Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Bebop vom Mars

Einen wie ihn hat es in der Geschichte des Rock’n’Roll kein zweites Mal gegeben: Jimmy Drake alias Nervous Norvus , den zum Jive-Künstler bekehrten ehemaligen Hobo-Tramper mit seiner „Riesenukulele“, der im Sommer 1956 mit einer unvergeßlichen Ulk-Nummer über Nacht berühmt wurde. „Transfusion“ war eine so blutige wie komische Geschichte, die sogar eine Moral hatte: Zu-schnell-Fahren ist gefährlich, zumal in einem Hot Rod, einem zum „heißen Ofen“ hochfrisierten Wagen. Gesungen wurde sie in „Zorch“, einem Straßenslang, den der kalifornische DJ und einstige Big-Band-Musiker Red Blanchard erfunden hatte. „Transfusion“ hielt sich fünfzehn Wochen in den Charts, Drake gab Interviews in Time Magazine und Life, stand auf dem Index der NBC- und ABC-Radiosender sowie der BBC und schlug aus chronischer Schüchternheit eine Einladung in Ed Sullivans legendäre Fernsehsendung aus. Immerhin gab er seinen Broterwerb als Lastwagenfahrer auf und nahm fünf weitere Stücke für Dot Records auf. Ein Jahr später war seine Sternreise zu Ende, und er zog sich in seine bescheidene Behausung in San Franciscos Stiefschwesterstadt Oakland zurück. Damit wäre alles gesagt, hätte sich dieser „sharp mellaroonie Daddy“ – wie man sagen würde, wenn man fließend Zorch spräche – mit seinem abgedrehten Klang von solchen Rückschlägen beirren lassen. Statt dessen machte er emsig weiter, und das Ergebnis dieser Liebesmüh ist nun auf „Stone Age Woo: The Zorch Sounds of Nervous Norvus“ (Norton Records) zu hören. Unter den 33 Liedern finden sich seine sechs Dot-„Klassiker“ ebenso wie Seltenheiten, Demos und Tonbänder, die Drake zu Hause aufnahm. Drake begann bereits 1951, novelty songs zu komponieren, Ulk-Lieder mit scherzhaften Texten und schrägen Melodien, und sie in der Hoffnung an Red Blanchard zu schicken, daß dieser sie in seiner halbstündigen Radiosendung spielen würde. Sein erster Versuch, „Little Cowboy“, war eine zuckersüße Konfektion, die für Kinderohren bestimmt scheint. Das brillante Rock’n’Roll-Stück „Kanga-roo Hop“ klingt wie eine alternative Version seiner späteren Dot-Nummer „Bullfrog Hop“. 1953 fing er an ernst zu machen mit dem Musikgeschäft, schaffte sich ein Tonbandgerät und ein Klavier an, absolvierte die ersten zehn Lektionen eines 96teiligen Fernkurses im Notenlesen und nahm in seiner Küche unter dem Künstlernamen Singing Jimmy Drake Demobänder auf. Ambitionierte Amateure zahlten ihm sieben Dollar pro Lied (zwei zum Sonderpreis von elf Dollar) dafür, daß er ihre Eigenkompositionen sang, von denen einige auf diesem Album zu finden sind. Nach 1956 verschaffte ihm das so erzielte Einkommen die Freiheit, seinem Traum von einem zweiten Novelty-Hit hinterherzulaufen (der sich leider niemals erfüllte). Der rauhe, schnörkellose Klang von Drakes bebender Stimme, begleitet von seiner Bariton-Ukulele sowie einigen einfallsreichen Klangeffekten, kommt nirgends so perfekt rüber wie in den sechs Dot-Singles, mit denen dieses Album beginnt. „Wild Dogs of Kentucky“ ist ein verrücktes Hillbilly-Stück über eine hinterwäldlerische Waschbärenjagd, dem Drake recht überzeugend tierische Jaullaute unterlegt. „Fang“ erzählt die bizarre Geschichte eines Beboppers vom Mars, der in seinem Raumschiff (mitsamt den entsprechenden Klangeffekten) auf Erden landet. Unter den restlichen Liedern finden sich einige echte Perlen wie „Noon Balloon to Rangoon“ oder „Does a Chinese Chicken Have a Pigtail“, doch den meisten seiner Amateuraufnahmen mangelt es an Kreativität und Witz. 1968 erlag er dem Schicksal vieler chronischer Trinker und starb an Leberzirrhose. Ob Drake wirklich, wie er in einer Anzeige prahlte, „über 3.000 Demos“ aufnahm, ist nicht bekannt, fest steht jedoch, daß er eines der besten Novelty-Œuvres aller Zeiten hinterließ.

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