Aus der Geschichte lernen

Der letzte Teamchef der deutschen Nationalmannschaft, der auf dem Höhepunkt seines Wirkens aus dem Amt schied, war Franz Beckenbauer nach dem Gewinn der Fußball-Weltmeisterschaft 1990. Im Rückblick erscheint sein Abgang durch eine Lüge überschattet. Durch das Potential vielversprechender Nachwuchskicker und nicht zuletzt die nunmehr auch für den DFB verfügbaren Stars des DDR-Fußballs würden die Deutschen, so unser aller „Kaiser“ damals, auf dem grünen Rasen lange Zeit dominierend sein. Davon konnte aber schon bald, nachdem Andy Brehme seinen Elfmeter ins argentinische Netz versenkt hatte, keine Rede mehr sein. Drei der bisher vier Nachfolger Beckenbauers waren immerhin einsichtig genug, nach blamablen Turnierleistungen das Handtuch zu werfen, weil ihnen eine Wende zum Besseren nicht mehr zugetraut werden konnte. Berti Vogts erklärte kurz nach der hochnotpeinlichen Vorstellung seiner Auswahl bei der 98er WM in Frankreich seinen Rücktritt. Erich Ribbeck kapitulierte schon zwei Jahre später nach dem frühen Ausscheiden von Uralt-Matthäus, Babbel, Linke, Hamann und Konsorten bei der Europameisterschaft in Belgien und den Niederlanden. Rudi Völler, ihn liebte immerhin die Öffentlichkeit und verzieh ihm seinen Fatalismus, legte 2004 nach dem EM-Vorrundenaus seiner unter anderem am Fußballriesen Lettland gescheiterten Elf sein Amt nieder. Nun, darauf läßt der desaströse Start (1:4-Pleite gegen Italien) seines Teams ins WM-Jahr schließen, dürfte Jürgen Klinsmann alsbald in die Fußstapfen seiner drei Vorgänger treten. Die Statistik spricht ohne Wenn und Aber gegen den Wunderglauben, den er mit seinem Malibu-Lächeln verbreiten will. Ein einziges Mal hat eine deutsche Nationalmannschaft in der Vorbereitung auf eine Weltmeisterschaft mit mehr als zwei Toren Unterschied verloren: 1938 mit 3:6 gegen England. Demgemäß verlief das folgende Turnier. Vor zwei Jahren ging die DFB-Auswahl im Vorfeld der EM mit 1:5 gegen Rumänien unter. Was dann in Portugal folgte, ist unvergessen. Wenn es wenigstens im Fußball ein Lernen aus historischer Erfahrung gäbe, läge die Konsequenz auf der Hand: Jürgen Klinsmann sollte nicht das sich abzeichnende Debakel bei der WM abwarten, sondern bereits jetzt seinen Hut nehmen und das Spielfeld räumen. Fachmedien aus veritablen Fußballnationen spekulieren bereits über diese Möglichkeit, Franz Beckenbauer hat sie in der Bild-Zeitung von sich gewiesen und damit auch bei uns ins Gespräch gebracht. Aus der Bundesliga, aber auch aus der Nationalelf wissen wir, daß neue Besen anfangs oft gut kehren. Die Weltmeisterschaft ist nahe genug, um diesen psychologischen Effekt nutzen zu können.

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