Das asymmetrische Paar

Das Jahr 2004 ist überreich an erinnerungspflichtigen Daten. Das Wirkungsfeuer der zusammengefaßten politisch korrekten Medienartillerie setzte ein mit der zeitgemäßen Würdigung des „D-Day“, dem sechzigsten Jahrestag der Landung amerikanischer, britischer und auch polnischer Streitkräfte in der Normandie, vom Bundeskanzler deklariert als „Sieg für Deutschland“. Solche an den westalliierten Kriegszielen vorbeigehende Interpretation läßt Schlimmes für das nächste Jahr befürchten, wenn sich die Verwalter der Erinnerungs-„Kultur“ der sechzigsten Wiederkehr des 8. Mai 1945 annehmen werden. Kaum waren die Tribünen und Aufmarschplätze in Frankreich geräumt, hallten mit gewaltigem Echo die Schüsse von Sarajewo (28. Juni 1914) nach, Anlaß, den Ersten Weltkrieg unter großzügiger Vernachlässigung der vorhergehenden Juli-Krise medial aufzubereiten. Die Feuilletons im öffentlich-rechtlichen Fernsehen über Tannenberg, Ypern, Verdun und Versailles gerieten indes dürftig, mangelt es doch inzwischen an Zeitzeugen mit dem erforderlichen Schuldbewußtsein, an geeignetem Filmmaterial sowieso. In den Printmedien geisterte aber schon einmal der bald weltbekannte, 1914 und die unmittelbare Zeit danach noch namenlose Gefreite Adolf Hitler durch die Spalten, dessen Popularität dann im Spätsommer durch einen Kinofilm weiter aufgeholfen wurde. Überraschend zurückhaltend, jedenfalls verglichen mit den Peinlichkeiten zum vierzigsten und fünfzigsten Jahrestag rückte dann der 20. Juli 1944 ins allgemeine Bewußtsein, auch wenn die filmischen Rekonstruktionen sich auf den dramatischen Ablauf der Geschehnisse beschränkten. Die Atmosphäre dieser Zeit zwischen Massenmord und Massenwahn und die Motive der Verschwörer blieben dabei auf der Strecke. Mangelnde Sachkenntnis und unzureichendes Wissen hinderten dann nicht an einem theologisch verbrämten ministeriellen Schuldbekenntnis anläßlich des hundersten Jahrestages des Herero-Aufstandes im damaligen Deutsch-Südwest-Afrika, während die Nachkommen der Hereros sich eher an finanzieller Wiedergutmachung interessiert zeigten. Nach so viel „Geschichte light“ binnen weniger Wochen ist es geradezu wohltuend, endlich solider Wissenschaft zu begegnen, auch wenn sie unter einem etwas schwerfälligen Titel daherkommt, „Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung“. Die anspruchsvolle Zusicherung im Untertitel, auf Clausewitz zu fußen, macht neugierig, wie wohl der in Tirol beheimatete Verfasser mit dem Problem fertig wird, die deutsch-österreichischen militärischen Operationen 1917/18 am Gedankengebäude des preußischen Kriegsphilosophen zu messen. Um es vorwegzunehmen, Müller erreicht das selbstgesteckte Ziel eindrucksvoll und überzeugend. Nicht nur, daß er die hierzu schon lange vorliegenden amtlichen Darstellungen vorurteilslos nutzt, das darin verarbeitete breite Quellenmaterial neu sortiert und kritisch befragt, er erschließt auch mit viel Spürsinn und Beharrlichkeit bisher unbeachtetes Material. Seinen Clausewitz hat er genau gelesen und jedenfalls besser verstanden als die durch Staatskunst ungebremsten Kriegshandwerker vor allem in der dritten Obersten Heeresleitung. Allerdings, und das wird in seinen skeptischen Seitenblicken auf die Gegenseite klar, stand auch dort nicht etwa großes strategisches Denken im Vordergrund. Eher war es der Vorteil des längeren Atems und der – im Vergleich zu den Mittelmächten – unerschöpflichen Ressourcen. Sehr anschaulich sowohl hinsichtlich der unterschiedlichen Kriegsziele und Interessen der Bundesgenossen, ihrer Mentalitäten und vor allem ihrer abgesunkenen militärischen Potentiale wird die Asymmetrie des Bündnisses, die einer effektiven Koalitionskriegführung eigentlich von Anfang an entgegenstand. Der Verfasser schreibt in seiner detailreichen Schilderung des Weges in die Niederlage gerade auch aufgrund gravierender operativer Fehlentschlüsse nicht für den geistigen Mittelstand, sondern verlangt außer Vorkenntnissen einige erhebliche intellektuelle Anstrengungen bei der Lektüre. Dafür beschenkt er den Leser mit einem opulenten Anmerkungsapparat, dem „Keller unter dem Gebäude: im Spinnenwinkel stecken ein paar gute Flaschen für Kenner“ (Robert Minder). Ob der Wunsch des Rezensenten in Erfüllung geht, das Buch möge seine durchaus bahnbrechende und hilfreiche Wirkung wenigstens auf die dann fälligen Gedenkartikel zum hundert-sten Jahrestag des Kriegsendes 1918 entfalten? Foto: Kaiser Wilhelm besucht im November 1917 in Passariano die italienische Front: Die Konstitution des österreichischen Bundesgenossen stand einer effektiven Koalitionskriegführung von Anfang an entgegen Martin Müller: Vernichtungsgedanke und Koalitionskriegführung. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn in der Offensive 1917/18. Eine Clausewitz-Studie. Leopold Stocker Verlag, Graz 2003, 450 Seiten, kartoniert, 39,90 Euro. Dr. Georg Meyer arbeitete als Historiker beim Militärgeschichtlichen Forschungsamt (MGFA). 2001 veröffentlichte er die Biographie „Adolf Heusinger“ im Verlag Mittler & Sohn.

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