Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Ganz bei sich

Seit Joe Cockers phänomenaler Rückkehr auf die größten Bühnen dieser Welt – nachdem Publikum und Presse den jahrelang dem Alkohol verfallenen Sänger schon abgeschrieben hatten – glänzt der einstige Sozialarbeiter aus Sheffield und Held des legendären Woodstock-Festivals mit oft grandiosen Neueinspielungen aus der Feder internationaler Musikgrößen, darunter Stücke von Randy Newman, Leonard Cohen, Bob Dylan, Elton John oder Bryan Adams. Jetzt hat der längst von seiner Sucht geheilte Rock-Entertainer das Album „Heart and Soul“ (EMI/Parlophone) mit zwölf weltbekannten Rock- und Popsongs aufgenommen, die er allein durch seine Stimme zu eigenständigen Cocker-Originalen umzugestalten weiß. Leider jedoch scheint sein aktueller Produzent Jeffrey CJ Vanston dem Jugendwahn erlegen zu sein, versuchte der doch tatsächlich, Joe Cockers ausdrucksstarke Stimme mit Boygroup-Gesäusel zu verbinden. Wenn etwa Marvin Gayes „What’s going on“ jegliches Fünkchen Soul fehlt, nur um im Formatradio mithalten zu können, oder simples Akustikgitarren-Gezirpse, schwülstige Streicherwälle und ein störender Hip-Hop-Bums die politische Intention von Andy Frasers „Every Kinda People“ zunichte machen, kann auch Cockers kräftiges Bluesorgan nicht mehr viel ausrichten. U2s „One“ verkommt auf diese Weise zur Hintergrundmusik für einen Seniorennachmittag, und von Screamin‘ Jay Hawkins‘ Horrorblues „I put a Spell on you“ gab es – trotz eines gekonnten Solos von Eric Clapton – auch schon mitreißendere Aufnahmen. Der für Shirley Bassey geschriebene Chanson „I (who have nothing)“ klingt passabel – mehr aber auch nicht. Ihren Soul-Wurzeln treu bleiben Aretha Franklins „Chain of Fools“ oder das von Ray Charles bekannt gemachte „I keep forgettin“. Ein würdiges Denkmal bekommt Paul McCartneys „Maybe I’m amazed“ gesetzt, und auch John Lennons „Jealous Guy“ gewinnt im swingenden Jazz-Arrangement an Charme. Über die Kaufhausversionen von John Taylors „Don’t let me be lonely“ oder R.E.M.s „Everybody hurts“ braucht man allerdings keine Worte zu verlieren. Alles in allem ist Cocker zu Besserem fähig. Richtig aufzuleben scheint er ohnehin erst auf der Bühne, was seine aktuelle DVD „The Best of Joe Cocker – live“ (EMI/Parlophone) beweist. Das insgesamt über zweistündige Werk beinhaltet einen 90minütigen Mitschnitt des Dortmunder Konzerts der „Night Calls“-Tour 1992 sowie acht im schummrigen Kölner „Limelight-Club“ bei seiner letzten Konzertreise 2002 aufgezeichnete Songs. Der Dortmunder Teil umfaßt Cockers wichtigste Hits aus seiner Frühzeit („Cry me a River“, „Feelin‘ Alright“, „The Letter“), das Beste aus den Achtzigern („Up where we belong“, „You can leave your Hat on“, „Unchain my Heart“ etc.) sowie vier Songs aus der hochgelobten Hit-CD „Nightcalls“. Cocker kommuniziert auf der Bühne nur ganz selten mit dem Publikum. Er ist ganz bei sich, er stöhnt, seufzt, ächzt sich wie ein Schwerstarbeiter durch die Kompositionen, spielt imaginäre Gitarren und Keyboards; oft wirkt es, als stünde er kurz vor dem Kollaps. Doch dies alles gehört zu seiner Persönlichkeit ebenso wie die durchaus sympathische Tatsache, daß er live nicht immer die Töne zu treffen scheint. Den Schluß bilden, fast zehn Minuten lang, das unvermeidliche „With a little Help from my Friends“ und die von Elton John verfaßte Ballade „Sorry seems to be the hardest Word“, vorgetragen in einer Intensität, die der Pianopopper selbst kaum jemals hinbekommen hat. Zu hoffen bleibt, daß Cocker auf seiner kommenden Tour auch den Liedern seines neuen Studioalbums soviel Herz und Seele einhaucht, daß sie tatsächlich zu dem werden, was sie sein könnten, hätte Produzent Vanston nicht nur an den Geldbeutel gedacht.

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