Joachim Kuhs

 

Pankraz, der Boulevard und die literarische Kavallerie

Eine Ehrenrettung ist fällig, nämlich für den Boulevard. Die meisten Übel dieser Welt scheinen neuerdings, glaubt man den Reden von Politikern und Schriftstellern in den "seriösen Medien", vom Boulevard zu kommen, allen voran die Boulevardpresse. Ein neues Wort macht die Runde: "Boulevardisierung". Wenn eine Sache in der Öffentlichkeit mit allen Mitteln heruntergemacht und in den Dreck gezogen wird, dann wird sie "boulevardisiert", lernt man.

Erst kürzlich zeterte Hans Magnus Enzensberger in einem äußerst grimmigen Aufsatz für die Frankfurter Allgemeine Zeitung über die jetzt einsetzende "Boulevardisierung der Literaturkritik". Damit meinte er, daß die modernen Kritiker gar nicht mehr kritisieren, was sie zu lesen kriegen, sondern einzig noch das, was sie gerade nicht zu lesen kriegen. Die Literaturkritik verwandle sich, so Enzensberger, in ein Inquisitionstribunal, das den Autoren und Verlegern aus der Luft gegriffene Schandtaten unterstelle, ohne den geringsten Beweis dafür zu liefern. "Boulevardinquisition" war sein Text in der FAZ überschrieben.

Warum sagt man nicht "Revolverkritik", "Skandalpresse", "Schlammschlacht" usw., warum muß es immer der Boulevard sein? Die Revolverkritiker, Skandaljournalisten, Schlammaufwühler und ähnliches Gelichter fühlen sich dadurch doch überhaupt nicht getroffen, im Gegenteil, sie fühlen sich hoch geehrt. Denn der Boulevard ist von Haus aus (und hier und da auch heute noch) ein sehr charmantes, prickelndes und gemütliches Phänomen, er meint ja Flaniermeile, Großstadtaura, eleganten Schnellsprech, wo man sich über ein Täßchen Kaffee oder Tee hinweg mit einigen witzigen, lässig hingeworfenen Bemerkungen über die Weltläufte verständigt.

Übrigens kann es nichts Deutscheres geben als den Boulevard. Das scheinbar urfranzösische Wort ist nichts weiter als die Romanisierung des deutschen "Bollwerks". Der Boulevard war das Bollwerk, das sich rund um die mittelalterlichen Städte spannte und das streckenweise begehbar war, so daß in sommerlichen Friedenszeiten die Bürger gern darauf umherspazierten, die Aussicht genossen und sich über die neuesten Neuigkeiten verständigten.

Als später die Bollwerke geschleift wurden, entstanden dort zunächst städtisch funktionslose, also zum reinen Vergnügen und Zeittotschlagen geeignete Fuß- und Reitwege, die exklusiv von den höheren Ständen genutzt wurden. Findige Redakteure im Stadtinneren erkannten schnell eine Extra-Einnahmequelle und begannen, ihre Blättchen von Straßenjungen direkt "auf dem Bollwerk" ausrufen und verkaufen zu lassen. So entstand die "Boulevardpresse".

Sie mußte, das erkannten die Redakteure auch schnell, irgendwie anders sein als die biedere, breitärschige Abonnementzeitung, mußte dem genius loci Rechnung tragen, sich der leichten Reit- und Plauderatmosphäre anpassen. Das heißt, ihre Artikel mußten knapp und kompakt sein, ihre Überschriften witzig und appetitmachend, und vor allem mußte die Boulevardzeitung den höheren Ansprüchen des Bollwerk-Publikums Rechnung tragen, mußte genau die Sprache der Oberschicht treffen mit all ihren Codes und Anspielungen. Wer nicht dazu gehörte, stand vor den Boulevardzeitungen der Frühzeit buchstäblich wie der Ochs vorm Tor.

Lang, lang ist’s her, natürlich. Die Medien machten ihre rasante Entwicklung durch, die ungebildete, grobe Masse wurde zum Hauptkunden der Zeitungen und später des Radios und des Fernsehens, das Bild trat weitgehend an die Stelle des Wortes. Aus den Witzen und Anspielungen der frühen Originale wurden plumpe Pöbeleien und Dauerschläge unter die Gürtellinie, wie sie eben die typische Massenpresse kennzeichnen, die merkwürdigerweise immer noch "Boulevardpresse" heißt.

Es gehört schon zum medialen Alltag: Eine soeben noch seriöse Zeitung wird im geistigen und stilistischen Niveau plötzlich drastisch gesenkt, ein Radioprogramm, das sich bisher vor allem der klassischen Musik gewidmet hatte, wird in Nullkommanichts zum "populären" Häppchensender umfunktioniert, im Fernsehen müssen die Kulturmagazine ihren guten Sendeplatz für grobkörnige Tratsch- und Klatsch-Magazine räumen. Und das alles nennen die negativ Betroffenen unverdrossen "Boulevardisierung". Warum?

Sind sie, die negativ Betroffenen, etwa selber schon hinterrücks boulevardisiert, oder besser: entboulevardisiert? Haben sie gar kein Zutrauen mehr zum originalen Boulevard, so daß sie nur noch in groben Alternativen denken können: hier "seriöse" (im Zweifelsfall natürlich politisch linke) Dicke Berta, da der grölende Haufen der Marodeure und Plünderer? Von leichter Kavallerie mit Husarenkeckheit und Ulanenanstand ist jedenfalls auch in sogenannten intellektuellen Kreisen längst nicht mehr die Rede. Man hat die Position freiwillig geräumt – und greint nun darüber, daß sogar im Ureigensten, in der Literaturkritik, die "Boulevardisierung" um sich greife.

In besagtem FAZ-Aufsatz tröstete sich Enzensberger über die Misere hinweg, indem er mit Genugtuung feststellte, daß zwar die frühere, "richtige" Inquisition Bücher nicht nur kriminalisieren, sondern auch verbieten konnte, die neue Boulevardinquisition dies aber nicht vermöchte. O unschuldsvoller Engel du! Weiß der Herr wirklich nicht über den Zensurverbund Bescheid, der in unserem Lande im Zeichen der "Political Correctness" längst organisiert ist? Sieht er wirklich keinen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem monströsen Fortschritt der "Boulevardisierung" in der Literatur und ihrer heimtückischen Gängelung durch unzählige Verbotsexperten in den Medien und speziell auch in den Verlagen?

Vom "Boulevard" zur Zensur und zurück ist nur ein kleiner Schritt. Wer das nicht begreift und ernst nimmt, darf sich nicht wundern, wenn die Inquisition die Literatur in ihre Fänge nimmt.

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