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„Leicht rötliche“ Sinnstiftung

Der Langstreckenleser Arno Schmidt wollte sich natürlich nicht wie Kreti und Pleti bescheiden und auf die berühmte einsame Insel nur ein Buch mitnehmen. Dreihundert sollten es schon sein. Darunter auch Gustav Frenssens Roman „Otto Babendiek“ von 1926, 1.300 Seiten dick. Eine solche Empfehlung, ausgesprochen im legendären Nachtprogramm des Norddeutschen Rundfunks, erregte Mitte der sechziger Jahre Aufsehen. Rühmte sich Schmidt doch seines „notorisch als Kritiker des Vaterlandes verbrachten Schriftstellerlebens“, während Frenssen nch 1945 als „chauvinistischer“ Heimatdichter in die andere politische Ecke gestellt worden war. Trotzdem meinte Schmidt, der spätere literarische Hausgott Jan Philipp Reemtsmas, für den Dithmarscher Erfolgsautor eintreten zu müssen, der 1939 in scharfen Wendungen die NS-Judenpolitik rechtfertigte. Trotzdem: für Frenssen sprach nach Schmidts Urteil nicht nur „Otto Babendieks“ erzählerischer Rang, der sein Vorbild, Charles Dickens‘ „David Copperfield“, in den Schatten stelle. Auch der politische Publizist Frenssen, wenigstens der „leicht rötliche“ Verteidiger der Weimarer Republik und der kirchenkritische Aphoristiker, hätten es nicht verdient, vergessen zu werden. Wie die letzten Jahrzehnte zeigten, beförderten solche Handreichungen über den politischen Graben hinweg Frenssens Nachruhm nicht. Für die Leserschaft blieb er ein „erledigter Fall“. Profitiert haben von dieser prominenten Intervention nur Antiquare, die den mit Schmidts Gütesiegel versehenen, originalen „Babendiek“ heute zu astronomischen Preisen verkaufen – woran auch der 1997 bei Manuskriptum in Recklinghausen veröffentlichte Nachdruck nichts geändert hat. Allerdings sorgte Schmidts Autorität dafür, unter Literaturhistorikern die Akten des „Falles“ Frenssen nicht endgültig zu schließen. Es blieb seitdem ein gewisses Unbehagen spürbar, den Weg schnurgerade zu gehen vom Exponenten der Heimatkunst um 1900 zum völkischen Verfasser des „Glaubens der Nordmark“ von 1936. Obwohl es nicht an Versuchen fehlte, Eindeutigkeit durch allerlei ideologiekritischen Aufwand herzustellen, war die von Schmidt geltend gemachte Sperrigkeit Frenssens nicht aufzulösen und wirkte als Herausforderung. Ihr hat sich Andreas Crystall in seiner Kieler kirchenhistorischen Doktorarbeit über Frenssen gestellt. Crystall, der selbst Landpastor im weltabgeschiedenen Angeln nahe Flensburg gewesen ist wie einst Frenssen in Norderdithmarschen, rückt die bislang vernachlässigte theologische Prägung eines Mannes ins Licht, der zuerst mit „Dorfpredigten“ nennenswerten literarischen Erfolg einheimste. Dabei ist er bemüht, vom kurzschlüssigen ideologiekritischen Schematismus „Bereitstellung-Erfüllung“ wegzukommen, der schon die um 1900 publizierten Werke Frenssens nach NS-Gedankengut abtastet. Nicht die „geistige Wegbereitung“ der Antimoderne steht für Crystall deshalb im Vordergrund, sondern die religiöse Kultur der Moderne, die Ende des 19. Jahrhunderts im Zeichen der liberalen Theologie aufkommt. Das „Kommunikationsfeld“, in dem Frenssen sich intellektuell sozialisiert, ist der „Kulturprotestantismus“, also jene Ablösungsbewegung von der Orthodoxie, die die Glaubensinhalte modernisiert, um sie im Malstrom der rasante Entchristlichung der Industriegesellschaft nicht untergehen zu lassen. Wie bei jeder