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Der Teufel ist immer häßlich

Die Häßlichkeit erobert die Laufstege, wenigstens die Laufstege der literarischen Saison. Der jüngste Roman von Michel Houellebecq, „Die Möglichkeit einer Insel“, ist ein ausgesprochen häßliches Buch, weder sonderlich erfindungsreich noch sonderlich gut geschrieben, weder witzig noch charmant, weder trostreich noch aufstachelnd – und trotzdem ist er der unbestrittene Knüller dieses Bücherherbstes, sowohl im heimatlichen Frankreich als auch bei uns, wo die erste Auflage im Nu vergriffen war. Es ist die Geschichte einer simplen Midlifecrisis. Ein Mann Ende der Vierzig schickt zunächst seine Lebensgefährtin in die Wüste, weil sie ihm zu alt und zu unknackig geworden ist, und wird dann von seiner jugendlichen Freundin seinerseits in die Wüste geschickt, weil er ihr zu alt und zu unknackig geworden ist. Angelegt ist das Ganze als Lebensbeichte des Abservierers und Abservierten, eines erfolgreichen Pariser Fernsehkomikers und Drehbuchschreibers, der mit seinen Sketchen und „Treatments“ eine Menge Geld verdient. Die Würze bei der Lektüre ergibt sich (glaubt offenbar zumindest der Autor), indem die Geschichte aus einer Distanz von zweitausend Jahren erzählt wird, genauer: indem Leser aus dem Jahre 4005 eingeführt werden, die die durch die Zeiten bewahrte Geschichte des Komikers studieren und sich darüber ihre Gedanken machen. Es sind blasierte, im chemischen Labor zusammengemixte „Neo-Menschen“, auch „Cyborgs“ genannt; die „richtigen“ Menschen samt ihrer Zivilisation à la 2005 sind inzwischen, durch Atomkriege und Klimakatastrophe grausam dezimiert, auf Neandertaler-Niveau zurückgefallen und hausen in den Wäldern als eine Affenart unter anderen Affenarten. Der Fernsehkomiker und Drehbuchschreiber des Jahres 2005 erlebt noch die frühesten, gewissermaßen ideologischen Anfänge der Neo-Menschen und berichtet in seiner Lebensbeichte darüber: Er wird Mitglied einer Sekte, der „Elohimiten“ (von hebr. „elohim“ = die Göttlichen), die sich der Schaffung eines „neuen“ Menschen und der Überwindung des Todes mittels Neu-Aktivierung des genetischen Codes verschrieben hat. Die Schilderung der inneren Bräuche bei den Elohimiten nimmt einen großen Raum in dem Buch ein, fast so viel wie die Schilderung der Sexpraktiken des Komikers, der übrigens David heißt, „David1“ in der Terminologie seiner Leser aus dem Jahre 4005, welche David24 bzw. David25 heißen. Der Ablauf der Geschehnisse nimmt sich in der kurzen Zusammenfassung sehr viel spannender und abwechslungsreicher aus als im Buch, wo jeder Lektüre-Fortschritt mit einem Wust von Alltagsbanalitäten und pornographischen Detailschilderungen erkauft werden muß, dargeboten in einem Stil, welcher billigster Zeitungs- und Zeitschriftenstil, Bild-Stil, Brigitte-Stil, ist. An sich wäre schon dieser Stil Grund genug, um das Buch schnell aus der Hand zu legen. Andererseits ist man doch irgendwie fasziniert, weil man merkt, daß man just hier an der Wurzel des Erfolgs von Michel Houellebecq ist. Er hantiert mit den feinsten intellektuellen Codes der Saison, aber stets auf dem Niveau der erbärmlichsten Talkshow-Runde, so daß jeder mühelos mitreden kann. Genetischer Code, DNA-Sequenz, Klonen, Alterspyramide, Jugendkult, modische Drogen, Sterbehilfe – all das wird eifrig „thematisiert“, während man sich gleichzeitig betatscht und bespeichelt, seinen „Pimmel“ in „muskulöse Muschis“ versenkt oder sich wenigstens „einen runterzuholen versucht“. Dementsprechend ist der Ort der Handlung bzw. Diskussion immer eines jener Milieus, die auch schon in früheren Büchern Houellebecqs so aufdringlich dominierten: Swingerklubs, „Ferieninseln alles inklusive“, „Workshops“ dubioser Akademien oder eben Hauptquartiere halbverrückter Sekten, wo sich ein „Prophet“ à la Nitsch mit einem ausgedehnten Harem jugendfrischer Junggläubiger beiderlei Geschlechts umgibt. Die Elohimiten machen da keine Ausnahme. Die Neo-Menschen des Jahres 4005 ihrerseits, die das alles lesen, können sich darüber nur noch wundern, denn sie sind sexlos und haben auch keine Angst vor dem Älterwerden, dem Unfruchtbarwerden und dem Tod. Ihr Lebenslauf sieht folgendermaßen aus: Sobald sich einer müde in den Knochen fühlt, gibt er seine DNA-Sequenz ins Labor und feiert danach ein fröhliches Selbstmordfest, wonach er sich die Pulsadern aufschneidet und sein „alter Leib“ zu Sägemehl verarbeitet wird. Inzwischen haben sie im Labor (was genau passiert, erfahren wir nicht) aus der DNA des Abgängers, „welche sämtliche