Endlosschleife

Neue Rechtschreibung so gut wie abgeschafft“, verkündete die Bild-Zeitung am 29. Juli auf der ersten Seite in Vorfreude auf ein immer näher rückendes Ende der Schreibverwirrung. „Große deutsche Zeitschriften- und Zeitungsverlage“, verriet am Montag der Spiegel, „überlegen inzwischen, zur alten Schreibweise zurückzukehren.“ Die Absichten dieser Verlage sind der Grund dafür, daß sich immer mehr Ministerpräsidenten aus der Deckung wagen, um ein Bekenntnis für die bewährte Rechtschreibung abzulegen. Der saarländische Ministerpräsident Peter Müller bekennt: „Ich weiß viele Verlage hinter mir.“ Mit Müller sind mittlerweile fünf Länderchefs in dieser Gesellschaft politischer Vorreiter: Christian Wulff (Niedersachsen), Edmund Stoiber (Bayern), Wolfgang Böhmer (Sachsen-Anhalt) und Erwin Teufel (Baden-Württemberg). Sie wollen auf der Ministerpräsidentenkonferenz Anfang Oktober über die Zukunft der Rechtschreibreform verhandeln. Helmut Markwort, Chefredakteur des Nachrichtenmagazins Focus, verspottet sie und andere Reformgegner aus der Politik als „billige Helden im Buchstabenkrieg“. Markwort ätzt: „Die Ritter ohne Furcht und Tadel sind die Galionsfiguren einer strategisch ausgeklügelten Kampagne.“ Dieser gehässigen Bemerkung kann man entnehmen, daß der Burda-Verlag, in dem der Focus erscheint, nicht zu den ersten gehören wird, die der Rechtschreibreform ade sagen werden. Allerdings hat Focus selbst bei den Meinungsforschern von Polis/Usuma eine Umfrage in Auftrag gegeben, die zu dem Ergebnis kommt, daß zwei Drittel der Deutschen für eine Rückkehr zur bewährten Rechtschreibung sind. Seit der Erhebung im Juni 2004 schärften zahllose Zeitungsberichte das öffentliche Bewußtsein. Deswegen kommen neuere Umfragen zu noch deutlicheren Ergebnissen. So wies das Meinungsforschungsinstitut Emnid nach, daß die Zahl der Deutschen, die die Reform ablehnen, von Juni bis Juli dieses Jahres von 65 Prozent auf überwältigende 77 Prozent gestiegen ist. Wenn drei Viertel der Sprachgemeinschaft fünf Jahre nach der Einführung in den meisten Zeitungen und Zeitschriften die Reformregeln immer noch nicht anerkannt haben, dann müssen Verlage und Politiker handeln. Zu den nachdrücklichsten Kritikern der Reform gehören vor allem jene, die ständig mit der Schriftsprache zu tun haben: Literaten und Literaturkritiker. Martin Walser sagt: „Die Idee dieser Reform wurde aus bürokratischem Müßiggang geboren.“ Für Adolf Muschg ist sie „so unnötig wie ein Kropf“, und Georg Klein ermuntert: „Es ist keine Schande, etwas Mißratenes aus der Welt zurückzurufen.“ Hans Magnus Enzensberger wettert gegen die „ministerialen Ignoranten“, „servile Schullehrer“ und die „Skrupellosigkeit einer Mafia“ der Reformer. Und Marcel Reich-Ranicki erklärt: „Es wäre verheerend, sollte es sich einbürgern, daß für die Schriftsteller eine andere Rechtschreibung gilt als für die Schüler unserer Grundschulen.“ Die Debatte hat inzwischen Österreich erreicht. Der SPÖ-Vorsitzende Alfred Gusenbauer sagte der Kronen-Zeitung, er sehe keinen Sinn in der Rechtschreibreform, sie bringe keinen Fortschritt. Bei den ständigen Nachbesserungen kenne sich niemand mehr aus: „Außerdem richtet sich in Österreich der Großteil der Bevölkerung ohnehin nicht nach der neuen Schreibweise. Und wozu, bitte, brauchen wir etwas, das niemand haben will und an das sich niemand hält?“ FPÖ-Bildungssprecherin Mares Rossmann forderte eine Verlängerung der Übergangsfrist für die Reform über den 1. August 2005 hinaus. Wenn Klaus Heller, der Geschäftsführer der Rechtschreibkommission, von einem „Staatsvertrag“ mit Österreich und der Schweiz spricht, dann verbreitet er ein Märchen. Denn es besteht lediglich eine Absichtserklärung, die vor acht Jahren von Vertretern mehrerer Staaten unterzeichnet worden ist und jederzeit aufgegeben werden kann. Außerdem haben die Kultusminister mit der geplanten Gründung eines „Rats für deutsche Rechtschreibung“ die Grundlage der besagten Erklärung bereits verlassen. Für einen Ausstieg aus dem Abenteuer Rechtschreibreform gibt es also keinen staatsrechtlichen Hinderungsgrund. Überhaupt werden die Inhalte der Reform kaum noch verteidigt. Statt dessen werden Argumente vorgetragen, die wenig stichhaltig sind. Die Reformgewinnler, also in erster Linie die Kamarilla der Rechtschreibreformer und Wörterbuch- und Schulbuchverlage, klammern sich an jeden Strohhalm, der zusammen mit der Reform den Bach hinuntergeht. So kann die Duden-Redaktion die Rechtschreibreform nur befürworten, denn in vorauseilendem Gehorsam hat sie schon ein neues Wörterbuch drucken lassen, in das bereits die Reform der Reform eingearbeitet ist, die jedoch erst Mitte des nächsten Jahres in Kraft treten soll. Außerdem wird ein Argument ins Feld geführt, das bei der Einführung der Rechtschreibreform nicht zählte: Die Umstellung auf die bewährte Schreibweise sei zu teuer. Das Gegenteil ist der Fall. Mit großzügigen Übergangsfristen für den Austausch der Schulbücher entstehen keine hohen Umstellungskosten. Und die Gelder, die durch den Wegfall des dauernden Herumbastelns an der Reform eingespart werden, könnten in Reformen gesteckt werden, die diesen Namen auch verdienen. Thomas Paulwitz ist Schriftleiter der vierteljährlich erscheinenden Zeitung „Deutsche Sprachwelt“ (Postfach 1449, 91004 Erlangen, Tel. 091 31 / 48 06 61, Fax 091 31 / 48 06 62, E-Post: schriftleitung@deutsche-sprachwelt.de )

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