Ein Lob den Hörplätzen

Wie kann man sich nur als Adeliger mit einer vorbestraften Frau einlassen? Das ist eine Schande für das gesamte Hohenzollern-Geschlecht“, schimpft laut Nürnberger Abendzeitung Prinz Carl Alexander von Hohenzollern über die Beziehung zwischen Tanja Gsell und seinem Cousin Ferfried. In Verdis „Macht des Schicksals“ greift Don Carlos zur Waffe, um die Ehre seiner Familie di Vargas zu retten. Schwester Leonora di Vargas wollte mit dem Inkaprinzen Alvaro anbandeln, der aus Versehen ihren Vater erschießt. Ihr Bruder schwört ewige Rache und pocht auf ein Duell. Voneinander getrennt fliehen Leonora und Alvaro durch halb Europa. Er versteckt sich als Offizier bei spanisch-italienischen Truppen, die gegen die Habsburger kämpfen. Doch Carlos findet Alvaro immer wieder und fordert ihn zum Duell. Alvaro verweigert ein Duell, flieht statt dessen ins Kloster, wird auch dort nach Jahren von Carlos aufgespürt, so daß es schließlich zum Kampf kommt. „Schwerlich wird man in der Theaterliteratur der ganzen Welt ein Drama finden, das so reich an menschlichen Typen, an gesell­schaftlichen Milieus und an land­schaftlichen Prägungen ist“, lobt überschwenglich ein Literaturführer den Roman „Don Alvaro oder die Macht des Schicksals“, der die Basis für Verdis Oper abgab. Und was macht Regisseur Bruno Klimek aus diesem Stück? Ein blasses, eindimensionales Psychodrama, ohne die emotionalen Konflikte offenzulegen. In der Mitte der Bühne steht ein großes Sofa, auf dem meist die blaugekleidete Leonora sitzt, umgeben von blaugekleideten Puppen, die sie später zerlegen wird. Selbst das Duell zwischen Alvaro und Carlos findet auf dem Sofa statt. Alles soll sich lediglich in Leonoras Kopf abspielen. Nur für kurze Zeit entschwindet Leonora in den (Bühnen-)Himmel, angeschnallt an ein riesiges Holzkreuz. Verdis verzwickter Handlungsrahmen zerbröselt endgültig. Ein roter Faden gibt sich nicht zu erkennen, katholische Mönche sind evangelisch gekleidet. Die Bühne als minimalistisch ausgestattetes, karges Wohnzimmer: Statt Massenszenen – mit Heerlager, Zigeunerfest, Armenspeisung und Gottesdiensten – tauchen aus dem Untergrund Männer mit weißen Unterhemden auf. Lediglich ihre Köpfe und Schultern sind zu sehen, bevor sie wieder in die Unterbühne verschwinden. Einige Opernhäusern bieten reine Hörplätze an, die gerne von Musik­studenten genutzt werden, um die Partitur mit der gespielten Musik zu vergleichen. Der Vorteil für Nürnberg: Man wäre nicht abgelenkt durch groteske Bühnenaktionen, sondern könnte den dramatischen Musikzauber des Orchesters unter Philipe Auguin ungestört genießen. Die nächsten Aufführungen in der Nürnberger Oper finden statt am 16., 20. und 27. Dezember 2004.

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