Schein und Sein eines Mythos

Keine andere Generation hat die zweifelhafte Gnade, ihre eigenen Erlebnisse derart zu überschätzen wie die sogenannten Achtundsechziger. Die „authentischen“ Berichte über jene Phase des „Roten Jahrzehnts“ sind inzwischen Legion und füllen lange Bücherregale. Zum Leidwesen ernsthafter Zeithistoriker pflegen die allermeisten dieser Traktate aber einen Stil, den man prinzipiell dem Genre der phantastischen Literatur zuschlagen müßte. Da wird die Schlacht am Tegeler Weg schon mal zum Spartakusaufstand und der Sturm auf das Bonner Rathaus zum Sturm auf das Winterpalais umgedeutet. Und die Hüter der Ordnung, die bis dahin kaum größere Herausforderungen zu bestehen hatten, als während der Fastnachtszeit angetrunkene Halbstarke zu besänftigen, avancieren plötzlich zur neuen Gestapo. Mit der Wirklichkeit hat das alles ungefähr soviel zu tun wie ein Fünf- Jahres-Plan des SED-Politbüros. Eine der wenigen löblichen Ausnahmen von dieser schlechten Regel ist der Historiker Gerd Koenen. Vom SDS bis zum KBW, einer maoistischen Polit- Sekte, die mit etwa einem Dutzend anderer Grüppchen und „Parteien“ einen Markt bediente, der nur in den Köpfen ihrer selbsternannten Führer existierte, und in der er es immerhin zum Sekretär der Frankfurter Ortsgruppe brachte, hat der Autor die veritablen Wahnideen dieser „revolutionären Massenorganisationen“ am eigenen Leib erlitten, allerdings auch tatkräftig dabei mitgewirkt. Das härtet ab, was gewiß auch nötig ist, wenn man sich mit solcher Vehemenz und Akribie in das dornige Gestrüpp stürzt, das immer noch über der bleiernen Zeit des „deutschen Herbstes“ liegt. Am Beginn jener Reise in die Mentalitätsgeschichte der Bundesrepublik, die gerade erst aus der Nachkriegs- Idylle erwacht war, steht der Name Will Vesper. Vesper, in den dreißiger Jahren ein bekannter völkischer Dichter, Resident auf Gut Triangel, das er beharrlich gegen die von außen bedrohlich hereinbrechende Welt der Moderne und Demokratie absicherte, starb im Frühjahr 1962. Kurz vor dem Tod des Vaters hatte sein Sohn Bernward in Tübingen Gudrun Ensslin kennengelernt, eine schwäbische Pfarrerstochter aus Cannstatt. Beide wurden, obwohl aus völlig gegensätzlichen Welten kommend, schon bald ein Paar. Hier der Sohn des „Nazi-Dichters“, der als Sechzehnjähriger für die Deutsche Reichspartei auf die Straße gegangen war und noch 1960 für Gerhard Freys Soldatenzeitung diverse Beiträge verfaßte – der Verleger hatte ihm sogar eine halbe Seite monatlich angeboten, um „einen Kulturteil nach seinen Vorstellungen zu gestalten“ -, dort die behütete Tochter, die ihre pazifistische Sozialisation im protestantischen Pfarrhaus erlebt hatte und als Gruppenführerin beim Evangelischen Mädchenwerk für die Bibelarbeit zuständig war. Was beide jedoch teilten, war der existentielle Ekel vor diesem Hort der Ruhe, der Stabilität und des wachsenden Wohlstands, den das Land darstellte und der in ihren Augen nur mit zunehmendem realpolitischem Opportunismus erkauft wurde. Die Konstellation Vesper-Ensslin funktionierte zunächst einwandfrei. Gemeinsam wollte man eine Gesamtausgabe der Werke Will Vespers herausgeben, ging aber gleichzeitig daran, einen eigenen Kleinverlag, das studio neue literatur, zu gründen. Und während der Verlag mit einer eindeutig nach links tendierenden Anthologie namhafter deutscher Schriftsteller wie Anna Seghers, Stephan Hermlin, Peter Huchel, Arnold Zweig und Bertold Brecht reüssierte – ein wenig aus dem Rahmen fiel nur Hans Baumann, der Dichter des Liedes „Es zittern die morschen Knochen“ -, firmierte