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Ausbruch aus der Agonie

In Polen führte die Unzufriedenheit zur Gründung von Solidarnosc, in der DDR zur Ausreisewelle. Ein Ausreiseantrag brachte den Staat in eine Zwickmühle: Der Antragsteller hatte einen Schlußstrich gezogen, seine Loyalität war dahin, unter Umständen bildete er einen Unruheherd. Das sprach dafür, ihn ziehen zu lassen. In einem ersten großen Schub zwischen Januar und April 1984 durften 21.000 DDR-Bürger gehen. Doch jeder Brief an Verwandte und Freunde, der von gelungener Integration im Westen berichtete, jede bunte Karte aus Mallorca, ließ die Unzufriedenheit daheim wieder anschwellen und neue Ausreiseentschlüsse reifen. Ein Schneeball-Effekt setzte ein, der bis zum Ende der DDR anhielt. Für die Antragsteller war die Reaktion der Behörden schwer kalkulierbar. Wer öffentliche Aktionen ankündigte, erhielt unter Umständen eine rasche Bewilligung – oder landete im Gefängnis. Wer sich still verhielt, konnte mit Wohlwollen rechnen – oder Opfer einer Zermürbungstaktik werden. Niemand wußte, welches Verfahren bei ihm zur Anwendung kam. Die Ungewißheit gehörte zur staatlichen Herrschaftstechnik. Die Riemanns aus Ost-Berlin, beide Mitte 30, eine Tochter, entschieden sich Anfang 1986 zum Antrag. Sie waren weder Oppositionelle noch litten sie Armut. Sie waren freischaffende Fotografen, mit Buchprojekten beschäftigt, sie verkehrten in Künstlerkreisen und wohnten in einem schönen Haus nahe am Müggelsee. Dietmar Riemann begann damals das Tagebuch zu führen, das nun veröffentlicht wurde. Warum wollten er und seine Frau weggehen? Wer die Frage nicht nur mit Schlagworten beantworten will, muß das Kapillarsystem des SED-Staates beschreiben. Das geschieht hier. Aufschluß geben auch die beigefügten Fotos, die der Autor in seinem Umfeld gemacht hat und auf unspektakuläre Weise die Agonie des Landes zeigen. Auf einer vom Schwamm erfaßten Hauswand prangt ein Plakat mit der Aufschrift: „Vorwärts unter dem Banner von Marx, Engels und Lenin.“ Was Westbesuchern – und jetzt auch Ex-DDR-Bürgern – ein Lächeln abnötigte, wirkte damals als höhnische Machtdemonstration nach innen. Überall war man von den Sym-ptomen des Niedergangs umgeben und realisierte gleichzeitig die Unmöglichkeit, an dieser Entwicklung etwas zu ändern. Die überalterte SED-Führung, die das Land in diese Lage geführt hatte, pries ihre Politik weiterhin als die einzig wissenschaftlich fundierte an und dachte weder an Reformen noch an die eigene Abdankung. Eher würde sie alles mit in den Abgrund reißen, so das finale Gefühl. Eine „Rette-sich-wer-kann-Stimmung“ griff um sich. Schließlich hatte man nur ein Leben. Die Riemanns rechneten mit einigen Monaten Wartezeit. Weil nach erteilter Genehmigung alles sehr schnell gehen mußte und sie vorbereitet sein wollten, packten sie ihre Sachen sofort in Umzugskisten. Doch erst nach fast vier Jahren erhielten sie den begehrten „Laufzettel“, auf dem die Stationen vermerkt sind, die ein „Ausreiser“ vor Grenzübertritt abhaken mußte: Versicherungen, Finanz- und Fernmeldeämter, Energieversorger usw. In der Zwischenzeit lebten sie aus den Koffern, konnten keine nachhaltigen Pläne machen, befanden sich in ständiger Anspannung, Hoffnung, Erwartungshaltung. Beruflich gerieten sie ins Abseits, privat in die Isolation. Freunde, die nach ihnen einen Antrag gestellt haben, reisen vor ihnen aus, andere werden mit der Situation nicht fertig. Riemanns engster Freund schrieb: „Ich habe Angst vor Deinem leeren Haus und den Kisten darin, vor dem Geruch der Emigration, vor Deinen (verständlichen) Aggressionen und vielleicht am meisten Angst vor der Herausforderung, die diese, Deine Situation für mich bedeutet.“ Keine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte Die Nachbarskinder schikanieren die Tochter, von den Eltern stillschweigend dazu ermuntert. Ob ein System sich rot, braun oder demokratisch gibt – die menschliche Schäbigkeit bleibt sich gleich. Psychosomatische Störungen sind die Folge. Als sie im September 1989 endlich ausreisen dürfen, erweist sich das als die letzte Gemeinheit des Staates: Sechs Wochen später geht die Mauer auf, die Geschichte hat sie „eingeholt“, wie Riemann verbittert schreibt. In Berlin haben Fotografen jetzt Arbeit in Hülle und Fülle, sie aber sitzen auf dem Abstellgleis in einem fränkischen Dorf und haben als Freischaffende nicht einmal Anspruch auf Arbeitslosengeld. Der Rückweg ist ihnen versperrt, ihr schönes Grundstück haben sie verscherbeln müssen. Sie gehören zweifellos zu den Klügeren und Flexiblen und sind überhaupt nicht materiell fixiert. Trotzdem – oder deshalb? – fällt ihnen der Neuanfang im Westen schwer. Die letzten Jahre in der DDR haben zuviel Lebenskraft verbraucht. Inzwischen sind sie fast vierzig, kein Alter mehr, in dem man sich schnell umstellen kann. Auch fehlt ihnen die Härte, der Killerinstinkt, den man zum Fortkommen braucht. Bekannte, die sie für Freunde gehalten hatten, sind nur an der billigen Arbeitskraft der Ehefrau interessiert. Die Tochter verschließt sich, wird eine schlechte Schülerin, gleitet in die Punker-Szene ab. Keine deutsch-deutsche Erfolgsgeschichte wird hier erzählt, auch keine Tragödie. Nur ein ziemlich trauriger Einzelfall aus der Generation „DDR 1950“, über die 1989/90 der Westen kam. DDR-Bewohner demonstrieren am 14. Februar 1988 in Dresden für Demokratie und Ausreisefreiheit: Eine „Rette-sich-wer-kann-Stimmung“ griff um sich. Schließlich hatte man nur ein Leben. Ausreise, gültig ab 9. 11. 1989: Eingeholt von der Geschichte Dietmar Riemann: „Laufzettel“. Tagebuch einer Ausreise. Vandenhoeck & Ruprecht. Göttingen 2005, gebunden, 509 Seiten, Abbildungen, 29,90 Euro

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