Anpassungsleistung, verloren aber auch die Kulturprotestanten in ihrem Bestreben, die Moderne religiös zu kultivieren, viel christliche Substanz. Bei Pastor Frenssen erkennt Crystall daher früh neben christlichen Restbeständen viele „völkisch-religiöse, germanenüberhöhende, heimatideologische oder auch sozialdarwinistische Aspekte“. Aus Jesus dem Erlöser wird der vorbildliche Sittenlehrer. Ihm nachzustreben verheißt, Gottes Reich im Laufe der historischen Entwicklung innerweltlich, als „Reich des sozialen Friedens“, als Paradies im Diesseits realisieren zu können. Obwohl zuletzt der Kirchenhistoriker Manfred Karl Adam Frenssens Verwurzelung im Kulturprotestantismus und auch dessen offene Flanke zum „germanischen“ Christentum nach dem Strickmuster Paul de Lagardes oder Arthur Bonus‘ aufgezeigt hat, liegt mit Crystalls Arbeit nun eine fast ultimativ wirkende, kompendiöse Studie vor, die das homiletische, literarische und publizistische Frühwerk Frenssens bis in die feinsten Verästelungen hinein diesem „Kommunikationsfeld“ zuordnet. Nicht ganz schlüssig ist darin nur, warum sich Crystall in seiner Interpretation des Romanwerks („Jörn Uhl“, 1901, „Hilligelei“, 1905) von herkömmlichen Deutungen etwa Uwe-Karsten Ketelsens so scharf abgegrenzt, die in Frenssens Produktion eine ungemein massenwirksame Antwort auf Entfremdungserfahrungen „industrialisierungsgeplagter“ Leserscharen sehen, denen Heimatromane eine Flucht aus angstbesetzter Moderne gestatteten. Wenn Crystall dagegen meint, Frenssen fördere doch mehr als nur diesen unbestimmten Eskapismus seiner Leser, er wolle ja ausdrücklich (ersatz-)religiöse Orientierung und Sinnstiftung bieten, dann verkennt er, daß dies nicht nur von Ketelsen schon erfaßt wurde. Mit größerem Recht darf sich Crystall dagegen von allen Interpreten absetzen, die sich bisher mit Frenssens Engagement in der Weimarer Zeit beschäftigten. Denn niemand vor ihm ist es gelungen, die weltanschauliche Vielschichtigkeit, die Frenssens Schaffen zwischen 1918 und 1927 auszeichnet, freizulegen. Das ahnungslose Geschwätz von Frenssens „protofaschistischer Bereitstellungsphase“ ist nun als Muster „selektiver Geschichtsbetrachtung“ widerlegt. Schade nur, daß Crystall die Rückgewinnung komplexer zeitgenössischer Diskurse, in die Frenssen eingebunden war, nicht auch auf so sensible Materien wie „Eugenik“ und „Antisemitismus“ ausdehnt. Hier neigt er zu moralisierenden Vereinfachungen. Diese wirken so störend wie einige grobe zeithistorische Schnitzer von der Art, 1914 hätte sich Deutschlands „Aggression“ gegen „die Ostgebiete“ gerichtet. Weiß der Autor nicht, daß Armeen des Zaren zuerst in Ostpreußen einfielen, oder begreift er Hindenburgs Gegenoffensive als „Aggression“ gegen eine deutsche Provinz? Solche Ausrutscher, ebenso wie die stete Verwechslung von „anscheinend“ und „scheinbar“, stilistische Unsicherheiten, die an Fliege-Deutsch erinnern, sowie das fehlende Namensregister, springen zwar störend ins Auge, können aber das Gesamtbild nicht trüben, hier eine Studie in den Händen zu halten, die am Beispiel Gustav Frenssens tiefe Einblicke in die deutsche Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts gewährt. Andreas Crystall: Gustav Frenssen. Sein Weg vom Kulturprotestantismus zum Nationalsozialismus. Gütersloher Verlagshaus Chr. Kaiser, Gütersloh 2002, 519 Seiten, 69 Euro

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