Erfolgsmodell Preußen

War „der Staat Preußen … seit jeher Träger des Militarismus und der Reaktion in Deutschland“, wie es der völkerrechtswidrige Kontrollratsbeschluß über seine Auflösung am 25. Februar 1947 befindet? War er ein „Militär- und Obrigkeitsstaat“, wie ihn nicht wenige deutsche Historiker abschätzig nennen? Antworten auf diese Frage gibt das Buch „Preußen und die Wurzeln des Erfolgs“ von Ehrhardt Bödecker. Als Soldat des Jahrgangs 1925 schwerverwundet, studierte er Recht, Wirtschaft und Geschichte in Berlin und den USA. Der ehemalige Richter, Rechtsanwalt, erfolgreiche Unternehmer und jetzt Betreiber seines vielbesuchten „Brandenburg-Preußen Museums“ im märkischen Wustrau, Geburts- und Begräbnisort Hans Joachims von Ziethen, beweist viel Sachkenntnis und vor allem den bei vielen etablierten Historikern oft vermißten Sinn für Relationen. Er kleidet seinen Zorn ob des Netzes von Ignoranz, Unlogik und Böswilligkeit mancher Zeitgeisthistoriker, das Preußen hierzulande immer noch umfängt, in wohlgesetzte Worte und zerreißt es in zwölf in sich abgeschlossenen Kapiteln, die sich gewinnbringend überschneiden. Zunächst untersucht er die vielen grundsätzlichen Anwürfe gegen Preußen-Deutschland. Den Theologen und Kollektivbeschuldiger Karl Barth konfrontiert er mit der nüchternen Feststellung des Publizisten Ernst Friedländer, daß die Linie Friedrich des Großen – Bismarck – Hitler schließlich auf letzteren zurückgeht. Mit den Worten des Mitbegründers der Sozialen Marktwirtschaft Wilhelm Röpke von 1956 geißelt er „die Verflachung, Einebnung, Unselbständigkeit, Herdenhaftigkeit und banale Durchschnittlichkeit des Denkens, die wachsende Herrschaft der Halbbildung, die Zerstörung der Hierarchie, der geistigen Leistungen und Funktionen“, die den Schuldzuweisungen und der Wirkung der 68er zugrunde liegt. Den negativen Mythen der Frankfurter Schule stellt er die englischen Historiker David Blackburn und Geoff Eley entgegen, die 1980 ihren deutschen Kollegen Unkenntnis der glorifizierten britischen Fehlinterpretationen der preußisch-deutschen Geschichte nachweisen. 1981 empfahl der Politologe Kurt Sontheimer auf einer Historikertagung, zur weiteren Demokratisierung Deutsch-lands „an der These vom Preußisch-Deutschen Kaiserreich … als Vorläufer Hitlers festzuhalten“, gleich ob richtig oder falsch. Zwölf Jahre später gibt der jüngst verstorbene Historiker Wolfgang J. Mommsen diese ideologische Unwissenschaftlichkeit zu: Selbstverständlich habe sich die historische Forschung an den Grundwerten einer demokratischen Gesellschaft orientieren müssen. Der preußische Staat sei deshalb in Ungnade gefallen. Bödecker verweist auf die großen Verdienste Preußens um die Gestaltung des Reiches und ergründet ihre lange vorher gewachsenen Wurzeln. Auch dem Preußen-Kenner bringt er dabei Neues an Fakten oder Sichtweisen. Seine Vergleiche mit heutigen Gegebenheiten sollten auch Preußen-Skeptiker nachdenklich stimmen. Er läßt begreifen, welch keineswegs selbstverständliche Leistung es war, aus einem Konglomerat von 25 Staaten mit viel kulturellem, religiösem, sozialem und politischem Zündstoff bei wenig verantwortungsvoll agierenden Politikern und Presse in kürzester Zeit den seinerzeit modernsten Staat zu bilden. Bödecker weist auf die formende Kraft für die ganze Gesellschaft, die vom preußischen Adel ausging, der generationenlang zum Dienst am Staat und zur Verantwortung für die Gemeinschaft erzogen worden war. Noch vor den französischen Aufklärern verpflichteten aufgeklärtes Denken und Pietismus Hoch und Niedrig zu sittlich gebundenem Verhalten gemäß dem Marschlied preußischer Grenadiere: „Gib, daß ich tu mit Fleiße, was mir zu tun gebühret.“ Das preußische Bildungswesen, welches später sogar in den Kolonien so zur preußisch-deutschen Staaträson gehörte, nötigte sogar dem britischen Statthalter Deutsch-Ostafrikas nach dem Ersten Weltkrieg die Feststellung ab, das Reich habe „auf dem Gebiet des Schulwesens wahre Wunder“ geleistet. Das von Preußen dominierte Deutschland wurde in Wissenschaft und Wirtschaft zur Führungsmacht, was zwischen 1871 und 1914 jährlich über 380.000 neue Arbeitsplätze schuf. Bei damals fortschrittlichster sozialer Fürsorge hatte das Reich mit ein bis zwei Prozent die wenigsten Arbeitslosen ( Frankreich und Großbritannien fünf bis zehn Prozent). Die sehr kompetente Verwaltung, die kurzen Entscheidungswege und die bürgerliche Selbstverwaltung wurde von der Weltmacht Großbritannien bewundert und studiert. Der Rechtsstaat verwehrte selbst dem Kaiser, das gewünschte 1er Autokennzeichen dem Erstbesitzer abzunehmen. Was bleibt von „demokratischen Defiziten“, wenn schon das Dreiklassen-Wahlrecht, ausgeprägter noch das zum Reichstag, einem viel größeren Teil der Bürger als in Großbritannien die Wahl erlaubte? Wo sonst galt die klassische Gewaltenteilung, die im Gegensatz zum Parlamentarismus unabhängige Justiz und Effizienz der Exekutive garantierte? Widerspricht nicht die übliche Sicht Bismarcks als Sozialisten-Feind in bezug auf gegenwärtige Diskussionen zu Parteiverboten der wahren Kausalität? Noch 1903 sagte August Bebel, Führer der Sozialdemokratie und Mitglied des Reichstages, auf einer Parteiversammlung unter Beifall: „Ich will der Todfeind dieser Gesellschaft in dieser Staatsordnung bleiben, um sie in ihren Existenzbedingungen zu untergraben und sie, wenn ich kann, zu beseitigen.“ Der Vorwurf des Militarismus, des Vorzugs des Militärischen vor dem Zivil-Politischen, erweist sich trotz der hohen Stellung der Armee in Preußen und im Deutschen Reich als unwahr. Allein nach ihren vielen Kriegen und ihrer imperialen Ausbreitung geurteilt, träfe er in viel größerem Maße auf Großbritannien und Frankreich zu. Auch wenn die überwiegend pauschalen Quellenangaben für eine fundierte Argumentation unpreußisch unpraktisch sind, hat Bödecker für ein gerechtes preußisch-deutsches Geschichtsbild eine hervorragende Argumentationsgrundlage geschaffen. Sie bietet zugleich tiefergründige Empfehlungen für die heutige Politik als alle gängigen mechanistischen Standort-Deutschland-Diskussionen. „Victoria“ , Holzstich von Rudolf Eichstädt 1896: Rückführung der von Napoleon 1806 geraubten Quadriga nach Berlin am 10. April 1814 Ehrhardt Bödecker: Preußen und die Wurzeln des Erfolgs. Olzog Verlag, München 2004, 375 Seiten, gebunden, 22 Euro

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