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Ein Leben lang traurig

Im Schlußkapitel seiner „Deutschen Geschichte“ zitiert Golo Mann Verse aus den „Terzinen über die Vergänglichkeit“. Nicht ohne Hintersinn, denn Geist und Stimmung, die Hofmannsthals Gedichte durchziehen, sind für Manns Prosa konstitutiv: Das Erschrecken darüber, „daß alles gleitet und vorüberrinnt“, und der Trost, den man aus der Gewißheit der Transzendenz gewinnt: „daß ich auch vor hundert Jahren war / Und meine Ahnen, die im Totenhemd, / Mit mir verwandt sind wie mein eignes Haar …“ Beides verbindet sich zu wissender Melancholie: „Und drei sind Eins: ein Mensch, ein Ding, ein Traum.“ Diese säkulare Trinität aus Subjekt, Objekt und geistigem Zusammenhang, der sich der menschlichen Einsicht jedoch nur unvollkommen – in Ahnungen, Chiffren und Symbolen – mitteilt, bezeichnet die innere Struktur der Historiographie Golo Manns. Die Verwandtschaft mit den Ahnen bestätigte sich im doppelten Sinne. Er war Sproß einer berühmten Familie, was keineswegs nur vorteilhaft für ihn war. Er litt unter der „unvorstellbaren Kälte“ des Vaters Thomas Mann. Vor dem Mittagessen machte er sich Notizen, um beim Tischgespräch nicht ins Stocken zu geraten. Noch am Lebensende suchte der Vater ihn in seinen Albträumen heim. Tief verwurzelt war er in der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte. Golo Mann promovierte bei Karl Jaspers, von dem er „nützliche Unterscheidungen zwischen dem Wißbaren und dem im Glauben Erfahrbaren, zwischen Notwendigkeit und Freiheit, zwischen dem Geschichtlichen und Ewigen“, lernte. Prägend war auch das Studium der Schriften Max Webers, an dem ihn die „wahrheitstreue Härte“ faszinierte. 1933 folgte der junge Historiker den Eltern in die Schweiz. Es gelang ihm, einiges Geld und vor allem die Tagebücher des Vaters, der eine Katastrophe fürchtete, sollten seine intimsten Bekenntnisse den Nationalsozialisten zu Gesicht kommen, ins Exil zu retten. Über Frankreich, Spanien und Portugal floh er 1940 in die USA. Adolf Hitler war ihm die Personifizierung des Bösen, in seinen Büchern heißt er „A. H.“, „das Scheusal“ oder „der Schlimmste“. Das machte ihn aber, als er während des Krieges in der „American Broadcasting Station“ in London tätig war, nicht blind für die furchtbare Logik des Bombenkriegs gegen Deutschland. Später bestritt er energisch, was Bertolt Brecht über seinen Vater berichtet hatte: Dieser hätte herzlos den Bombentod von 500.000 Deutschen verlangt! Diesen Ausspruch empfand er als einen Schandfleck, den er auf dem Familienschild nicht dulden konnte. Golo Mann hat geäußert, wer die Schrecken dieser Jahre erlebt habe, der könne nie wieder volles Vertrauen fassen zur Welt und bleibe traurig sein Leben lang. Seine Traurigkeit wappnete ihn gegen Zynismus und Hochmut jeder Art. Manns Schriften zeugen von tiefer Einsicht in die menschliche Natur, die zum Guten wie zum Bösen ausschlagen kann. Die Geschichtsschreibung hat er mit der Technik des Romans verglichen. Man hat ihm deswegen vorgeworfen, von der Theorie unbeleckt zu sein. Die Wahrheit ist, daß er die Bedeutung von Welterklärungsmodellen für geringer erachtete als die meisten Kollegen. Hinzukommen mußten die Erfahrungen der eigenen Zeit und des eigenen Lebens. Doch das wäre immer noch zu wenig gewesen ohne Manns Sprachkraft und glänzenden Stil, der niemals manieristisch wirkt. Seine Wallenstein-Biographie ist eine monumentale historische Arbeit, aber auch ein großer historischer Roman, einer der größten, den es in der deutschen Literatur überhaupt gibt. „Sinkt, wer sie geschichtlich legitimieren will, nicht in das alte deutsche Philosophenlaster zurück, jeden Unsinn gut und von heimlicher ‚List der Vernunft‘ hervorgebracht zu finden, nur weil es wirklich ist? Oder wenn er sich damit begnügt, die bloßen unüberwindlichen Tatsachen der Macht zu konstatieren, wäre es nicht das verwandte Laster der Machtanbetung? Machtverhältnisse sind nichts ewiges.“ Auch diese Sätze stammen aus der „Deutschen Geschichte“, sie nehmen vorweg und weisen zurück, was gegen Ende der achtziger Jahre liberaler Konsens zur deutschen Teilung war. Frühzeitig und klar formulierte er die Bedeutung des deutschen Widerstands, der durch die alliierte Forderung nach bedingungsloser Kapitulation in eine doppelt ausweglose Tragik geraten war. „Hätte es aber im deutschen Widerstand nur sie gegeben, die Geschwister Scholl und ihre Freunde, so hätten sie alleine genügt, um etwas von der Ehre zu retten, der die deutsche Sprache spricht. Es gab viel mehr …“ Mit den Massakern nach dem Scheitern des Hitler-Attentats – „dieser schrecklichsten Tragödie in Deutschlands moderner Geschichte“ – war Deutschland, neben der Verstümmelung seines Territoriums, seiner Besten beraubt und irreparabel beschädigt. In der Rezension einer englischen Biographie über Helmut James Graf von Moltke, des Haupts des Kreisauer Kreises, die ihm zu einem eigenständigen Essay geriet, resümierte Mann, daß die Motive des Widerstands den Nachgeborenen fremd geworden seien. „Die Trennung der Deutschen von ihrer Vergangenheit ist endlich so radikal geworden, wie Moltke sie gefordert hatte; obgleich anders, ganz anders.“ Die Schwermut dieses Satzes erinnert an die aus jener Romanszene, in welcher der kleine Hanno Buddenbrook vom Vater gescholten wird, weil er in der Familienchronik einen Schlußstrich unter seinen Namen gezogen hat. Er stammelt entschuldigend: „Ich glaubte … ich glaubte … es käme nichts mehr …“ Die drei letzten Jahrzehnte verbrachte Golo Mann im Haus des Vaters in Kilchberg hoch über dem Zürichsee. Nach Thomas Mann und seinem Onkel Heinrich der Größte aus dieser ungewöhnlichen Familie, wollte er unter keinen Umständen im Familiengrab bestattet werden. Dieses wird vom prätentiösen Grabstein des Vaters beherrscht. Seine eigene Ruhestätte befindet sich in Sichtweite, aber in gebührender Entfernung. Golo Mann: In München am 27. März 1909 geboren, studierte Golo Mann Philosophie und Geschichte und promovierte in Heidelberg bei Karl Jaspers mit einer Arbeit über Hegel. Von 1942 bis 1958 lehrte er Geschichte an verschiedenen amerikanischen Universitäten, von 1960 bis 1964 Politische Wissenschaften an der Universität Stuttgart. Danach arbeitete er als freier Schriftsteller. Golo Mann, ausgezeichnet mit dem Büchner- und dem Goethepreis, starb am 7. April 1994. (tha)

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