Pankraz, Hildegard und die Nudel beim Heiratsantrag

Muß er es extra versichern? Auch Pankraz findet Vico von Bülow (Loriot) hocherfreulich, stimmt Martin Mosebach ausdrücklich zu, der kürzlich zu dessen rundem Geburtstag geschrieben hat, die Stücke dieses großen Spötters seien voller Anmut und würfen ein unverdientes Glanzlicht auf unser Land, in dem bekanntlich Gestalten wie Stefan Raab den Karat des öffentlichen Humors bestimmen. Was ist aber mit der berühmten Nudel, die Herrn X "von die Schnauze bammelt", just als er seiner Angebeteten seine Liebe gesteht und ihr einen Heiratsantrag machen will?

Viele halten Loriots Nudel-Sketch für einen absoluten Knüller, bei den Fernseh-Feiern zum Geburtstag war er wieder üppig zu sehen und ließ die Lachmuskeln knattern. Warum eigentlich? Man erlebt einen Zeitgenossen, der es bitter ernst meint, der vor der Entscheidung seines Lebens steht, der sich seine Worte und Gesten genau überlegt hat, um die bis dato nur heimlich Angebetete für sich einzunehmen. Aber die Nudel an seiner Nase und später an seinem Kinn macht alles zunichte. Er ist von vorherein zur Lächerlichkeit und zum Scheitern verdammt.

Dabei ist er kein Hallodri, der das verdient und dem man es gönnt. Er ist ein gereifter Herr mit den besten Grund- und Vorsätzen, ein "Schwieriger" im Sinne Hofmannsthals mit mancherlei Komplexen und Seelenskrupeln. Er hat seinen Stolz, er ist verletzlich, besonders jetzt in dieser Situation, da er sich bekennt, da er einen anderen Mensch ungeschützt in sein Innerstes blicken läßt.

Wieso brüllen die Leute vor Lachen, wenn so einem eine läppische Nudel am Kinn alles verdirbt und versaut? Sicher, es gibt den "Chaplin-Effekt": Wir lachen unwillkürlich, wenn jemand auf dem Eis ausrutscht, komisch mit den Händen rudert und schließlich auf dem Hosenboden landet. Aber da war ja auch das volle Risiko, dem sich dieser Jemand vorwitzig aussetzte, indem er sich aufs Eis begab. Dort können sogar die Elegantesten schnell zur mechanischen, lachhaften Puppe werden.

Indes, Herr X mit seiner Liebeserklärung gebärdet sich keineswegs vorwitzig, sondern im Gegenteil äußerst bedachtsam und umsichtig. Er hat das für sein Unternehmen notwendige Ambiente sorgfältig arrangiert: feines Restaurant, feines Dinner, einen spritzigen kleinen Wein. Nichts ist dem Zufall überlassen. Und dennoch schlägt gerade der Zufall in Form der Nudel mit voller Wucht zu. Ist dies denn schon komisch? Seit wann löst die bloße Dazwischenkunft des Zufalls, zudem wenn sie ein feines, honoriges Arrangement zerstört, Lachstürme aus? Normalerweise – und gemäß sämtlicher ästhetischer Theorien – müßte sie doch das Gegenteil auslösen: Kummer oder sogar Entsetzen. Der Teufel hatte wieder einmal seinen Fuß dazwischen.

Verdacht liegt also nahe, daß im Nudel-Sketch gar nicht der simple Zufall bejubelt wird, sondern sich eine typisch zeitgenössische, pöbelmännische, letztlich teuflische Ranküne gegen honorige und dezente Arrangements austobt. Der feine Herr X mit seiner altväterlichen Delikatesse in Liebesdingen kriegt sein Teil, und das ist wahnsinnig komisch, denn jeder beliebige Stenz weiß ja inzwischen, wie man heutzutage eine Tussi aufreißt. So wie Herr X bestimmt nicht. Hahaha.

Genau betrachtet ist es übrigens nicht so sehr Herr X, der sich lächerlich macht, sondern Fräulein Hildegard, der er seine Liebe gesteht – und die seine Worte gar nicht wirklich mitbekommt, weil sie dauernd wie gebannt auf die Nudel im Gesicht von Herrn X starren muß und darüber ganz perplex und rammdösig wird.

Sie ist noch "altmodischer" als Herr X. Sie erfährt, vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben, eine volle Liebeserklärung, einen Heiratsantrag, sie ist in diesen Dingen offenbar von Kopf bis Fuß auf Romantik eingestellt – und nun diese Nudel! Eine Welt bricht für sie zusammen. Verdientermaßen ist am Ende sie es, an der die Nudel hängenbleibt.

Die ganze Nudelei wäre, völlig klar, schon nach wenigen Augenblicken zusammengebrochen, wenn sich Fräulein Hildegard wenigstens ein bißchen weiblich-weltklug angestellt hätte. "Mein lieber Freund", hätte sie lächelnd sagen können, "ich höre Ihnen zu und bin entzückt (oder geschmeichelt oder gerührt), aber erlauben Sie zunächst einmal, daß ich Ihnen diese putzige Nudel wegnehme, die Ihnen da ans Kinn geraten ist . . . So, und nun sprechen Sie bitte weiter, ich bin ganz Ohr."

Ob aber Herr X oder Fräulein Hildegard – zum Belachen freigegeben werden hier in jedem Fall bestimmte, angeblich "überständige" Benehmensformen, wie sie früher vor allem in den sprichwörtlichen höheren Kreisen üblich waren, wo es einen strengen Komment gab und man sich zusammennehmen mußte. Loriot entstammt selber solchen Kreisen und bietet auch in seiner ganzen Erscheinung ein gutes Abbild von ihnen. Pankraz wird den Verdacht nicht los, daß sich der Mann mit dem Nudel-Sketch und ähnlichen Stücken gewissermaßen das Entreebillet für seinen Eintritt in die modernen Humorfabriken mit ihren spezifischen Sichtweisen gekauft hat.

Nun zieht er ungeniert anmaßungsvolle Spießer neuesten Zuschnitts durch den Kakao, moderne Erfolgsmenschen jeglicher Couleur, Abzocker und Trittbrettfahrer. Und die Leute lassen es sich gern gefallen, sind womöglich noch irgendwie geschmeichelt, da die Sachen von einem kommen, der an sich einem ganz feinem Laden angehört, sich selber und seinesgleichen aber nicht von der Verhohnepiepelung ausnimmt und dafür nötigenfalls sogar läppische Zufälle aktiviert.

Es ist ein Geschäft auf Gegenseitigkeit. Loriot geht ein wenig unter sein Niveau, und der sonst auf Stefan Raab geeichte Humorpöbel strengt sich ein wenig an und lacht, auch wenn er nicht gleich alles mitbekommt. So und nicht anders entsteht Anmut, eine erträgliche Zwischenlage zwischen Natur und Weisheit.

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