Informationen seines Ichs enthält“, einen komplett neuen Menschen zusammengebastelt, der doch kein neuer, sondern bis in die kleinste Kleinigkeit der alte ist. Der Neo-Mensch, hurra!, ist unsterblich. David25 ist identisch mit David1, denn schon der hatte zweitausend Jahre vorher seine DNA den Elohimiten zur Aufbewahrung übergeben und sich so das ewige Leben gesichert. Sobald die Neu-Erschaffung aus dem Geist der DNA technisch möglich wurde (etwa vierhundert Jahre nach seinem „Tod“), hatte man ihn zu David2 „transformiert“, und mittlerweile ist man bei David25 abgekommen und hat immer noch die gleiche DNA, hurra! Wissenschaftlich gesehen ist das natürlich völliger Mumpitz. Wenn zu guter Science-Fiction-Literatur gehört, daß sie im Gegenwärtigen erkennbare Tendenzen bedachtsam und einfallsreich in eine fiktive Zukunft auszieht und uns diese auf vertrackte Weise wiedererkennbar macht, so ist die SF-Komponente in Houellebecqs neuem Roman total danebengeraten. Das einzige, was sie zu leisten vermag, ist, uns bewußt zu machen, wie wenig wir lebendigen Echtmenschen uns im Grunde für (langfristige) Zukunft interessieren, daß solcherlei Zukunft, wie schon Ludwig Klages vor hundert Jahren erkannt hatte, nichts als ein „Gifthauch“ ist, der uns Sterbliche lähmt und unaufmerksam werden läßt. Ein französischer Rezensent hat geschrieben, daß die Lektüre des neuen Romans von Houellebecq erst dann einigermaßen erträglich sei, wenn man die kurzen, in den Lebensbericht von David1 eingestreuten Mitteilungen und Reflexionen von David24/25 einfach überschlägt und ignoriert. Das war zweifellos ein guter Rat, nur steigert ein Überschlagen der SF-Kapitel das Vergnügen an der Gesamtlektüre leider nur unerheblich. „Die Möglichkeit einer Insel“ bleibt auch ohne Science-Fiction so unerquicklich und befremdlich wie schon dieser häßliche, sperrige Titel. David1 selbst ist häßlich, viele erkennen sich in ihm wieder, daher der riesige Erfolg. Gleich am Anfang von Davids Lebensbericht heißt es: „An dem Tag, an dem mein Sohn Selbstmord beging, habe ich mir Rührei mit Tomaten zubereitet … Ich habe dieses Kind nie geliebt. Es war so dumm wie seine Mutter und so gemein wie sein Vater. Sein Tod war wirklich keine Katastrophe; auf solche Menschenwesen kann man verzichten.“ Und in diesem Ton geht es dann weiter, verstärkt sich sogar noch, über vierhundert Seiten weg. Es ist keine „beauté du Diable“, die sich da zeigt, keine raffinierte, sublime, überfeinerte Schönheit des Teufels. Sondern David1 haßt seinen real gezeugten Sohn, weil er von Anfang an banal eifersüchtig auf ihn ist, weil er sich um ihn kümmern muß (statt sich um „Muschis“ kümmern zu können), weil er ihm „Leben wegnimmt“ und einst in voller Erektion dastehen wird, während er, David1, dann echt abgeschlafft ist. „Die Möglichkeit einer Insel“ ist der Roman des vollendeten Egoismus, wo sich dieser aller höheren Rechtfertigungen entkleidet, um am Ende überhaupt ohne alle Rechtfertigung dazustehen, ohne alle Genießbarkeit. Ein solcher Entkleidungsprozeß hält natürlich vielerlei Möglichkeiten zur Zeitkritik bereit, und Houellebecq ist der letzte, sie sich zu verkneifen. Sein gelegentlich hervortretender präziser Sarkasmus ist das Beste an dem ganzen Buch. Er wirkt manchmal befreiend, und der Leser sagt sich seufzend: „Schade um ihn. Er weiß doch so viel und beobachtet so scharf.“ Aber dann geht es schon wieder ins nächste Wellental der Banalität, der Pornographie und des Sektenquatsches hinab. Eine Pointe immerhin hält stand: David1 ist von Beruf Komiker, Sketch-Schreiber, Pausenclown. Mag sein, er hat dies alles nur hingeschrieben, um seinem Publikum eine monumentale Nase zu drehen, nicht zuletzt jenen erwartbaren Neo-Menschen mit ihrem tragikomischen DNA-Pimmel und -Fimmel. Foto: Schaufensterpuppen im Konzertsaal, Installation des Berliner Künstlers Götz Lemberg (2000): Der Gifthauch der Zukunft Michel Houellebecq : Geboren 1958 auf La Reunion, diplomierter Landwirtschaftsingenieur und EDV-Fachmann, begann Houellebecq seine literarische Laufbahn mit 20 Jahren. 1998 erhielt er den Grand Prix national des Lettres Jeunes Talents für sein Gesamtwerk. Auf deutsch erschienen von ihm unter anderem Romane („Ausweitung der Kampfzone“, „Elementarteilchen“, beide 1999; „Plattform“, 2002) und Gedichtbände („Suche nach Glück“, 2000; „Der Sinn des Kampfes“, 2001). Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel. Roman, DuMont Literaturverlag Köln 2005, gebunden, 444 Seiten, 22,90 Euro

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