Staatsanwälte statt Prozeßbeobachter

Einhundertacht Jahre dürfte der jüngste 1914 eingezogene Soldat zum neunzigsten Jahrestag des Beginns des ersten Weltkrieges alt sein. Jeder überhaupt bis 1918 kämpfende Zeitzeuge hat mindestens das 104. Lebensjahr erreicht. Man kann deshalb wohl konstatieren, daß zur „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts die Erlebnisgeneration keinen Beitrag mehr liefern kann. Daß durch die zeitliche Distanz aber gleichzeitig eine historische nüchterne Betrachtung möglich ist, widerlegt unter vielen anderen aktuellen Werken das Begleitbuch zur ARD-Fernsehserie über den Ersten Weltkrieg, das von einigen dem Redakteuren des Westdeutschen Rundfunks (WDR) zusammengetragen wurde. Aus gewohnter deutscher Froschperspektive wird zwar thematisch der „Erste Weltkrieg“ angekündigt, präsentiert wird einmal mehr eine an fünf „Erinnerungsorte“ geknüpfte Darstellung der Rolle Deutschlands zwischen 1914 und 1918. Ausgewählt wurden dabei nicht unzweckmäßig der „Mythos Tannenberg“, die „Gashölle Ypern“, der „Alptraum Verdun“, das „Schlachtfeld Heimat“ und das „Trauma Versailles“. Vorab klärt der Bielefelder Historiker Jürgen Büschenfeld den Leser über den Weg in den Krieg auf und verläßt auch dabei nicht den Pfad des Monokausalen. So wird von vornherein Deutschlands „aggressiver Außenpolitik“ die Hauptschuld, der Weltmacht Großbritannien nur eine Nebenrolle zugesprochen- als ob den Thesen Fritz Fischers in vierzig Jahren nie widersprochen wurde oder sie mit wirtschaftshistorischem Ansatz gar widerlegt worden wären. Selbst der „Tausendsassa“ der Ersten-Weltkriegs-Forschung, der Düsseldorfer Gerd Krumeich, ist sich nicht zu schade, dem Werk als „Fachberater“ seinen wissenschaftlichen Anstrich zu verschaffen. Insgesamt wirkt die Darstellung wie ein historischer Prozeß gegen das Deutsche Reich, bei dem die WDR-Mannschaft nicht einmal mehr mit der Rolle des „Prozeßbeobachters“ vorliebnimmt, sondern gleich die Robe des Staatsanwalts anstreift. Natürlich wird auch dankbar aufgenommen, was eher quellenunkritische Arbeiten aus dem Hause Reemtsma hergeben, sei es das Horne/Kramer-Werk zu den „Kriegsgreueln“ in Belgien oder die auf dünnster Quellenlage fußende Arbeit des US-Litauers Vejas Liulevicius. Dieser erkennt mit der „Herrschaft von Ober Ost“ in den ab 1915 eroberten nichtrussischen Gebieten des Zarenreiches eine direkte Linie zu Alfred Rosenbergs Lebensraumplanung. Die teilweise ins Kommentarhafte fallende Darstellung echauffiert sich somit folgerichtig über die Verstocktheit, mit der in Versailles seitens der deutschen Delegation „weder die Schuld am Ersten Weltkrieg eingestanden“ noch „die Niederlage akzeptiert“ worden sei. Die These eines „Dreißigjährigen Krieges“ nimmt man nicht etwa in der Gestalt einer Kausalkette von Versailles zu München 1938 und Potsdam 1945 wahr, sondern als Möglichkeit, krampfhaft frühe Wurzeln des Nationalsozialismus nachzuweisen – vom Verdun-Aufklärungsflieger Hermann Göring über „Ober Ost“ bis zum „von Deutschen verschuldeten Gaskrieg“. So stellt sich nach Lektüre dieses Produktes plumper Volkspädagogik aus der „Ersten Reihe“ sogar erstmals eine Sehnsucht nach der „objektiven“ Geschichtsvermittlung eines Guido Knopp aus „Reihe zwei“ ein. Jürgen Büschenfeld Susanne Stenner u.a.: Der Erste Weltkrieg. Das Buch zur ARD-Fernsehserie. Rowohlt Verlag, Berlin 2004, 256 Seiten, gebunden, 19,90 Euro

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