Odyssee eines Maultiers

Die 17jährige Maria (Catalina Sandino Moreno) wächst in den beengten Verhältnissen einer kolumbianischen Kleinstadt auf. Sie arbeitet auf der Rosenplantage, dem einzigen ortsansässigen Unternehmen mit Arbeitsplatzangebot, wird dort schlecht bezahlt und gegängelt. Der häuslichen Armut, dem sozialen Druck der Familie und auch dem eigentlich ungeliebten Freund Juan (Wilson Guerrero), von dem sie schwanger ist, möchte sie gerne entfliehen, doch die Situation scheint aussichtslos. In dieser Lage lernt Maria den charmanten Franklin (Jhon Alex Toro) kennen, der als niedere Charge ins Drogengeschäft involviert ist. Franklin berichtet ihr von der Möglichkeit, als „Maultier“ Geld zu verdienen, und Maria läßt sich auf das Geschäft ein. Sie schluckt 62 Kokain-Päckchen und transportiert sie nach New York, in die scheinbar perfekte Welt ihrer Träume. Doch die Reise wird zu einer harten Prüfung für Maria. Körperliche Beschwerden, brutale Drogenhändler und die aufmerksamen US-Behörden setzen dem Mädchen zu auf seiner einsamen Odyssee in einem unbekannten Land. Deutlich werden das Gefälle und die Abhängigkeitsverhältnisse zwischen den führenden Industriestaaten und der sogenannten „Dritten Welt“ offengelegt. In New York schlendert Maria an einem Blumengeschäft vorbei, sieht die Rosen zum Kauf angeboten, die sie mühevoll in der heimischen Plantage hat beschneiden müssen. In dieser Stadt wird zugleich von satten Reichen das Rauschgift konsumiert werden, das sie unter Lebensgefahr in ihrem Körper eingeschmuggelt hat. Schließlich darf nicht vergessen werden, daß ein Großteil des nordamerikanischen und europäischen Bedarfs an Opiummohn und Cocapflanzen in Südamerika und Südasien produziert wird. Der Ausbau des internationalen Flugstreckennetzes eröffnete dem Drogenschmuggel neue Möglichkeiten. Die Beamten des New Yorker John F. Kennedy Airport haben seit Anfang der achtziger Jahre mit dieser Kriminalität zu tun. Gewöhnlich schluckt ein Drogenkurier 80 bis 125 Päckchen, was etwa einem Kilogramm entspricht. Der Verdienst für eine Reise beträgt 5.000 bis 8.000 Dollar, das Drei- bis Vierfache des kolumbianischen Jahresdurchschnittseinkommens. Das geschmuggelte Kilogramm Heroin bringt in New York 75.000 bis 100.000 Dollar ein, gestreckt auf der Straße gar 350.000 Dollar. Jährlich geben die Amerikaner schätzungsweise 46 Milliarden Doller für Kokain und Heroin aus, ein einträgliches Geschäft für die Händler also. Lange hat sich Joshua Marston, ein studierter Sozialpädagoge, für seinen Debüt-Spielfilm mit dem Schicksal südamerikanischer Drogenschleuser beschäftigt. Der kalifornische Filmemacher beobachtete Emigranten in seiner Nachbarschaft, unterhielt sich mit einer verhafteten Drogenkurierin, mit einem Chirurgen, der durch ärztliche Eingriffe zahlreichen Kurieren bereits das Leben gerettet hatte, und mit Orlando Tobón, der als Wortführer der kolumbianischen Gemeinschaft in New York gilt. Dieses intensive Quellenstudium verleiht „Maria voll der Gnade“ jene Authentizität, die keine skeptischen Fragen nach Handlungskonstrukten oder Glaubwürdigkeit aufkommen läßt. Förderlich ist dieser Qualität allerdings vor allem, daß es kein Film über Drogenkuriere an sich, sondern über die Irrfahrt des Mädchens Maria geworden ist, der Blick also nicht von außen, sondern im Grunde nur aus den Augen Marias erfolgt. Marston ist ein bewegender Film gelungen. Einfühlsam nähert er sich den tristen Lebensumständen und Gefühlen der 17jährigen, die von Abenteuer, Freiheit und Wohlstand träumt. Grausam realistisch dokumentiert er, wie die Drogenkurierin angeworben wird, wie sie lernen muß, die dicken Päckchen ohne Kauen und Würgen in die Speiseröhre gleiten zu lassen, und welchen Gefahren sie ausgesetzt ist. Dabei schweift die Kamera nie ab, zeigt stets Maria, und zwar nicht als gänzlich unwissendes Opfer, sondern durchaus als mutige, entschlossene junge Frau, welche die Tortur bewußt auf sich nimmt. Das unterscheidet den Film von anderen Streifen über Frauenschicksale wie Lukas Moodyssons „Lilja 4-ever“. Am Ende steht keine Gebrochene, sondern eine Geläuterte, die ihr Herz entdeckt hat. Foto: Maria (Catalina Sandino Moreno): Geläutert, nicht gebrochen

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