich-exklusiver Hotelbetrieb. Das Restaurant wird mit Wild aus den eigenen Forsten beliefert, außerdem betreibt die Familie eine ansehnliche Landwirtschaft mit 600 Hek-tar Acker. Etwa 50.000 Erholungs-, Wander-, Rad- und Kulturtouristen kehren hier jährlich ein. Davon kommen nach Angaben von Alla von Maltzahn 15.000 Gäste allein aufgrund der Festspielkonzerte. „Ich schätze besonders die entspannte Atmosphäre hier“, sagt eine Konzertbesucherin, die schon zum siebten Mal in Ulrichshusen ist, „man sieht die Musiker mit ihren Instrumenten über das Gelände laufen und sitzt nach dem Konzert mit ihnen bei Bier oder Wein am Seeufer“. Gerade bei diesen gemeinsamen Konzertausklängen, sagt Festspielintendant Sebastian Nordmann (34), sei die Stimmung so ausgelassen und euphorisch, daß die Künstler gleich für das nächste Jahr wieder zusagten oder ganz neue Projekte entwickelten. Neben Konzerten mit großen Künstlern und berühmten Klangkörpern findet man im Festspielprogramm von Ulrichshusen zahlreiche „Preisträger-Konzerte“ – eine Spezialität des Festivals. Seit 1995 vergibt es im Rahmen seiner Kammermusikreihe „Junge Elite“ drei Preise, den Solisten-, Publikums- und Ensemblepreis mit je 5.000 bzw. 10.000 Euro dotiert, an herausragende junge und noch „unentdeckte“ Künstler der Saison. Diese oftmals erst 16- oder 17jährigen Preisträger werden in den Folgejahren immer wieder eingeladen und erhalten die Möglichkeit, als Solisten mit großen Orchestern zu spielen. Das Stammpublikum kann über Jahre hinweg die Entwicklung „seiner“ Entdeckung zum gefeierten Musiker mitverfolgen. Die Geigerin Julia Fischer, die 1997 mit erst 14 Jahren den Solistenpreis gewann, der Cellist Daniel Müller-Schott, erster Solistenpreisträger aus dem Jahr 1995, oder der britische Geiger Daniel Hope, der in Ulrichshusen das erste Konzert in der Burgruine mitgestaltete, sind inzwischen in der Klassikwelt international bekannt. Dennoch sagt Daniel Hope, in diesem Jahr erster Preisträger in residence der Festspiele MV: „Ulrichshusen ist einer der schönsten Orte der Welt. Hierher fahren, ist für mich wie nach Hause kommen.“ Auch die Anwohner der Gegend profitieren vom Festspielbetrieb. Viele haben, wenn sie nicht überdies im Familienunternehmen der Maltzahns angestellt sind, auf eigene Faust einige kleine Ferienwohnungen eingerichtet und beherbergen die auswärtigen Gäste. Wann immer von Maltzahn einen Nachbarn trifft, steigt er für ein paar freundliche Worte aus dem Landrover – vermutlich einer der Gründe, weshalb sie auch das neueste Projekt des hemdsärmeligen Betriebswirts mittragen: die Erdbohrungen nach jodhaltiger Thermalsole. Denn er plant, im zwei Kilometer entfernten Tressow, wo er ebenfalls eine verfallenen Gutsanlage erworben hat, ein Heilzentrum zu errichten. Probleme machen nur die meist aus dem Westen „Zugezogenen“, die hofften, in der ländlichen Idylle Mecklenburgs ein einsames Plätzchen gefunden zu haben, und sich nun vehement gegen die Vorhaben von Maltzahns verwahren. Aber weil er nun einmal hier lebt, werde er sich nicht von „lichtscheuen Gestalten“ davon abhalten lassen, die Gegend mitzugestalten und Strukturen zu entwickeln, sagt von Maltzahn, dem man plötzlich auch ansieht, daß er sich nicht die Butter vom Brot nehmen läßt. Im Interesse der Landesregierung, die den Tourismus als wirtschaftliches Standbein Mecklenburg-Vorpommerns ausgemacht hat, dürften seine Vorhaben allemal sein. Deshalb kann er ganz entspannt und nun auch feingemacht mit Sebastian Nordmann letzte technische Details besprechen und die ersten Konzertgäste, die den Weg nach „Uhu“ endlich gefunden haben, herzlich begrüßen. Ein langer Klavierabend mit Preisträgern der Festspiele und dem Münchner Kammerorchester unter Christoph Poppen steht heute auf dem Programm. Bis Mitternacht herrscht geselliges Treiben auf der Schloßanlage, erst dann trollen sich die Gäste in ihre Hotelzimmer, in die nahe gelegenen Ferienwohnungen oder nach Hause. Aber Achtung, es gilt immer: Vorsicht Wildwechsel! Fotos: Gut Ulrichshusen: Die Schloßanlage lockt jährlich 50.000 Touristen in ein 33-Seelen-Dorf, Alla und Helmuth von Maltzahn: „Was sind vierzig Jahre Exil?, Wasserschloß Ulrichshusen: 800 Jahre Tradition verpflichten In Ulrichshusen finden bis zum 15. September noch sieben Konzerte statt. Am 26. August spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Marek Janowski die Ouvertüre aus Wagners „Der fliegende Holländer“, Mozarts Konzert für Violine und Orchester Nr. 3 G-Dur KV 216 und Schostakowitschs Sinfonie Nr. 15 A-Dur op. 141. Im Dezember können sechs Adventskonzerte mit Kunsthandwerksmarkt besucht werden. Informationen und Karten im Internet unter www.festspiele-mv.de oder telefonisch unter 03 85 / 5 91 85-0. Informationen zum Schloß Ulrichshusen unter www.ulrichshusen.de oder telefonisch unter 03 99 53 / 79 00.

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