Joachim Kuhs

 

Pankraz, das Grüne Gewölbe und die Kunsthandwerker

Triumph des Überflüssigen" könnte als Motto über den Beständen des Dresdener "Grünen Gewölbes" stehen, deren erster Schub jetzt an seinen traditionellen Standort im Residenzschloß zurückgekehrt ist. Oder auch, was dasselbe wäre: "Triumph des Kunsthandwerks". Die "Schätze" des Grünen Gewölbes sind von Handwerkern gefertigte Gebrauchsgegenstände, die man – über ihre praktische Funktion hinaus – kunstreich "geschmückt" hat. Eine vom Standpunkt der Funktionalität her betrachtet überflüssige und manchmal sogar behindernde Zutat. Aber die Zutat ist so schön und erheiternd, daß die Funktion darüber glatt in den Hintergrund rückt, unwichtig, ja geradezu überflüssig wird.

Die vielen Trink- und anderen Gefäße etwa, die in Dresden zu sehen sind! Einige ähneln Hasenköpfen mit langen Ohren, andere Hühnern oder Händen. Man ist versucht zu fragen, warum der (Kunst-) Handwerker denn nicht gleich eine "freie" Plastik geschaffen hat, weshalb er unbedingt noch die praktische Funktion dranhängen mußte. Doch wer so früge, hätte den Sinn des Ganzen gar nicht mitbekommen. Der besteht eben darin, den Schmuck, die Zutat, über das Praktische triumphieren zu lassen, dieses in die zweite Reihe zu rücken, den wahren Karat des tagtäglichen Lebens ans Licht zu heben, der in nichts anderem als im Überflüssigen besteht, in dem, was nicht "direkt gebraucht" wird.

Man spricht immer davon, daß das Grüne Gewölbe die "Schatzkammer" der sächsischen Kurfürsten und speziell Augusts des Starken gewesen sei. Indes, Schatzkammern sehen in der Regel anders aus, sind angefüllt mit Goldbarren und Silbermünzen und frei rollenden Edelsteinen, in denen man wollüstig wühlen, die man durch die Hände rieseln lassen, die man nötigenfalls auch ausgeben kann.

Die Dresdener Preziosen taugen nicht als direktes Zahlungsmittel. Sie haben zwar einen hohen Materialwert, tatsächlich Gold, Silber und Edelstein (und Elfenbein), doch das ist nur die eine Seite ihrer Kostbarkeit. Die andere ist die in sie investierte Handwerkerkunst, die im Lauf der Geschichte mehrmals mit dem Materialwert in Konflikt geriet.

Anderswo wurde Kunsthandwerk aus Gold oder Silber von vergleichbarer Qualität in Notzeiten nur allzu oft rücksichtslos eingeschmolzen und zu Münzen umgeprägt, die Edelsteine wurden brutal herausgebrochen und als Solitäre auf den Markt gebracht. Daß den "Schätzen" des Grünen Gewölbes solches Schicksal durch die Zeiten erspart blieb, ist fast ein Wunder, ergibt sich nicht zuletzt aus der Hochachtung und dem tiefen Respekt, die August der Starke dem Kunsthandwerk entgegenbrachte. Dieser Kurfürst und König wollte, wie zur gleichen Zeit in Rußland Peter der Große, selber Handwerker, Kunsthandwerker sein, versuchte sich als Elfenbeinschnitzer, besuchte die Goldschmiede und Edelsteinschleifer in ihren Werkstätten und sah ihnen, lernend, lange bei der Arbeit zu.

Er sammelte die größten Könner um sich, berief sie aus Nürnberg oder aus Schwaben, verwandelte sein eigenes Land in ein wahres Eldorado des Handwerks und des kunstsinnigen Gewerbefleißes. Sein Sohn und Nachfolger, Friedrich August III., investierte später vor allem in "freier Kunst", ließ in Italien berühmteste Gemälde aufkaufen, aber August der Starke bevorzugte die praktische, die "angewandte" Kunst. Das Leben sollte nicht nur an bestimmten Wänden und auf bestimmten Postamenten schön sein, sondern die Schönheit, der Schmuck, sollte es von A bis Z durchdringen und umstellen, sollte sich zeigen in Tafelaufsätzen und auf Pferdetrensen, an Möbeln und Ordensspangen, Nippfiguren, Tabaksdosen.

Staunend wallfahrt der Besucher des Grünen Gewölbes heute an den Resultaten dieses kunsthandwerklichen Willens vorbei, und in seinen Mienen spiegeln sich, wenn Pankraz richtig beobachtet hat, nicht nur Bewunderung und demokratischer Neid, sondern auch eine Art kollektives schlechtes Gewissen. Registriert wird, noch vor der Kostbarkeit des Materials, die Anmut und Feinheit der Gestaltung sowie der unendliche Fleiß und die inspirierte Genauigkeit, die man einst auf die Herstellung praktischer Gegenstände des gehobenen Bedarfs verwandt hat. Was ist davon geblieben? Faktisch nichts.

Und es war nicht in erster Linie die bald nach August einsetzende Industrialisierung als solche, die das Desaster verursachte. Denn das Kunsthandwerk hielt sich noch das ganze frühindustrielle neunzehnte Jahrhundert hindurch auf hohem Niveau, brachte nach wie vor Meister und Schulen hervor, die – außer den eigenen originalen Werken – oft genug auch noch Entwürfe und Handlungsanweisungen für "schöne" (im Sinne von schmückende) Industrieformen erarbeiteten; man denke an Gestalten wie Semper, Morris, Ruskin. Erst als sich zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die sozusagen "industrielle Gesinnung" durchsetzte, der pure Funktionalismus und die Begeisterung für die "revolutionäre Masse", begann der rapide Abstieg.

Ganze, über Traditionen hinweg hochgehaltene und sorgfältig eingeübte handwerkliche Fertigkeiten wurden ausgelöscht, jederlei Schmuckelement verhöhnt und aus dem Kanon verbannt, insbesondere in Material umgesetzte historische Anspielungen und sonstige Erzählungen. Dies sei nicht "materialgerecht", hieß es unsinnigerweise. "Schön" sei einzig und allein die nackt und glatt vorgezeigte Funktion. Schmuck verwandelte sich nun in "Design", und Design war nur ein anderes Wort für die Vernichtung alles "Überflüssigen".

Die gloriose Rückkehr des Grünen Gewölbes in die Dresdener Residenz ist einer der genauesten Gegenschläge gegen solcherlei Verarmung. An seinen Preziosen kann man studieren, was für Köstlichkeiten und wahre Lebenselixiere man aus teurem Material machen kann, ohne ihm im geringsten Gewalt anzutun.

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