Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Der richtige Mann zur richtigen Zeit

Mit einem nationalen Staatsakt in der Kathedrale von Washington werden an diesem Freitag die fünftägigen Trauerfeierlichkeiten für den früheren US-Präsidenten Ronald Reagan zu Ende gehen. Noch am selben Abend soll in Simi Valley, Kalifornien, die Beisetzung im Fami-lien- und Freundeskreis stattfinden. Reagan, der seit Jahren an Alzheimer litt, war vergangenen Samstag im Alter von 93 Jahren an seinem Wohnsitz im kalifornischen Bel Air gestorben. Die Fama will wissen, daß Ronald Reagan im Bündnis mit dem Papst den Kommunismus niedergerungen und den Kalten Krieg beendet habe. Diese Sicht auf die geschichtlichen Abläufe ist gewiß zu simpel. Man muß sich nur vorstellen, in der Sowjetunion wäre 1985 kein Gorbatschow, sondern ein neuer Stalin an die Macht gekommen. Das schmälert das historische Verdienst Reagan aber keineswegs. Er war der richtige US-Präsident zur richtigen Zeit. Ein besserer konnte den Deutschen damals gar nicht passieren. Als der Republikaner Reagan, ehedem Schauspieler in Wildwest-Filmen und später Gouverneur von Kalifor-nien, Ende 1980 zum 40. Präsidenten der USA gewählt wurde, war die ursprünglich offensiv angelegte westliche Entspannungspolitik zur Verzichtspolitik degeneriert. Die Ausdehnung des sowjetischen Machtbereichs in Afrika und Asien schien sich unaufhaltsam zu vollziehen. Ein Jahr zuvor war die Sowjetunion in Afghanistan einmarschiert. Über Polen, wo die Gewerkschaft Solidarnosc der kommunistischen Partei das Machtmonopol streitig machte, schwebte das Damoklesschwert einer Militärintervention. Die USA litten unter dem Vietnam-Trauma und den Nachwirkungen des Watergate-Skandals und waren kaum in der Lage, ihre Rolle als Führungsmacht wahrzunehmen. Hinzu kam die innere Anfälligkeit des Westens gegenüber der Friedens- und Fortschrittspropaganda des kommunistischen Lagers. Politiker und Intellektuelle neigten dazu, den Regimes eine politische und moralische Legitimität zuzusprechen, die sie bei ihrer eigenen Bevölkerung nie gehabt hatten, und merkten in ihrer Verzagtheit nicht, daß der Ostblock längst schwächelte. Reagan machte damit Schluß. Er scheute sich nicht, die Sowjetunion samt ihrer politischen und ideologischen Grundlagen als Provokation und als feindliches Prinzip anzuprangern. Er zwang ihr einen Rüstungswettlauf auf, den sie finanziell und technologisch verlieren mußte. Seine Intervention in Grenada zeigte, daß er in der Tradition der Monroe-Doktrin stand und kein zweites Kuba auf dem amerikanischen Kontinent zulassen würde. Im übrigen sorgte er dafür, daß der Einfluß von Desperados auf die amerikanische Außenpolitik gering blieb. Zwar konnte er die Ausrufung des Kriegsrechts im Dezember 1981 in Polen nicht verhindern, doch hielt er die Sowjets davon ab, mit eigenen Panzer einzurollen. Dadurch verschaffte er der polnischen Opposi-tion die Möglichkeit, sich mittelfristig wieder zu regenerieren. Das hat ihm in ganz Osteuropa viel Sympathie eingebracht, von der sein Nachnachfolger Bush jun. – unverdientermaßen – heute noch zehrt! Seine deutlichen Reden veranlaßten Kritiker, ihn als schlichtes Gemüt hinzustellen, zum Beispiel, als er im Juni 1987 in einer spektakulären Rede in Berlin den sowjetischen Parteichef Gorbatschow aufforderte, das Brandenburger Tor zu öffnen und die Mauer niederzureißen. „Mister Gorbatschow, open this gate!“ – „Mister Gorbatschow, tear down this wall!“ – mit diesen beiden diamantenen Sätzen eroberte Reagan nicht nur die Herzen der Berliner, sondern schrieb sich auch in die Geschichtsbücher ein. 1992 wurde er zum Berliner Ehrenbürger ernannt Reagans Kritiker waren überfordert durch seinen Mut, das Selbstverständliche auszusprechen, und von seinem Gespür für den bevorstehenden Gezeitenwechsel. Als er im Mai 1985 Deutschland besuchte, ließ er es sich nicht nehmen, auf dem deutschen Soldatenfriedhof in Bitburg einen Kranz niederzulegen. Er trotzte einer lautstarken Medienkampagne, die sich daran entzündet hatte, daß in Bitburg auch Angehörige der Waffen-SS bestattet waren. Reagan fand bei dieser Gelegenheit warmherzige Worte für die Tragik der jungen Deutschen, die hier ruhten, und zeigte der deutschen Gesellschaft eine Möglichkeit auf, mit sich selber ins reine zu kommen. Reagan war prinzipienfest und damit das Gegenteil eines vernagelten Ideologen. Als er im Januar 1989 von der politischen Bühne abtrat, wankte die Berliner Mauer. Daran wird man sich hierzulande stets dankbar erinnern. Foto: Ronald Reagan (1911-2004): Kritiker waren überfordert durch seinen Mut, das Selbstverständliche auszusprechen

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