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Vertriebene als politische Störenfriede

Im Sommer 1946, wenige Wochen nach der am Ostersonntag vollzogenen Gründung der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, schrieb Max Fechner (1892-1973), von 1949 bis 1953 DDR-Justizminister und nach dem Aufstand vom 17. Juni zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt, in der SED-Zeitung Neues Deutschland: „Zur deutschen Ostgrenze möchte ich erklären, daß die Sozialistische Einheitspartei sich jeder Verkleinerung deutschen Gebietes entgegenstellen wird. Die Ostgrenze ist nur provisorisch und kann erst bei der Friedenskonferenz unter Mitwirkung aller großen Siegerstaaten festgelegt werden.“ Und von Wilhelm Pieck (1876-1960), dem in Guben an der Neiße geborenen DDR-Staatspräsidenten 1949/60, ist überliefert, daß er im gleichen Jahr auf einer Wahlkundgebung in seiner Heimatstadt erklärt hat: „Die Sozialistische Einheitspartei tritt entschieden dafür ein, daß auf der kommenden Friedenskonferenz die Ostgrenze einer Revision im Interesse des deutschen Volkes unterzogen wird.“ Solche „revanchistischen“ Äußerungen aus den Jahren 1945/49, der Vorgeschichte des SED-Staates, waren außerordentlich selten und damals auch nur wahltaktisch motiviert. Nach dem 6. Juli 1950, als mit dem Görlitzer Abkommen die Demarkationslinie an Oder und Neiße zur „unantastbaren Friedens- und Freundschaftsgrenze“ mit der Volksrepublik Polen erklärt wurde, waren sie schier unmöglich und wurden, so sie denn von privater Seite getätigt wurden, als „Kriegshetze“ verfolgt. Dennoch bleibt festzuhalten, daß bis zur DDR-Gründung am 7. Oktober 1949 mehr als 4,4 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostprovinzen und aus Böhmen ins Land gekommen waren, die staatlicherseits „Umsiedler“ genannt und von der 1945 gegründeten, aber schon 1949 wieder aufgelösten „Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler“ betreut wurden. Traditionspflege und heimatgebundenes Geschichtsbewußtsein war ihnen von 1945 bis 1990 strikt untersagt, die Organisation in Landsmannschaften wie in Westdeutschland hätte, so sie denn versucht worden wäre, als „staatsfeindlicher Akt“ gegolten, das Benutzen heimatlicher Mundarten im Umgang mit Landsleuten war unerwünscht. In Geschichtsbüchern und Nachschlagewerken wie Meyers Neuem Lexikon in 18 Bänden wurden ostdeutsche Kulturlandschaften wie Ostpreußen, Pommern, Schlesien oder ostdeutsche Städte wie Breslau, Danzig, Königsberg, Stettin nicht mehr genannt. Nichts mehr sollte erinnern an jenes Deutschland östlich von Oder und Neiße. Selbst in den Köpfen der Flüchtlinge und Vertriebenen sollte die Erinnerung ausgelöscht werden. Unter diesen Voraussetzungen war eine Erforschung von Flucht und Vertreibung schlechterdings unmöglich. Selbst Forschungen zur Eingliederung der „Umsiedler“ in den bis 1952 bestehenden Ländern konnten erst in den siebziger Jahren aufgenommen werden und auch dann nur an den Universitäten in Ost-Berlin und Magdeburg. Eine Übersicht zu diesen Forschungsansätzen boten Manfred Wille/Magdeburg, Wolfgang Meinicke/Berlin, der in den letzten Jahren vor dem Mauerbau an einer Habilitationsschrift zu diesem Thema gearbeitet hatte, und Johannes Hoffmann, der Leiter der Forschungsstelle Ostmitteleuropa an der Universität Dortmund, in einem vor elf Jahren veröffentlichten Sammelband „Sie hatten alles verloren. Flüchtlinge und Vertriebene in der sowjetischen Besatzungszone Deutschlands“ (Wiesbaden 1993). Der 1934 geborene und 1999 an der Magdeburger Universität emeritierte Historiker Manfred Wille ist es denn auch gewesen, der im April 1990 und im September 1995 zu zwei Tagungen nach Magdeburg einlud, um Forscher aus beiden deutschen Staaten zum Erfahrungsaustausch anzuregen. In den Jahren 1996 bis 2003 erschienen dann die von ihm und seiner Forschungsgruppe „Integration der Vertriebenen“ erarbeiteten drei Dokumentationsbände „Die Vertriebenen in der SBZ/DDR“ mit einem Umfang von insgesamt 1.442 Seiten. Manfred Wille und seine Mitarbeiter haben nicht nur die beiden Abteilungen des Bundesarchivs in Koblenz und Potsdam durchforscht, sondern auch die Landes- und Staatsarchive der fünf neuen Bundesländer sowie mehrere Stadtarchive. Insgesamt sind 1.338 Dokumente in die drei Bände aufgenommen worden, wobei im Vorwort erklärt wird, daß es „wichtigstes Anliegen“ der Sammlung sei, den „wissenschaftlichen Zugriff auf den Untersuchungsgegenstand zu erleichtern und der auf das Territorium der SBZ/DDR ausgerichteten Vertriebenenforschung Impulse zu geben“. Besonderer Dank wird auch der Forschungsstelle Ostmitteleuropa unter Leitung Hoffmanns ausgesprochen, die die drei Bände in ihre wissenschaftliche Reihe aufgenommen hat. In der SBZ gab es mehr als vier Millionen „Umsiedler“ Der erste Band „Ankunft und Aufnahme 1945“ ist auf das erste Nachkriegsjahr beschränkt. Hier sind zunächst Fluchtberichte zu finden, oft erst in den Westzonen aufgezeichnet, wenn Mitteldeutschland nur Durchgangsstation war. Auch die Besatzungsmacht, die doch die Vertreibung der Ostdeutschen mitbeschlossen hatte, und die nachgeordneten Landes- und Provinzialverwaltungen waren nicht vorbereitet, zumal nach dem Potsdamer Abkommen vom Sommer 1945 ein „verstärktes Einströmen der Vertriebenen“ zu beobachten war. Schließlich wurden die „Zentralverwaltung für deutsche Umsiedler“ am 15. September 1945 gegründet und „Umsiedlerlager“ eingerichtet, wobei die Flüchtlinge und Vertriebenen nach politischer Zuverlässigkeit und Gesundheitszustand sortiert wurden. Auch die zur „Bilanz über die im Jahre 1945 geleistete Arbeit“ vorgelegten Dokumente offenbarten Überforderung der Zentralverwaltung und Kompetenzgerangel zwischen „Sowjetischer Militäradministration“ sowie Sozialdemokraten und Kommunisten im Verwaltungsapparat. Im Rechenschaftsbericht vom 23. Dezember 1945 wird noch erwähnt, in welchem Zustand die Vertriebenen ankamen: „Die Aufnahme der Umsiedler aus dem Osten wird von Banditen, die an der polnischen Grenze und in vielen Fällen auch auf dem gesamten Eisenbahnnetz ihr Wesen treiben, außerordentlich erschwert. Es ist fast die Regel, daß die Umsiedler vollkommen ausgeplündert werden und ihre letzte Habe beim Überschreiten der Grenze verlieren. Sehr viele Fälle von körperlichen Mißhandlungen sind uns bekannt.“ In den Jahren 1946/48 waren insgesamt vier Millionen „Umsiedler“ unterzubringen, zu versorgen und die arbeitsfähigen Erwachsenen, in Arbeit und Lohn zu bringen. Auch hier waren die SBZ-Behörden überfordert, woran auch der Austausch des Führungspersonals in der „Zentralverwaltung“ durch die Besatzungs macht nichts ändern konnte. Am 10. Februar 1946 begann die „Aktion der 100.000“, mit der die ersten Sudetendeutschen eintrafen, in den Jahren 1947/48 kam in der „Aktion Kaliningrad“ etwa 100.000 „Umsiedler“ aus dem nördlichen Ostpreußen, darunter Tausende von Waisenkindern. Alle waren in einem jämmerlichen Zustand, was selbst die „parteilich“ eingefärbten Berichte der „Zentralverwaltung“ nicht verschweigen konnten, wo man von Plünderungen und Vergewaltigungen lesen kann. Im dritten Band kann man erfahren, wie die Parteien und Massenorganisationen zwischen 1945 und 1953 auf die Ankunft der Ostdeutschen reagiert haben. Auch für Fachleute auf diesem Gebiet ist der dritte Band der aufregendste, weil selbst deutsche Kommunisten damals nur von einer Teilabtretung ostdeutscher Provinzen ausgingen. Mit der Abtrennung Oberschlesiens und Ostpreußens hatte man gerechnet; Pommern, Ost-Brandenburg und Niederschlesien waren aber schon in die Planungen für einen kommunistischen Nachkriegsstaat einbezogen worden. Die Diskussion damals war trotz des Potsdamer Protokolls erstaunlich offen, im Gegensatz zu Walter Ulbricht hielten selbst Otto Grotewohl und Wilhelm Pieck Grenzkorrekturen für möglich. Das letzte Dokument im dritten Band stammt vom 14. April 1953. Acht Wochen später kam der Aufstand, dessen politische Forderungen in der schlesischen Stadt Görlitz am weitesten gingen. Es wäre zu untersuchen, welche Rolle bei der Radikalisierung Heimatlosigkeit und Entwurzelung eines Viertels der DDR-Bevölkerung gespielt haben. Manfred Wille (Hrsg.): Die Vertriebenen in der SBZ/DDR: Dokumente. Band I: Ankunft und Aufnahme 1945. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1996, 468 Seiten, 34 Euro; Band II: Massentransfer, Wohnen, Arbeit 1946-1949, Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 1999, 502 Seiten, 36 Euro; Band III: Parteien, Organisationen, Institutionen und die „Umsiedler“ 1945-1953. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2003, 471 Seiten, broschiert, 38 Euro

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