Superwahljahr

 

Große Entdeckung, große Sünde

Die Uno hat 2004 zum „Gedenkjahr an die Sklaverei“ erklärt. Mehrere internationale Symposien sind arrangiert, so über „Ursachen und Entstehung der Sklaverei“, über „Sklavenhandel zwischen Amerika und Afrika in der Neuzeit“, über die Geschichte des Kampfes gegen die Sklaverei, den sogenannten „Abolitionismus“. Es besteht, wie bei der Uno üblich, die Gefahr der Ausfransung, der „fuzzification“, wo man also alles mögliche als Sklaverei anklagt und vom Hundertsten ins Tausendste kommt. Aber nicht jede Form von Ausbeutung und Unterdrückung ist Sklaverei. Nur derjenige ist ein Sklave, der einem anderen Menschen regelrecht „gehört“, der dessen verbrieftes Eigentum ist und das von der Rechtsprechung offiziell bestätigt bekommt. Der Sklave ist ein Sachwert. Sein Besitzer darf mit ihm alles machen, er darf ihn töten oder lebendigen Leibes in Stücke schneiden, er darf ihn lieben, hätscheln – oder freilassen. Die Sklaverei hat eine sich lange hinstreckende Vorgeschichte. Sie war ein Kind von Stammeskriegen, bei denen Gefangene gemacht wurden, die man anfangs einfach tötete, niedermetzelte, den Göttern opferte oder auffraß. Die Entdeckung, daß man Gefangene auch am Leben erhalten und für sich arbeiten lassen könne, gehört zu den folgenreichsten Entdeckungen überhaupt. Erst durch sie wurden die archaischen Hochkulturen mit ihren gewaltigen Bauten und Kulturentwicklungen möglich, Ägypten, Babylon, Rom. Die Erhöhung der gefangenen Zwangsarbeiter zu Sklaven, ihre Verwandlung in kodifizierte Sachwerte, geschah wohl im klassischen Griechenland, war ein Ausfluß des Umstands, daß man sich dort eben über alles schon früh theoretisch zu verständigen suchte. Gleich traten dabei auch die ersten Abolitionisten hervor, in Gestalt einiger Sophisten, die bei Platon und Aristoteles erscheinen: Alkidamas, Lykophron und andere. Aristoteles setzt sich wohlwollend mit Alkidamas auseinander, aber dann kommt jene berühmte Stelle, an der man den Philoso­phen seufzen hört: „Nur in einem Zeitalter, in dem das Weberschiffchen von selber webte und das Plek­tron von selber die Kithara schlüge, bedürften die Herren nicht mehr der Sklaven.“ Mit anderen Worten: „Wir brauchen die Sklaven nun leider mal.“ Aber, fährt Aristoteles fort, auch Sklaven dürfen nicht einfach mal so, mal so behandelt werden, sie müssen einen festgelegten Lohn erhalten, zumindest stets ordentlich ernährt werden. Und vor allem: Nach einer bestimmten Zeit müssen alle Sklaven freigelassen werden, und es muß ihnen die Möglichkeit gegeben werden, einen eigenen „Oikos“, einen eigenen Haushalt, einzurichten und zu erhalten. Hier haben wir also ein bereits äußerst hochentwickeltes sozia­les Bewußtsein, bei gleichzeitiger Rechtfertigung und Hinnahme der Sklaverei. Aristoteles betrachtet die Sklaverei in erster Linie als technisches Problem, die Summe der Sklaven als eine Art Maschinenpark, der nun einmal notwendig sei, um das Haus, den Oikos, im Gange zu halten. Die Sklaverei ist Teil der „Haushaltskunst“. Von ihr abhängig ist die „Erwerbskunst“, die die Beschaffung von Gütern zum Ziel hat, die nicht im eigenen Haushalt hergestellt werden können, zur Führung eines sogenannten „guten Lebens“ indessen notwendig sind. Die Sklaverei war keineswegs immer bequem für die Sklavenbesitzer (von den Sklaven selbst zu schweigen). Rechenkünstler wie Euklid, Archimedes, Apollonius oder Philon wußten längst, daß dem Einsatz von menschlicher