Die Republik stellt ihr Büßergewand zur Schau

Wenn eine Ausstellung mit dem Titel „1945: Der Krieg und seine Folgen – Kriegsende und Erinnerungspolitik in Deutschland“ im Deutschen Historischen Museum (DHM) in Berlin nicht nur von Kulturstaatsministerin Christine Weiss, sondern auch durch eine Podiumsdiskussion mit Bundesaußenminister Joschka Fischer und der grauen Eminenz der bundesdeutschen Zeitgeschichte, Heinrich August Winkler, eröffnet wird – dann sind dies genügend Indikatoren dafür, daß diesem Projekt eine Schlüsselstellung beim offiziellen Gedenken eingeräumt wird. Tatsächlich erhielt die zunächst nur auf Sparflamme lodernde Präsentation üppige Finanzspritzen aus öffentlichen Kassen, wenngleich Direktor Hans Ottomeyer bei der Eröffnung beklagte, daß diese erst in sprichwörtlich letzter Minute das eigene Haus erreicht hätten. Die Ausstellung ist in zwei Hauptteile gegliedert: Zum einen wird die Nachkriegsentwicklung in den Westzonen bzw. der Bundesrepublik und der SBZ bzw. der DDR vor dem Hintergrund der realen Situation des verlorenen Krieges betrachtet. Der zweite Bereich widmet sich der Erinnerungspolitik in den beiden deutschen Teilstaaten und dem vereinigten Deutschland bis zum heutigen Tag. Schon beim groben Überblick fällt auf, wie stark die beiden Kapitel miteinander verzahnt sind: So zeigt sich deutlich, daß die offizielle Staatspolitik der Bundesrepublik ebensowenig von der Erinnerungspolitik an den Nationalsozialismus getrennt werden kann wie jene der DDR. Erinnerungspolitik bzw. -kultur folgten wiederum dem Gedanken der Aussöhnung mit den europäischen Nachbarn und der Rückkehr in die internationale Völkergemeinschaft. Beide Teilstaaten wollten demonstrieren, daß in ihnen eine Abkehr von der deutschen Politik der Vergangenheit betrieben wurde; in der Bundesrepublik etwas mehr; in der SBZ etwas weniger mit der Möglichkeit eigener Optionen. Deshalb verschrieben sie sich Bündnissen und Pakten und verzichteten auf große Teile deutschen Gebietes. Wie Ulbricht mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze von 1950 möglichen Streitpunkten mit anderen „Volksdemokratien“ aus dem Wege gehen wollte, so verzichtete Adenauer schon früh zugunsten einer „europäischen Lösung“ auf das Saarland als Streitapfel zwischen Deutschland und Frankreich. Daß es doch anders kam und das Saargebiet 1957 als elftes Land an die Bundesrepublik zurückfiel, war einzig und allein dem Willen der mehrmals „verschobenen“ Einwohner zu verdanken, die sich mit einer klaren Zweidrittel-Mehrheit für die Rückgliederung an Deutschland aussprachen und der Adenauer-Lösung ein deutliches Nein entgegenstellten. Seit 1945 hat in Deutschland die Außenpolitik Vorrang Die Präsentation verdeutlicht auch in eindrücklicher Weise, daß sich die deutsche Politik nach 1945 immer erst in zweiter Linie am eigentlichen Nutzen für das deutsche Volk orientierte und an diesem gemessen werden kann. Zur Widerlegung „deutscher Großmachtsansprüche“ akzeptierte Adenauer bereits im Herbst 1945 die deutsche Teilung, indem er einer separaten politischen und wirtschaftlichen Entwicklung der Westzonen das Wort redete und damit auch die Abtrennung des „von Rußland besetzten Teiles Deutschlands“ befürwortete. Die Bemühungen des vom ZDF im vergangenen Jahr zum „größten Deutschen“ Gekrönten um die Wiederbewaffnung galten in erster Hinsicht nicht der eigenen Landesverteidigung, sondern der Einbringung eines „europäischen Wehrbeitrags“, zu dem er sich in Verhandlungen verpflichtet hatte. Auch seine Nachfolger setzten diesen Kurs fort, der sich lediglich in der Ausführung unterschied. Westbindung und Neue Ost-Politik wurden innenpolitisch als Brückenfeiler des neuen, demokratischen Deutschland verkauft, obwohl sie in erster Linie nach klaren außenpolitischen Prämissen ausgerichtet waren. Ein interessantes Beispiel für eine solche Fixierung bietet die Ausstellung im Abschnitt „Gedenken an den Bombenkrieg“. Hier wird die These vertreten, daß in der Bundesrepublik nur eine geringe Aufarbeitung dieses Komplexes erfolgt sei, weil das Gedenken an die alliierten Luftangriffe zunächst einen Konfliktpunkt für die Westintegration und danach für die enge westliche Partnerschaft darstellen konnte. Dagegen wurde in der Bundesrepublik die Vertreibung aus den Ostgebieten – insbesondere, wenn sie eine antikommunistische Tendenz aufwies – auffallend breit thematisiert. In der DDR war es genau umgekehrt: Der Bombenopfer wurde offiziell in großem Stil – und mit eindeutiger