Joachim Kuhs

 

Lächerliche Gutmenschen

Endlich mal ein neues Stück eines jungen deutschen Dramatikers, über das sich zu sprechen lohnt: Moritz Rinkes „Optimisten“, uraufgeführt letzten Samstag am Bochumer Schauspielhaus in der Regie von Matthias Hartmann. Kein infantiles Herumgekotze und Herumgehure, wie es heute üblich ist, vielmehr ein richtiges Sprechstück, textgenau und einfallsreich inszeniert. Worum geht es? Eine Truppe linker deutscher Gutmenschen, unterwegs zu einem Attac-Kongreß in Bombay, macht einen touristischen Abstecher nach Nepal. Ihr morscher Reisebus bleibt liegen, sie flüchtet sich in ein feines Touristenhotel, aber dort ist plötzlich das Personal mitsamt den Lebensmittelvorräten verschwunden. Es ist Partisanenzeit. Die mörderischen „Maoisten“ sind in die Region eingefallen und haben auch schon das Hotel ins Visier genommen. Schon liegt der erste Gutmensch mit durchgeschnittener Kehle in seinem Zimmer. Man erlebt nun, wie die Reisegesellschaft, sich mühsam mit Erdnüssen aus der Minibar über Wasser haltend, Schritt für Schritt in ihre Einzelbestandteile zerfällt. Zunächst strotzen die Dialoge noch von marxistischen und quasi-marxistischen Phrasen über „Globalisierung“ und „Dritte Welt“, wie man sie den Leuten zu Hause in der Schule und durch die Medien beigebracht hat. Aber je knapper die Erdnußvorräte werden und je öfter die Maoisten zuschlagen und einen Gutmenschen umlegen, um so greller und entlarvender werden Verhalten und Reden der übrigen. Irre Eifersüchteleien, komisch-gespenstische Alkohol-Exzesse. Und am Schluß die dämmernde Erkenntnis, daß das, was man in Deutschland gelernt und moralisch eingeübt hat, nichts, aber auch gar nichts mit der jeweiligen Wirklichkeit vor Ort zu tun hat. All das ist gut erfunden und scharf gesehen, und Rinke tut auch recht daran, die Causa nicht als bloße Tragödie, sondern als Tragikomödie oder, genauer, als Super-Komödie mit letalem Ausgang anzulegen. Er liefert gewissermaßen eine Mischung aus blutiger Geiseltragödie à la Emmanuel Roblès oder Brendan Behan und sarkastischer Salonkomödie à la Botho Strauß. Seine Gutmenschen, zeigt er, sind gar nicht mehr in der Lage, ihren Untergang als Tragödie wahrzunehmen, sie sind durch und durch lächerlich. Mag sein, nicht jeder Dialogteil ist Rinke optimal gelungen. Doch das ändert nichts daran, daß das Publikum einen für deutsche Verhältnisse ganz ungewöhnlichen Uraufführungs-Abend hinter sich brachte. Es reagierte denn auch, wie es in Schröder- und Merkel-Land zu erwarten war: mit Buhgeschrei und Protestgegröle. Man fühlte sich tief getroffen.

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