Muskelkraft enge Grenzen gesetzt sind. Es ist zum Beispiel nicht möglich, die Zahl der Menschen, die eine schwere Last tragen sollen, beliebig zu erhöhen; Steinblöcke, wie sie damals beim Bau der großen Tempel verwendet wurden, bieten nur relativ wenigen Arbeitern gleichzeitig eine Griffläche. Außerdem war die Arbeit mit vielen Menschen mit großem materiellen Aufwand verbunden, man denke nur an die Ernährungslogistik, und ferner mit schwierigen psychologischen Problemen, wenn es etwa galt, für äußerste Arbeitsdisziplin zu sorgen. Der Sklave war nur wirklich von Nutzen, solange er willig blieb; verlor er jegliche Laune, so konnte man ihn zwar totschlagen, aber damit war er weg und mit ihm seine Arbeitskraft. Schließlich waren Sklaven immer knapp. Man gewann sie, wie gesagt, in erster Linie durch die Versklavung von Kriegsgefangenen, doch nicht immer wurden Kriege geführt, und in Griechenland waren es zudem sehr oft Bruderkriege, und griechische Landsleute zu versklaven, war an sich nicht erlaubt und ehrlos. Das gleiche galt später im ganzen hellenisierten ostmittelmeerischen Raum: Von den ägyptischen oder palästinensischen Diadochen wissen wir, daß sie ihre Bürger vor der Sklaverei zu bewahren suchten. Die wenigen einheimischen Sklaven, die es dort gab, waren persönliche Bedienstete oder Konkubinen des makedonischen oder griechischen Militär- und Zivilverwaltungspersonals. Erst das römische Imperium machte mit der Sklaverei wirklich und furchtbar ernst. Riesige Bevölkerungsteile der eroberten Staaten wurden von ihm versklavt und weggeführt. Eine Zahl ist überliefert: Als in einem der makedonischen Kriege Lucius Aemilius Paullus Epirus besetzte (167 v. Chr.), wurden 150.000 Epiroten zu Sklaven gemacht, Frauen und Kinder nicht eingeschlossen. Bredford Welles (Yale University Press, 1962) hat berechnet, daß in den zweihundert Jahren zwischen 250 und 50 v. Chr. an die zwanzig Millionen Sklaven nach Rom gebracht und in die Bergwerke, auf die Galeeren oder in die Haushalte der Freien gesteckt wurden. Der zweite große Versklavungsschub der Geschichte geschah dann (ausgerechnet im Zeichen deklarierter Menschenrechte) zwischen dem 17. und dem 19. Jahrhundert n. Chr. in den USA, der dritte im 20. Jahrhundert im sowjetischen und im Mao-chinesischen Archipel GULag, wo nicht nur Kriegsgefangene und fremde Völker, sondern millionenfach auch russische bzw. chinesische Landsleute, sogenannte „Klassenfeinde“, zu Sklaven gemacht und im „Produktionsprozeß des friedlichen Aufbaus des Sozialismus“ regelrecht verbraucht wurden. Heute, im Zeitalter der Maschinen und der digitalen Information, lohnt sich der Masseneinsatz von Sklaven nicht mehr. Es gibt aber nach Einschätzung der Uno noch zahlreiche „Sklaveninseln“, in Saudi-Arabien beispielsweise oder in Afrika, wo Stammeshäuptlinge über ihre Untertanen wie über Sachen verfügen, ohne daß es freilich je zu einer Kodifizierung käme. Auch die Praktiken der Mädchenhändlerringe in Osteuropa oder in Südostasien werden im allgemeinen als Sklaverei bezeichnet. Die Rhetorik der Polemiken gegen solche Zustände ist oft unpräzise, reicht nicht im entferntesten an die Definitionsschärfe von Alkidamas oder Aristoteles heran. Grundlos ist sie aber nicht. Man kann den Zorn dieser Rhetoriker sehr gut verstehen. Bild: Sklavenmarkt (Lithographie um 1890 nach einem Gemälde von Victor Julien Giraud): „Eine Art Maschinenpark“

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