Schuldzuweisung an die Adresse der Westalliierten – gedacht, während die Vertreibung der Deutschen aus leicht nachvollziehbaren Gründen ein Tabuthema war. Es überrascht nicht, daß in der Ausstellung die „Befreiungs-Rede“ des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker aus dem Jahr 1985 immer wieder in den Mittelpunkt gerückt wird. Obwohl im Begleitband an einer Stelle korrekt darauf verwiesen wird, daß der 8. Mai 1945 „auf keine einheitliche Formel zu bringen“ sei, stellt diese Auffassung doch eine absolute Ausnahme dar. An anderer Stelle wird im gleichen Band unmißverständlich erwähnt, der 8. Mai sei „allgemein anerkannt als Tag der Befreiung“, und bedrohlich die Gefahren beschworen, die entstehen könnten, wenn „der gesellschaftliche Konsens über den 8. Mai als Tag der Befreiung“ in Frage gestellt würde. Derartige Widersprüche sind allerdings kein Einzelfall: So wird im Abschnitt „Die Erinnerung an Wehrmacht und Vernichtungskrieg“ die Ausstellung von Jan Philipp Reemtsmas Hamburger Institut für Sozialforschung „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ positiv herausgestellt, da erst sie – anders als die weit früher erfolgte historische Erforschung der Rolle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg – zu einer breiten öffentlichen Diskussion beigetragen habe. Andererseits wird beim „Gedenken an den Bombenkrieg“ die wichtige Funktion der Bücher von Jörg Friedrich – dessen Werk „Der Brand“ lediglich einmal im negativen Kontext erwähnt wird – nicht nur verschwiegen. Sie wird darüber hinaus durch die Anmerkung in Frage gestellt, daß die Forderung nach einem expliziten Gedenken an die „deutschen Opfer“ nicht nur die „60jährige Geschichte des Gedenkens an die Opfer des Bombenkriegs“ leugne, sondern zudem auch „in neonazistischen Kreisen“ breiten Widerhall finde. Bezeichnenderweise präsentiert das Museum in diesem Sektor gleichfalls kein Dokument eines angemessenen Gedenkens an die Bombenopfer, sondern vielmehr ein Antifa-Plakat mit dem Titel: „Den deutschen Opfermythos im Visier: Demo gegen jeden Geschichtsrevisionismus“, auf dem eine erneute Zerstörung der Frauenkirche visualisiert wird. Weitere Objekte wie ein Aufkleber des Semperkreises: „Diese Stadt hat Nazis satt“ und eine 1994 in Kranenburg eingeweihte Gedenktafel, die nicht an die Bombenkriegsopfer, sondern an zwei alliierte Bomberpiloten erinnert, die nach einem Flugzeugabsturz in deutsche Hand gerieten und erschossen wurden, können ebenfalls kaum als Beleg für eine kontinuierliche Beschäftigung mit diesem Komplex dienen. Die These von der „Befreiung“ stellt sich selbst in Frage Ähnliche Fragwürdigkeiten finden sich auch im Bereich „Erinnerung an Flucht und Vertreibung“, der die Ergebnisse der aktuellen Forschungen über die Situation der als „Umsiedler“ Titulierten in der SBZ vollkommen negiert. So wird die schnelle Festschreibung der Oder-Neiße-Grenze in der DDR bereits im Jahr 1950 auf die SED-Ideologie der „sozialistischen Völkerfreundschaft“ zurückgeführt. Tatsächlich gab es jedoch in den Jahren 1945 und 1946 auch in der KPD durchaus kritische Stimmen gegen eine solche endgültige Grenzziehung. Doch die mit der SPD zur SED zusammengeschweißte Partei wurde durch die sowjetische Besatzungsmacht gezwungen, sich von dergleichen Theorien schnellstens zu verabschieden. So bleibt die Ausstellung „Der Krieg und seine Folgen“ im wesentlichen innerlich widersprüchliches Stückwerk. Zudem begeben sich Kurator und wissenschaftliche Leitung mit dem krampfhaften Versuch, um jeden Preis eine gemeinsame europäische Gedenkkultur an das Kriegsende in Europa zu konstruieren – die es bis heute in der Realität nicht gibt -, auf ein wenig tragfähiges Terrain. Letztlich stellen sie damit auch ihre einseitige Theorie von der „Befreiung“ – welche im Rahmen der Präsentation nicht diskutiert, sondern auf Biegen oder Brechen als „allgemeiner gesellschaftlicher Konsens“ verteidigt wird – ernsthaft selbst in Frage. Fotos: Trümmerfrauen in Berlin, 1946: Bedrohlich die Gefahren des Gedenkens an deutsche Opfer beschworen, Plakat: „Wo sind unsere Kinder?“ Sowjetische Besatzungszone 1945/1947 Die Ausstellung ist bis zum 28. August im Deutschen Historischen Museum, Ausstellungshalle von I. M. Pei, Unter den Linden 2, täglich von 10 bis 18 Uhr zu sehen. Telefon: 030 / 2 03 04-0, Internet: www.dhm.de Zur Ausstellung ist ein mehrfarbiger Begleitband mit 255 Seiten erschienen. Er kostet in der Ausstellung 18 Euro.

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