man parallel als Pressestelle eines deutschnationalen Kärtner Verlags, der Will Vespers Novellen unter die Leute bringen sollte. Wobei sowohl die nationale Pressestelle als auch der linke Verlag im Cannstatter Pfarrhaus residierten, was offenbar gelegentlich zur Verwirrung beitrug, wenn Ensslin – der übrigens zehn Jahre später auf ihrer Flucht vor der Staatsgewalt auch eine nichtschlagende Burschenschaft Unterschlupf bieten würde – beispielsweise einem israelischen Kritiker in Jerusalem unaufgefordert Will Vespers Werke zur Rezension zusandte. Anfang der sechziger Jahre tauchte der abgebrochene Gymnasiast Andreas Baader in die Welt der Schwabinger Bohème ein. Noch während er sich zum Student an der Kunstakademie hochstapelte, kam es zu den sogenannten „Schwabinger Krawallen“, als die Polizei gegen nächtlich musizierende „Gammler“ vorging. Baader machte – nicht zum erstenmal, er war bereits wegen Motorraddiebstahl vorbestraft – Bekanntschaft mit der Staatsgewalt. Da seine Obsession für schnelle Autos und Motorräder jedoch unverändert anhielt, wurde sein Strafregister in den folgenden Jahren immer länger. In diesem Grundmuster eines wuchernden Konflikts mit der auf gewissen Regeln bestehenden Gesellschaft sieht Koenen den Beginn von Baaders Privatkrieg, der schließlich in eine Art Bürgerkriegssituation mündete. Das erste Zusammentreffen von Baader und Ensslin datiert Koenen auf Anfang August 1967. Gudrun hatte inzwischen einen Sohn geboren, probte aber dennoch mit Bernward Vesper, dem Vater ihres Kindes, eine „offene Beziehung“. Kurz nach der Geburt von Felix hatte der Polizist Karl-Heinz Kurras am Rande einer Demonstration gegen den Schah-Besuch in Berlin in „Putativ“-Notwehr den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. War dies eine der Urszenen des deutschen Terrorismus? Der Autor zitiert Tilman Fichter, Ensslin habe am Abend der tödlichen Schüsse im Republikanischen Club hysterisch geschrien: „Sie werden uns alle umbringen … man kann mit Leuten, die Auschwitz gemacht haben, nicht diskutieren. Die haben Waffen und wir haben keine. Wir müssen uns auch bewaffnen!“ Wenige Wochen später erschien sie an Baaders Seite im Berliner Luchterhand-Büro, in dem sich seit der Auflösung des SPD-Wahlkontors Grass, Wagenbach, Lettau und Härtling zum Skat trafen. Das Urpaar des deutschen Terrorismus war geboren. Die eigentliche Zeit des Terrorismus streift der Autor nur kurz im letzten Kapitel des Buches. Im Mittelpunkt steht vielmehr die triviale Liebesgeschichte zwischen Vesper und Ensslin, die durch die bedingungslose neue Verbindung zu Baader zwar nicht abrupt abgebrochen, aber doch eine gänzlich andere Qualität erhielt. Dazwischen liegt unter anderem die Nacht vom 2. auf den 3. April 1968, als in zwei Frankfurter Kaufhäusern Brandbomben explodierten, auch dieser „unpolitische Akt“ (SDS-Bundesvorstand) gilt heute als eine Urszene des deutschen Terrorismus. Beim Frankfurter Brandstifter-Prozeß sah Vesper seine ehemalige Verlobte, die von Horst Mahler verteidigt wurde, wieder. Die drei Jahre Zuchthaus wegen „versuchter menschengefährdender Brandstiftung“ kommentierte der Sohn des völkischen Dichters mit der Parole: „Schafft zwei, drei, viele Kaufhausbrände.