Am Ende der Lindenstraße

Am vergangenen Freitag um 22 Uhr brach in das deutsche Wohnzimmer die Wirklichkeit ein, in der Person des türkischen Drogendealers Can (schiefe Zähne, Kanaksprak, eine virile Kampfmaschine – großartig: der junge Oktay Özdemir), der einer altlinken, angstschlotternden Professorenfamilie verkündete: „Ich bin jetzt auch einer von euch!“ und: „Ich will Ihr Haus!“ Er verkündete das Ende der Republik Lindenstraße! Man kann verstehen, daß die ARD den Film „Wut“ in das späte Abendprogramm abschob. Es ging ihr nicht um Jugend-, sondern um Selbstschutz, denn der Film, indem er aktuelle Problem- und Stimmungslagen im Land unzensiert aufgriff, entlarvte zugleich ARD und ZDF mit ihren Musikantenstadls, Utta-Danella-Filmen und Beiträgen über Skinhead-Hansels, die die dräuende zweite Machtergreifung vorbereiten, als Agenturen der Volksverblödung und politischen Manipulation. Felix, der cellospielende Sohn, ist den Erpressungen und Demütigungen von Can hilflos ausgesetzt. Dem Vater perlen unterdessen hehre Worte über Toleranz, Liberalismus, Debattenkultur und Multikulti von den Lippen. Seine Attitüde, Sprache und Gedanken sind nur Posen, die in dem Moment in sich zusammenfallen, als sie vom realen Leben auf die Probe gestellt werden. Er selber liegt zusammengehauen im Straßendreck, und dem Zuschauer fällt es schwer, keine Schadenfreude zu empfinden. So muß es kommen, wenn man wegen dem „Hitlerkomplex“ (wie sein Sohn ihm vorhält) systematisch ein paar anthropologische Konstanten mißachtet. Der postnational aufgeklärte Vater schrumpft zum Mann „ohne Ehre“, wie Can erklärt, der die Familie nicht schützen kann, oder, noch drastischer, zur „Schwuchtel“. Frau und Sohn sehen das ähnlich, und Felix, ohne Vater-Vorbild und Erbe seiner Schwäche, weiß bereits, daß er keine Kinder will, um nicht selber vor ihnen ein beschämendes Jammerbild abgeben zu müssen. Die Kritik am politischen, moralischen und intellektuellen Versagen spitzt er zu der Frage zu: „Warum habt ihr die in unser Land gelassen?“ Ja, das weiß der Professor auch nicht mehr so genau. Ihm dämmert immerhin, daß er nichts taugt, Selbsthaß steigt hoch, er richtet die Pistole auf sein Spiegelbild. Die demographischen Verschiebungen plus jugendlich-„migrantisches“ Krieger-ethos stellen ein reales Kampfpotential dar, das die soziale und finanzielle Landnahme auf weitere Bereiche vorantreibt. Der charismatische Berliner Gangsta-Rapper Bushido sagte auf die Frage nach den Einwanderer-Krawallen in Frankreich: „Ich glaube, in Deutschland gibt es nichts, was so ein Verhalten wie in Frankreich rechtfertigen könnte. Uns geht es gut, wir sind nicht in Afghanistan oder im Libanon, wo die unterste Schicht nichts hat.“ Bloß was, wenn das wegen leerer Kassen einmal anders wird? Von einer Synthese aus Habermas und Schäuble träumt Thomas Schmid und veredelt in der FAS den Islam-Gipfel zum „staatsgestützten kommunikativen Handeln“. Die Hoffnung auf den zwanglosen Zwang des besseren Arguments auf der normativen Basis einer vernunftorientierten Lebenswelt stirbt halt zuletzt. „Uns allen ist die Lebenswelt als eine nichtgegenständliche, vortheoretische Ganzheit auf unproblematische Weise intuitiv immer schon gegenwärtig – als Sphäre der täglichen Selbstverständlichkeiten, des Common sense.“ Doch leider haben Can und seine Kumpels kein Habermas-Seminar besucht und machen sich daran, Lebenswelt und Common sense zu verflüssigen – nicht auf die kommunikative, sondern auf die hemdsärmelige Art. Das Deutschland, das sie verändern, ist nicht mehr das des Lindenbaums, von dem der „Zauberberg“ erzählt, sondern das der Lindenstraße: des ARD-Irrenhauses, wo Multikultis, Ausländer, Schwule und Punks stets die Guten und die anderen verkappte Nazis oder wenigstens dumm sind. Man könnte die deutsche Innen- und Ausländerpolitik der letzten Jahrzehnte als einen Großversuch beschreiben, ganz Deutschland in eine Lindenstraße zu verwandeln, mit Geissendörfers Gutmenschen-Kitsch ernst zu machen und diejenigen, die das für irre halten, für verrückt zu erklären. Nur haben die Leute wie Felix‘ altlinker Papa eines dabei übersehen: Wohl kann man ein begrenztes Territorium in ein „Lager“ verwandeln und dort die Realität abschaffen, doch der Preis besteht darin, daß die Wirklichkeit eines Tages mit desto größerer Wucht von außen hereindringt und man ihr wehrlos gegenübersteht. Der staatstragende, subventionierte Kulturbetrieb inklusive des weichgespülten deutschen Films komplettiert die deutsche Realitätsverweigerung. Und will das Publikum es überhaupt anders? Erbauungswerke wie „Das Wunder von Bern“ und „Good bye, Lenin“ zogen Millionen an, Detlef Bucks realistischer Streifen „Knallhart“ blieb unter ferner liefen. Und im übrigen dröhnt sich der mündige Wahlbürger mit Musikantenstadl, Utta Danella und islamisch korrektem Staatskabarett voll. „Der Kitsch ist eine Spanische Wand, hinter der sich der Tod verbirgt“, heißt es bei Milan Kundera. Ein türkischer Macho hat sie mit einem einzigen Fußtritt beiseite gefegt. Bravo, Can! Foto: Can (Oktay Özdemir) drangsaliert seinen deutschen Mitschüler Felix (Robert Höller)

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