Bloß nie ins Vorzimmer Gottes

Gott hält sich aus vielem heraus, und die Engel, die die Vorzimmer bewachen, sind nicht immer ein und derselben Meinung.“ Ein Schlüsselsatz aus dem 1976 erschienenen Buch „Utopie und Revolution“ von Melvin J. Lasky, dem am Mittwoch voriger Woche in Berlin im Alter von 84 Jahren verstorbenen US-amerikanischen Publizisten. Lasky war der Anti-Utopist schlechthin, einer, der nicht einmal negativen Schreckens-Utopien traute, wie sie George Orwell („1984“) oder Aldous Huxley („Schöne Neue Welt“) geschrieben haben. Kein „Weltverbesserer“, so die feste Überzeugung Laskys, kann sich auf den Willen Gottes oder auf die „Weltvernunft“ oder auf sonst etwas Derartiges berufen. Tut er es trotzdem, richtet er nur Unheil an. Sein notorischer Anti-Utopismus bedeutete nun aber nicht, daß Lasky in der Politik für unansehnliches Flickwerk eingetreten wäre, für „Patchwork-Strategie“ im Sinne Karl Poppers, für absichtliches Vorsichhinwursteln. „Große Tat und edler Traum“ waren für ihn die beiden entscheidenden Orientierungspunkte jedes anspruchsvollen Lebens, auch und gerade in der Politik. Ohne große Tat und edlen Traum sei die Menschheit nichts weiter als ein Ameisenhaufen, eine vorprogrammierte Freß- und Gebärmaschine, um die sich kein freier Gedanke lohne. Wie Tat und Traum von Weltverschlechterung abgehalten werden können, ohne sie dabei in Putzigkeit und Idylle versinken zu lassen – darum drehte sich das Reden und Schreiben Melvin J. Laskys. Definitive Antworten hatte er nicht, bat unermüdlich um freie Diskussion auf hohem bis höchstem Niveau. Er war ein großer Kommunikator und ein fast noch größerer Redakteur. Die beiden wahrscheinlich besten Kulturzeitschriften in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, der deutsche Monat und der Londoner Encounter, verdankten sich seiner Initiative. Der legendäre „Kongreß für die Freiheit der Kultur“ war sein Werk. Für Aufsehen sorgte 1950 Laskys Rede auf dem Kongreß im Titania-Palast in Berlin, als er freie Wahlen und die Garantie von Bürgerrechten für Osteuropa einforderte. Unterstützung erfuhr er dabei ausdrücklich von den Philosophen Hannah Arendt und Karl Jaspers sowie den Schriftstellern George Orwell und Albert Camus. In die Geschichte eingeschrieben hatte er sich bereits drei Jahre zuvor im Oktober 1947 mit seinem Auftritt auf dem ersten deutschen Schriftstellerkongreß, der im Berliner Hebbel-Theater stattfand. In seiner Rede klagte er – ein damals beileibe nicht selbstverständlicher Vorgang – die groben Verfolgungen von Literaten und Künstlern durch die Sowjets an. Die wütenden Proteste der sowjetischen Delegierten zeigten, daß Lasky sie mit seinen Bemerkungen ins Mark getroffen hatte. Melvin Jonah Lasky, am 15. Januar 1920 in New York geboren, gehörte zu den „Brooklyn-Boys“, jener in den zwanziger Jahren aufgewachsenen Gruppe jüdischer Junggenies, die später alle zu bedeutendem publizistischen Einfluß kamen. Aber während die meisten von ihnen (und auch noch ihre Söhne) Marxisten und Trotzkisten wurden, später – aus enttäuschter Liebe – „kalte Krieger“, und heute, nach dem Scheitern des Marxismus, schon wieder für ein neues „Weltprojekt“, nämlich für einen schrankenlosen US-Imperialismus, eintreten, bewarb sich Lasky nie um einen Platz in Gottes Vorzimmer. Er war „Situationist“ und „Existentialist“, sein Blick blieb immer auf das konkrete Leben in seinen mannigfaltigen Formen gerichtet, jede Gleichmacherei haßte er geradezu. Als blutjunger Besatzungsoffizier kam er nach Berlin – und blieb. Er arbeitete als Korrespondent für amerikanische Publikationen und gründete 1948 den Monat. Für die Zeitschrift schrieben berühmte Autoren wie Thomas Mann und Max Frisch, Arthur Koestler, Hermann Kesten, Hans Sahl und Golo Mann, Ignazio Silone, T. S. Eliot, William Faulkner, Jean-Paul Sartre, Orwell, Camus. Für viele Meinungsführer und Intellektuelle war die Zeitschrift lange „wie ein Fenster zur Welt“ (Wolf Jobst Siedler). 1958 siedelte Lasky nach London über, behielt aber bis an sein Lebensende einen Wohnsitz in Berlin. Die Kommunisten und die 68er hat er mit seinem Freiheitsverlangen in kulturellen Diskussionen auch später immer wieder bis aufs Blut gereizt. Sie unternahmen alles mögliche gegen ihn und triumphierten, als Ende der sechziger Jahre herauskam, daß der „Kongreß für die kulturelle Freiheit“ und der Monat von der amerikanischen CIA Geld bekommen hatten. Nun sei erwiesen, daß Lasky nichts weiter sei als ein „Agent“. Dazu wäre mindestens zweierlei zu sagen. Erstens: Nie hat ein Geheimdienst dieser Welt sein Geld vernünftiger angelegt als damals die CIA in „Kongreß“ und Monat. Wäre sie doch dabei geblieben! Und zweitens: Agenten wie Lasky läßt sich jeder Vernünftige gern gefallen. Mit ihnen zu diskutieren, ist ein Genuß, inspiriert zu großer Tat und edlem Traum. Literatur: Marko Martin (Hrsg), Ein Fenster zur Welt. Die Zeitschrift „Der Monat“ – Beiträge aus vier Jahrzehnten, Beltz Athenäum Verlag, Weinheim 2000, geb., 49 Euro. Foto: Melvin J. Lasky (1920-2004): „Brooklyn-Boy“ ohne Allüren

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