Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Aus dem Nähkästchen

Sechzig Jahre nach Kriegsende – Leistungen und Irrtümer der Zeitgeschichtsforschung“ lautet das diesjährige Generalthema der 22. Bogenhausener Gespräche auf dem Haus der Münchner Burschenschaft Danubia. Den Auftakt machte der Berliner Historiker Ernst Nolte. Der Hochschullehrer, der 1986 mit seinem Vergleich der totalitären Ideologien Kommunismus und Nationalsozialismus den „Historikerstreit“ auslöste, sprach über „Geschichtspolitik und Geschichtswissenschaft“. Hierbei ging Nolte intensiv auf das sowjetische System ein sowie auf dessen Beurteilung durch die westlichen Medien. Nolte warnte auch vor dem zunehmenden Einfluß der „Political Correctness“ auf die heutige Geschichtsschreibung. Der zweite Vortrag, gehalten von dem Historiker Walter Post, beschäftigte sich mit dem Krieg in Fernost. Zum Thema „Das Ende des Weltenbrandes im Pazifik“ gab der Co-Autor des Buches „Pearl Harbor 1941. Eine amerikanische Katastrophe“ zunächst einen Überblick über die Geschichte Chinas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dann charakterisierte er die US-Ziele im Fernen Osten zu Beginn der 1940er Jahre. Roosevelt, der unbedingt in das europäische Kriegsgeschehen einzugreifen beabsichtigte, so Post, sah aufgrund des deutsch-japanischen Beistandspaktes in einem Konflikt mit Japan auch die Möglichkeit, dem Deutschen Reich einen Kriegsgrund zu liefern. Denn innenpolitisch war es für den US-Präsidenten sehr schwierig, die Isolationisten davon zu überzeugen, einem Waffengang zuzustimmen. So instrumentalisierte schließlich Roosevelt den japanischen Angriff auf den US-Stützpunkt Pearl Harbor für sein lange gehegtes Ziel, die Vereinigten Staaten in den Krieg zu führen. Post legte ferner das Doppelspiel des US-Präsidenten in bezug auf die Mandschurei dar. So sicherte dieser dem Nationalchinesen Tschiang Kai-schek die Freiheit dieses Gebietes von Sowjetkräften zu, versprach aber gleichzeitig Stalin eisfreie Häfen an der Küste der Mandschurei. Rein militärgeschichtlich war dann der Vortrag von Heinz Magenheimer: „Der Fall Barbarossa – Die Vorentscheidung“. Der Wiener Universitätsdozent verglich die verschiedenen Aufmarschpläne beider Seiten und legte die Strategie der sowjetischen Seite dar. Aufgrund der Analyse russischer Quellen besteht, so der Historiker, kein Zweifel daran, daß Stalin unmittelbar davorstand, Deutschland anzugreifen. Die Rede vom deutschen „Überfall auf die Sowjetunion“ sei Unsinn, da ein Überfall sowohl Ahnungslosigkeit als auch mangelnde Vorbereitung impliziere, beides sei aber nicht gegeben gewesen. Sehr unterhaltsam war der darauffolgende Redner: Gerd Heidemann. Der einstige Stern-Reporter sprach über die „Hitler-Tagebücher – Geschichte und Hintergründe des größten Stern-Flops“. Ausführlich legte der Mittsiebziger seine umfangreichen Recherchen hierzu dar und plauderte aus dem Nähkästchen, unter anderem über seine (dienstlich bedingten) Kontakte zu BND und Stasi sowie SS-Generälen. Den Abschluß der Tagung bildete der 70minütige n-tv-Film „Geheimakte Heß“. Dessen Produzenten Michael Vogt – er ist Burschenschafter und gab vorab den etwa 150 Anwesenden einige Hinweise zum Film – ist es zu verdanken, daß man im Fall Rudolf Heß endlich klarer sieht. Gestützt auf Aktenfunde des britischen Historikers Martin Allen stellt sich die Historie inzwischen so dar: Heß wurde von den Briten in eine Friedensfalle gelockt und sollte nach seinem Schottland-Flug für immer schweigen, was dann schließlich am 17. August 1987 mit dem inszenierten Selbstmord in Spandau geschehen sei.

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