Auferstanden

Es sind nicht die Krawallmacher, die Marktschreier und Platzhirsche der jeweiligen Musiksparten, die unserer Aufmerksamkeit bedürfen. Die bekommen sie ohnehin frei Haus. Wer bereits im Rampenlicht steht, braucht nicht mehr ausgeleuchtet zu werden. Es sind die Leisen und Unscheinbaren, die außerhalb der Scheinwerferkegel Stehenden, die unsere Beachtung verdienen. Der Mehrwert dieses Ratschlags liegt auf der Hand: Man kann angenehm überrascht werden. Derlei Erfahrung macht, wer sich auf das kürzlich erschienene Album der US-Hardrocker House Of Lords einläßt. Mit „World Upside Down“ (Frontiers Records/Soulfood) ist der Band ein kleines Meisterwerk gelungen. Dabei dürfte es die Truppe um Sänger James Christian eigentlich längst nicht mehr geben. Bereits 1988 von dem Keyboarder Gregg Giuffria gegründet, setzten House Of Lords mit ihrem gleichnamigen Debütalbum auf Anhieb einen Meilenstein in die Landschaft. Bis heute gilt es als eines der besten Stadionrock-Platten jener Jahre. Doch schon bald darauf begannen die Schwierigkeiten. Streitereien untereinander und personelle Umbesetzungen, an denen auch ihr damaliger Manager, Kiss-Bassist Gene Simmons, nicht ganz unschuldig gewesen sein soll, beschäftigten die Band mehr als ihr Fortkommen. Es folgten, mit wechselnder Besetzung, die Alben „Sahara“ (1990) und „Demons Down“ (1993), die jedoch an den Erfolg des Erstlings nicht mehr anknüpfen konnten. Danach löste sich die Band offiziell auf, jeder ging seine eigenen Wege. Dabei wäre es geblieben, hätten sich Giuffria, Christian & Co. nicht überraschend mehr als ein Jahrzehnt später wieder zusammengefunden. Dem durchwachsenen und nur mit Vorbehalten begegneten Album „The Power And The Myth“ (2004) folgten einige Reunion-Auftritte in England und Griechenland ­und, nicht zu vergessen, die obligatorischen Personalwechsel. Schließlich gelingt ihnen, womit kaum jemand mehr rechnen durfte: ein Album der Extraklasse, dem grelles Scheinwerferlicht und satte Verkaufszahlen zu wünschen sind. „World Upside Down“ ist Hardrock vom feinsten und erreicht mühelos höchstes Niveau. Bodenständig, kernig-kraftvoll und hochmelodisch zugleich, fräsen sich die dreizehn Songs schon beim ersten Durchlauf im CD-Spieler durch die Gehörgänge, setzen sich dort fest und büßen auch bei oftmaligem Wiederhören nichts von ihrer Frische und Güte ein, im Gegenteil. Im Grunde weist das kompakte, von James Christian selbst produzierte Album keine wirkliche Schwachstelle auf, allenfalls das kurze Instrumentalstück zur Eröffnung fällt etwas aus dem Rahmen. Schwer zu bestimmen dagegen, welche Songs man herausheben soll, mit Sicherheit aber die außerordentlich eingängigen Ohrwürmer „These Are The Times“, „All The Way To Heaven“ und „Your Eyes“, dazu die gutgelaunten Partykracher „Rock Bottom“ und „My Generation“ sowie die beiden Zuckerwatten „Field Of Shattered Dreams“ und „All The Pieces Falling“. Wem da nicht das Herz aufgeht, der hat keins. Mit Spannung darf jetzt erwartet werden, wie es mit House Of Lords weitergeht. Eben gerade haben die Jungs einige Promotion-Auftritte in England sowie vergangene Woche in Zürich und Berlin absolviert, und James Christian, der übrigens mit der Sängerin Robin Beck („First Time“) verheiratet ist, die zu dem Album ein paar Backing Vocals beisteuerte, hat laut Plattenfirma weitere Veröffentlichungen mit der derzeitigen Besetzung angekündigt. Ob es dazu kommt, bleibt angesichts der wechselhaften Bandgeschichte freilich abzuwarten. In jedem Fall wird „World Upside Down“ in absehbarer Zeit Klassiker-Status für sich beanspruchen können, und zwar zu Recht. Denn verdient hat es das Album allemal.

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