Strukturiertes

Der einflußreiche deutsche Jazz-Methusalem Albert Mangelsdorff (76), hat – nachdem man lange wenig von ihm gehört hat – wieder zugeschlagen: „Music for Jazz-Orchestra“ heißt sein neues Album, das bei dem Label Skip/Edel erschienen ist. In Zusammenarbeit mit der NDR-Big-Band hat er ein fünfsätziges Werk unter der Stabführung des Grazer Trompeters Dieter Glawischnigg vorgelegt. Herausragende Solisten und ein Albert Mangelsdorff, der sich ohne Profilierungszwänge harmonisch in diesen Klangkörper eingliedert, drücken einem Album den Stempel auf, das durch eine glasklare innere musikalische Logik glänzt. Diese Aufnahme ist ein Beleg für ein Urteil des Tenorsaxophonisten Don Menza über Mangelsdorff: „Von allen Musikern in Deutschland ist Albert der mit dem ausgeprägtesten persönlichen Stil.“ Der Pianist Masabumi Kikuchi, der Bassist Gary Peacock und der Schlagzeuger Paul Motian, alle Altmeister des offenen, freien Spiels, bilden das Klaviertrio Tethered Moon. Das aktuelle Album dieses Trios heißt „Experiencing Tosca“ (Winter&Winter/Edel Contraire). Wie bereits bei ihren Alben „Play Kurt Weill“ und „Chansons d’Edith Piaf“ haben die drei Musiker auch hier versucht, aus vorgefundenen Themen eigenständige Standards zu schaffen. „Tosca“-Kenner dürften hier enttäuscht werden, wird doch das Ausgangsmaterial auf Strukturen reduziert, die dann innovativ miteinander verknüpft werden. Dennoch bleibt es spannend, den Musikern auf ihren experimentellen Wegen nachzuspüren. Herausragend ist das Spiel von Peacock und Motian. Letzterer hat begriffen, daß Spannung gerade auch durch Weglassen geschaffen werden kann. Weniger dezent agiert hingegen Pianist Kikuchi, der, hier möglicherweise von Keith Jarrett inspiriert, mittels Grunzen und Stöhnen den künstlerischen Schaffensprozeß sinnfällig zu Ohren bringen zu versucht. Die Aufnahmetechniker haben es jedoch mit der Authentizität etwas zu gut gemeint. Derartige „Originaltöne“ stören den kontemplativen Gesamteindruck des Album gelegentlich doch erheblich. Apropos Keith Jarrett: Dieser hat mit „Always let me go“ (ECM Records) ein neues, hörenswertes Album vorgelegt. In den siebziger Jahren reüssierte Jarrett als Solo-Pianist; seit geraumer Zeit spielt er zusammen mit Gary Peacock (Baß) und Jack DeJohnette (Schlagzeug) im „Standard-Trio“. Mit einem gewissen Recht kann mit Blick auf das neue Album von Jarrett von einer Synthese zwischen Standard-Trio und der Phase der Solo-Konzerte von Keith Jarrett gesprochen werden. Natürlich ist das, was Jarrett und seine Mitmusiker hier zu Gehör bringt, nicht gänzlich neu. Immer wieder spannend ist es aber zu hören, wie diese drei Musiker Stimmungen organisch aufbauen, Spannung erzeugen und Strukturen entwickeln. Hier wird auf einzigartige Art und Weise Tradition und Innovation miteinander amalgamiert. Das schier unerschöpfliche kreative Potential dieser drei Musiker läßt auch nach deren x-tem Album keinerlei Langeweile aufkommen. In ganz andere Gefilde führt die in München lebende Engländerin Jenny Evans, eine Vokalistin, die in der Tradition von Ella Fitzgerald und Anita O’Day steht. Auf ihrem neuen Album „Nuages“ (Enja/Soulfood) trägt sie moderne Jazz-Balladen vor. Obwohl das Material eklektisch ausgewählt erscheint (der Bogen spannt sich von Django Reinhardt über eine Purcell-Arie bis zu Peter Kreuder), gelingt es Evans, dieses Album als einheitliche Konzeption erscheinen zu lassen. Evans‘ Stimme findet in dem Pianisten Walter Lang und dem Saxophonisten Mulo Francel sensible Begleiter. „Intim, leidenschaftlich und von souveräner Relaxtheit“: So charakterisierte Evans Schlagzeuger dieses Album – zu Recht!

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