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Pankraz, Harold Pinter und die Wege des Ruhms

Gegen die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Harold Pinter ist eine Menge Richtiges gesagt worden, aber auch manches Falsche. Am falschesten war der Einwand, der Preis sei "zu spät" gekommen. Was nützten denn, so wurde gesagt, dem Autor jetzt noch Geld und Ruhm, da er alt und krank und reich sei. Pankraz sagt dagegen: Geld kann man immer gebrauchen, frühes Geld verdirbt oft nur den Charakter, und Ruhm kann gar nicht spät genug kommen. Erst später Ruhm ist richtiger Ruhm.

Was heute als Ruhm gehandelt wird, ist meistens nichts weiter als überdimensionale Bekanntheit, penetrante Medienpräsenz, sogenannte "Prominenz", vulgo: Promi-Status. Ob etwas ruhmwürdig ist oder nichtswürdiger Geistes- und Tatenschrott, enthüllt sich immer erst aus einer gewissen Zeitdistanz. Es gilt das schöne Wort von Schopenhauer: "Den Ruhm kann man den Winterblumen vergleichen, die im Sommer wachsen, aber im Winter genossen werden."

Wobei es mit dem "Genießen" seine eigene Art hat. Der Preis des Berühmtseins ist meistens ziemlich hoch. Es beginnt mit mancherlei Unbequemlichkeiten und Sicherheitsvorkehrungen und endet noch nicht mit der Wut und der Scham über die oft grotesken Mißverständnisse, die Ruhm begründen können. Gegen Schopenhauer steht Lichtenberg: "Je berühmter einer wird, um so mehr muß er sich über die Blödsinnigkeit der Bewunderer ärgern."

Viele Berühmtheiten, besonders Nobelpreisträger, können nicht mit ihrem Ruhm umgehen, stehen ihm gewissermaßen im Wege. Je früher einer den Preis kriegt, um so gründlicher dementiert er ihn, wobei das übrigens noch öfter Physikern und Chemikern widerfährt als Literaten. Jene haben zufällig einmal einen Einfall gehabt, irgendein "Teilchen" entdeckt, ein zweites Mal passiert ihnen das nicht mehr in ihrem langem Leben. Und jeder Assistent im Labor fragt sich hämisch: "Wieso hat unser Alter eigentlich den Preis gekriegt? Dem fällt ja noch weniger ein als mir."

Im Grunde gibt es nur einen einzigen einigermaßen haltbaren Ruhm, nämlich den Nachruhm, den Totenruhm. Aber da dieser den Lebenden nach moderner Auffassung nichts mehr "nützt", steht er sehr tief im Kurs. In alten Zeiten war das anders, da glaubte man, sich durch Ruhmestaten einen Platz am Tisch der Helden und Märtyrer oder gar der Götter selbst erobern zu können, und entsprechend war das allgemeine Ruhmesverlangen. "Dreißig Jahre alt, und noch nichts für die Unsterblichkeit getan!" Dieser berühmte Ausruf Julius Cäsars angesichts einer Statue Alexanders des Großen beschreibt die damalige Lage.

Es ging keineswegs um die bloße Erinnerung, also nicht darum, "irgend etwas" zu tun, um damit dauerhaft in die Annalen einzugehen. Sondern man wollte unbedingt den Menschen und den Göttern wohlgefallen, nur so war echter Ruhm erlangbar. Als abschreckendes Gegenbeispiel erzählte man sich von Herostratos, der im Jahre 356 v. Chr. den gewaltigen Artemistempel von Ephesos anzündete, nur um berühmt zu werden. Dies, so wurden die tatendurstigen Jünglinge belehrt, sei abgrundtief verächtlich und markiere ein für allemal die Grenze zwischen (willkommener) Ruhmbegier und (ewig zu verdammender, den Weltkreis empörender) Ruhmsucht.

Früh auch fragte man sich, ob der Feldherrenruhm, der Schlachtenruhm, wirklicher Ruhm sei oder nicht verkapptes Herostratentum. Für Aristoteles, den Lehrer des Alexander, war ausgemacht, daß durch Blutvergießen erworbener Ruhm unbedingt einer speziellen Rechtfertigung bedürfe, um aufstrahlen zu können. Jedenfalls überliefert das der Philosophiehistoriker Jamblichos, und er fügt hinzu: "Was ist denn lang und dauerhaft von den menschlichen Dingen? Was den Staat in guter Ordnung hält und der Gesang trefflicher Dichter."

Heute hat sich das Rad faktisch um volle hundertachtzig Grad gedreht. "Ruhm" erwirbt, wer Unordnung schafft und dadurch in die Medien kommt. Und die trefflichen Gesänge haben sich in schrille Synkopen verwandelt, je schriller, desto besser. Herostatos redivivus. Die mit riesigem Abstand berühmteste Gestalt unserer Tage ist ein Mann namens A. H., den noch im fernsten Kaffernkral und auf der abgelegensten Südseeinsel jeder Schuljunge kennt und der wie ein Schatten beinahe jedes intellektuelle Gespräch begleitet und strukturiert.

Als ethischer oder ästhetisch-literarischer Orientierungspunkt fällt der Ruhm inzwischen vollkommen aus. Wer es als Staatsmann oder Literat ausdrücklich darauf anlegt, "berühmt" zu werden, der muß rechtzeitig und gründlich von allen moralischen und ästhetischen Maßstäben Abschied nehmen. Er muß statt dessen – dies zuallererst – mit den Medien umzugehen verstehen, sie planvoll mit Überraschungen und Kehrtwenden füttern und bei guter Laune halten. Er muß den Geschmack der Massen kitzeln sowie die Schamschwellen senken, selbst bei Entgegennahme eventueller Danksagungen. "Wenn die Dankbarkeit vieler gegen einen alle Scham wegwirft, dann entsteht Ruhm" (Friedrich Nietzsche).

Doch wie gesagt, echter Ruhm, der wenigstens ein bißchen Erinnerungsgarantie mit sich führt, entsteht spät, er ist, wenn nicht Nachruhm, so doch immer Nachhall, Surrogat, Preis für eine Sache, die gewesen ist und die das eigentliche Glück war. Frauen wissen das am besten, weshalb sich durch die weibliche Literatur der Zeiten eine ausgesprochene Ruhmskepsis zieht, von den alten Sibyllen bis hin zu Madame de Staël und Anna Seghers. "Der Ruhm ist nur das prunkvolle Trauerkleid des Glücks", lehrt die Artemis der letzteren in den frühen Erzählungen.

Über die Miserabilität neuerer Nobelpreisverleihungen und anderer aktueller Turnübungen am Reck der Ruhmstiftung tröstet das allerdings nicht hinweg. Ruhm und Ehre wurden lange in eins gesetzt; seit neuerem aber gilt: Der Ruhm ist zuallermeist das Grab der Ehre.

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