“ Was sich später in Stammheim bewahrheiten sollte, zeichnete sich indes bereits in den hessischen Strafanstalten ab: die Korrumpierung der selbsternannten Revolutionäre zu gewöhnlichen Gangstern. Baader beschwerte sich über das Essen, das Radioprogramm und die Nichtaushändigung bestimmter Bücher, von denen ihm „mindestens zwanzig gleichzeitig“ zustünden. Und während sich die Bewegung draußen radikalisierte und fraktionierte, versuchte Gudrun Ensslin ihren Sohn Felix „etwas abzubauen, weil dort ebenfalls eine falsche Identität droht“. Ein „emotionales Dilemma“, wie Koenen schreibt, das sie auch später nicht losläßt, aber ihre Entscheidung, das Kind einer konservativen Pflegefamilie aus dem Umkreis ihrer Eltern anzuvertrauen und damit Bernwards Rechte als Miterziehender rabiat zu kappen, erklärt. Daß Ulrike Meinhofs Zwillingstöchter später ein ganz ähnliches Schicksal erlitten, als ihre Mutter nach der geglückten Befreiung Baaders zur Mit-Kombattantin Ensslins wurde, gehört im Rückblick zu den Schlüsselthemen der RAF-Frauen der ersten Generation. In den von Koenen eingesehenen Stammheim-Kassibern finden sich dazu grauenvolle Kommentare („Fotzenbedürfnisse“), vor allem aus der Feder Ensslins. Vom Berliner „Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen“ – an dessen persönliche Aufforderung in Agit 883, er möge doch an ihrer Seite auf der Straße seinen Pazifismus überwinden, sich der Rezensent noch gern erinnert – bis zur „Befreit Baader“-Guerilla, als die die RAF entstand, war es nur ein kurzer Weg. Liest man heute die Endkampf- Visionen letzterer, klingt manches wie ein Echo aus dem Führerbunker der Reichskanzlei: „Das einzige, was zählt, ist der Kampf – jetzt, heute, morgen … Durch den Kampf, für den Kampf, und der Kampf hört nie auf … Entweder Mensch oder Schwein, entweder überleben um jeden Preis oder Kampf bis zum Tod …“ Oder Ulrike Meinhofs berüchtigte Erklärung: „Der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch … Und es ist falsch, mit diesen Leuten überhaupt zu reden. Und natürlich kann geschossen werden!“ Spätestens in den jordanischen Guerilla-Camps der marxistisch- leninistischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) – die deutschen Rechts-Terroristen wurden übrigens ein paar hundert Meter weiter in den Lagern der nationalistischen Fatah ausgebildet – hatte man das ja gelernt. Das Ende darf als bekannt vorausgesetzt werden. Doch die Alternative „Sieg oder Tod“ war schon zusammengebrochen, als der zum Hungerstreik gepreßte sterbende Holger Meins seinem Anwalt als letzten Satz zuflüsterte: „Der Arzt ist ein Schatz.“ Bernward Vesper hatte vor seinem Selbstmord mit Tabletten noch „Die Reise“ geschrieben, das Fragment einer Abrechnung mit dem Vater, seiner unerfüllten Liebe zu Ensslin und deren Herausführung aus bürgerlichen Verhältnissen bis hin zum RAF-Terrorismus. Daß diese Reise geradewegs ins Herz der Finsternis führte, wird auch bei Koenen, den man inzwischen guten Gewissens als den literarischen Chefinterpreten jener Dekade bezeichnen kann, deutlich. Zugleich ist sie jedoch auch ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik, die der archaischen Intensität, mit der sie abgeschafft werden sollte, unverdaute, längst verschüttet geglaubte Triebfedern und Emotionen entgegensetzte. Denn wie anders ist es zu erklären, daß die RAF kläglich scheiterte, die Republik aber entgegen den Unkenrufen der linksintellektuellen Sympathisantenszene von Böll über Henze bis Rinser – im guten wie im schlechten – blieb, wie sie war. Gerd Koenen Koenen: Vesper, Ensslin, Baader. Urszenen des deutschen Terrorismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2003, 363 Seiten, Schwarzweiß- Abbildungen, gebunden, 22,90 Euro Werner Olles , Jahrgang 1942, war 1968/69 Mitglied im Frankfurter SDS, danach engagierte er sich in Splittergruppen der „Neuen Linken“.

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