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Pankraz, Bassettis Patientin und die Müllverbrennung

Soll man Beileid aussprechen, soll man gratulieren? In Zürich sind einer Patientin in der neurochirurgischen Klinik von Professor Claudio Bassetti hinterrücks die Träume abhanden gekommen. Wie einst Peter Schlemihl seinen Schatten, so verlor sie nach einem Eingriff von einem Tag auf den anderen ihre Träume. Traumlos sind nun ihre Nächte, und nach dem Erwachen braucht sie sich nicht mehr mühsam an den genauen Inhalt und den exakten Verlauf ihrer Reverien zu erinnern oder über deren "Bedeutung" zu sinnieren. Denn es gibt keine mehr.

Wie zu vernehmen, kommt sich die Patientin jetzt "ärmer" vor, fühlt sich nur noch als "halber Mensch". Denn zum Menschsein gehöre natürlich Bewußtsein, und Träume – was sind sie anderes als abgesunkenes Bewußtsein, Unterbewußtsein, das sich zur Nacht aus seinen Tiefen "zurückmeldet", und zwar rätselvoll verschleiert, maskiert, offenbar zu Symbolen geronnen, die nicht auf sich selbst verweisen, sondern auf etwas ganz anderes?

Ihre Träume, sagt die Patientin, waren auf faszinierende Weise unterhaltsam, ob es nun "gute" oder "schlechte" Träume waren. Sie selbst sei im Wachzustand alles andere als eine Phantastin, habe nie ein Talent zum Erzählen gehabt. Aber in ihren Träumen entfaltete sich, soweit sie sich an sie zu erinnern vermöge, stets eine geradezu märchenhafte Szenerie. Ihre Träume liefen nicht in planen Ton- oder Bildfolgen ab, sondern jeder Traum erzählte etwas, eine richtige Geschichte, auch wenn es, was die Einzelheiten betraf, ganz toll zuging.

Traumforscher drücken das so aus: Unsere Träume halten sich an Raum und Zeit, aber nicht an die Kausalität. Abrupt wechseln die Einstellungen und die Motive, wie in einem avantgardistischen Film. Der Traum ist eine Region des Wunders, des Alles-ist-Möglich. Seit Urzeiten ist er deshalb auch stets mit dem Numinosen und Göttlichen in Verbindung gebracht worden. In ihm sprachen die Götter, gaben Anweisungen oder zumindest Hinweise, freilich in verschlüsselter Weise, so daß die Botschaft extra gedeutet, d.h. erst in den Alltag der Kausalität übersetzt werden mußte.

Physiologisch gesehen ist die Deutungsfähigkeit von Nachtträumen allerdings höchst umstritten, ja, die meisten Neurologen stellen sie heute schlicht in Frage. Die These Freuds, daß Nachtträume verdrängte Wunsch- oder Angstvorstellungen des Tages transportieren, und zwar libidinöse, sexuelle, kann als widerlegt gelten.

Sämtliche seriösen Beobachtungen laufen darauf hinaus, daß Nachtträume eine Art Müllverbrennungsanlage sind, die alle möglichen – während des Tages liegengelassenen oder abgebrochenen – Denk- und Gefühlsketten, durch die offenbar gewisse neuronale Dauerreize ausgelöst wurden, gleichsam wegräumen, indem sie die entsprechenden Reize sich ausflattern lassen. Es ist dies ein Ausflattern ohne Sinn und Verstand, weder in die ausgeschlafene Sinnenwelt noch ins kausale Kalkül noch gar in transzendente, göttliche Zonen hineinreichend.

Ferner ist der Nachttraum, physiologisch gesehen, eine Art Hüter des Schlafs. Wir träumen sehr oft, damit wir nicht aufwachen. Der Traum setzt äußere Reize, die uns während des Schlafs bedrängen – etwa das Klopfen an der Tür, das Telefonläuten, ein plötzlich angehendes Licht, aber auch Veränderung der Lage im Bett – automatisch in Erinnerungsfetzen um und schwächt sie damit ab, nimmt ihnen ihre reelle Dringlichkeit. Er ist der Komplize unserer Müdigkeit und unseres Schlafwunsches. Seine Botschaft lautet in der Regel: "Wach nicht auf, es lohnt sich nicht!"

Manchmal allerdings lautet die Botschaft auch umgekehrt: "Wach auf, wach auf!" Denn Morpheus, der Schlaf, ist keineswegs immer unser Verbündeter, im Mythos erscheint er bekanntlich als Bruder von Thanatos, dem Tod, und das ist er auch wirklich. Zu Zeiten, wenn etwa eine überstandene Todesnot noch in uns zittert oder wenn wir vor grellen Herausforderungen stehen, vor dem Gefoltertwerden oder vor einer akademischen Zwischenprüfung, quält uns der Schlaf, statt uns zu erquicken. Wir sind ermattet und müssen uns ihm ausliefern, aber er ist im Grunde ein Hohn auf unseren angespannten Zustand, und der Traum verwandelt diesen Hohn in Schreckensbilder.

Eine voraussehbare Traumlogik kann es also nicht geben. Statt dessen läuft im Traum eine wüste Abwehrschlacht gegen zufällig anfallende äußere Reize ab. Für die (Un-)Qualität seiner Erzählungen spricht nicht zuletzt, daß man sich kaum je an irgendwelche Nachtträume ordentlich erinnern kann; unser Erinnerungsvermögen wird ja gerade planiert. Schon von daher nimmt sich die ganze Traumdeuterei, von den alten Priestern und von Joseph im Alten Testament bis zu den Deutungsbüchern von Sigmund Freud oder C. G. Jung, höchst dubios aus. Hier wird offensichtlich kräftig dazugedichtet, was die Traumerinnerung selbst nicht hergeben kann.

Trotzdem "ergreift" uns der Traum, manchmal in schier unerträglicher Weise, so daß wir schweißgebadet oder zumindest höchst irritiert erwachen, oft auch geniert, in der Erkenntnis, daß wir da soeben etwas durchgemacht haben, dem wir im wachen Leben lieber heikel aus dem Weg gehen. Wir vergessen unsere Träume, weil wir geniert sind – insofern hatte Freud recht. Andererseits möchten wir gern erfahren, ob das Ganze denn wirklich etwas zu bedeuten hatte. Es besteht Auslegungsbedarf, der von den Psychoanalytikern in klingende Münze verwandelt wird.

Die Patientin von Professor Bassetti ist nun der Versuchung, beim Seelendoktor Geld auszugeben und sich Märchen erzählen zu lassen, glücklich enthoben. Trotzdem bleibt ihr Fall problematisch. Ein wichtiger Hüter ihres Schlafs hat sich aus ihrem Leben verabschiedet. Ihr Schlaf ist jetzt weniger aufregend, aber nicht unbedingt tiefer geworden. Und ihr Wachsein ist vielleicht mehr von Dämonen umstellt als früher.

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