Eroberung Europas durch den Kreißsaal

Das Pamphlet, die Streitschrift, ist eine sehr seltene literarische Gattung. Zwar ist der Streit – die schriftliche Auseinandersetzung mit einem politischen oder geistigen Gegner – Alltag in den Medien. Aber dem Streit eine so ausgefeilte Form zu geben, daß er eine eigenständige Kunstgattung prägt, ist nicht jedermanns Sache. Die in New York lebende italienische Publizistin Oriana Fallaci zählt zweifelsohne zu den seltenen Meistern der Gattung. Weltweit bekannt wurde sie durch ihren Kriegsreportagen und Interviews mit Prominenten aus Politik und Kultur. Sie hat einen eigenen, draufgängerischen, kompromißlosen Stil entwickelt, der sie dann einer inneren Logik folgend zum politischen Pamphlet führte, und zwar zu einem Pamphlet, in dem das Subjektive, die ganz persönliche Leidenschaft selbst der Einseitigkeit der Darstellung hohen literaturästhetischen Wert gewährt. Nach dem 11. September 2001 griff Fallaci – die eigentlich noch zur Generation des antifaschistischen Widerstandes gehört – nach einem krankheitsbedingten, jahrzehntelangen Schweigen zur Feder und veröffentlichte ihre antiislamische Streitschrift „Die Wut und der Stolz“ (JF 37/02). Das Buch wurde weltweit millionenfach verlegt. Neben dem neuerlichen Ruhm schlug ihr aber gleichzeitig orkanartiger Haß entgegen – und das nicht nur aus der muslimischen Welt, sondern auch seitens der „Gutmenschen“, der Propheten der „political correctness“. Was die Wut ihrer zahlreichen Kritiker auslöst, ist Fallacis Feststellung, daß der Gegner des Abendlandes nicht der islamische Fundamentalismus ist, sondern der Islam schlechthin. Als Reaktion auf die Reaktion veröffentlichte Fallaci zwei Jahre später – im Frühjahr dieses Jahres – ein zweites Pamphlet, das jetzt auch in deutscher Übersetzung vorliegt: „Die Kraft der Vernunft“ (JF 20/04). Der Titel will den Optimismus der Autorin zum Ausdruck bringen: trotz aller Gefahren, die die Islamisierung Europas beinhaltet und die im Buch mit beispielloser Wucht veranschaulicht werden, schließt sie mit dem – durchaus berechtigten – Bekenntnis zur Überlegenheit des abendländischen Denkens, eben zur „Kraft der Vernunft“. Fallaci belegt ihre antiislamischen Thesen auch historisch. So geht sie zum Beispiel gnadenlos ins Gericht mit der Lüge von der vermeintlichen Toleranz des westlichen Kalifats in Spanien. „Wer an den Mythos des ‚friedlichen Zusammenlebens‘ glaubt, das nach Meinung der Kollaborateure die Beziehungen zwischen Eroberten und Eroberer prägte, täte gut daran, die Geschichten über verbrannte Konvente und Klöster nachzulesen, über geschändete Kirchen, vergewaltigte Nonnen, christliche oder jüdische Frauen, die entführt und in die Harems gesperrt wurden. Er täte gut daran, über die Kreuzigungen von Cordoba nachzudenken, über die Gehängten von Granada, über die Enthaupteten in Toledo und Barcelona, Sevilla und Zamora. (Die in Sevilla befahl Mutamid, der König, der mit den abgeschlagenen Köpfen die Gärten seines Palastes schmückte. Die in Zamora befahl Almanzor: der Wezir, der Mäzen der Philosophen genannt wurde, der größte Herrscher, den das islamische Spanien je hervorgebracht hat.)“ Fallaci bekennt sich zu einem radikalen Atheismus, bezeichnet sich aber trotzdem als Christin, denn sie erkennt und erläutert den christlichen Kern Europas. Christentum versteht sie nicht als Gottesglauben, sondern als Zugehörigkeit zur europäischen Kultur. Durch die Begründung dieses Standpunktes anhand des jämmerlichen historischen Auftritts der Kapitulanten – lies: der „Gutmenschen“, der „Multikultivertreter“, der „Anständigen“ – gewinnt das neue Buch einen besonderen politischen Gegenwartswert in bezug auf mindestens drei höchst aktuelle Vorgänge: das Verschweigen der christlichen Grundlagen Europas in der Präambel des europäischen Verfassungsentwurfes, die Unruhen nach dem Mord an dem niederländischen Regisseur Theo van Gogh durch einen fanatischen Islamisten und die bevorstehende Aufnahme der Beitrittsverhandlungen der EU mit der Türkei. Fallaci behauptet, daß der Islam die Eroberung Europas anhand des demographischen Faktors einerseits, der Ausnutzung der Unwillens des Abendlandes, die schon eingetretene Realität zu erkennen, andererseits systematisch und erfolgreich betreibt. Sie versteht sich offenbar als eine Mahnerin in letzter Stunde und geht daher gnadenlos ins Gericht mit Politikern, Geistlichen und Literaten, die zur riesigen Schar der Beschwichtiger gehören, der Totengräber der europäischen Kultur. Jedermann, der nur einen Hauch von Wahlverwandtschaft mit unserem geistigen Vaterland Europa empfindet, sollte dieses Buch lesen. Es wird seinen Glauben an die „Kraft der Vernunft“ stärken. Oriana Fallaci: Die Kraft der Vernunft. List Verlag, Berlin 2004, 320 Seiten, gebunden, 19,95 Euro Foto: Oriana Fallaci: Radikale Atheistin mit christlicher Zugehörigkeit

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