Langen Müller Josef Kraus Der deutsche Untertan

 

Exodus der Illusionen

Seit mit dem neuen Nationalismus der Franko-Kanadier in Quebec mit dem „Cinema Québécois“ ein eigenständiges Kino entstand, ist der Drang zu einem nationalen, vom mächtigen US-amerikanischen Vorbild abgegrenzten Spielfilm gewachsen. Doch die Originalität der frankokanadischen Filme behindert – gerade in seinen jüngsten Beispielen – ihre Exportierbarkeit: nicht so sehr die Sprache, ein auch für Franzosen nur schwer verständlicher Dialekt, sondern vor allem die Konzentration auf spezifische, vom Umbruch regionaler Traditionen bestimmte soziale Eigenarten erschweren Außenstehenden den Zugang. In Denys Arcands 1986 inszeniertem Filmessay „Untergang des amerikanischen Imperiums“ war dies noch recht gut spürbar. Teils zielsicher und hintergründig-amüsant, teils grell verzerrt präsentierte Arcand eine Gruppe von Männern und Frauen, deren Gespräche sich ausschließlich um das andere Geschlecht drehten, wobei Liebe weitgehend mit Sex gleichgesetzt wurde. Arcand thematisierte den Zerfall der Werte in der modernen kanadischen Wohlstandsgesellschaft, Orientierungslosigkeit und Lebensekel, aber seine sarkastische und zynische Grundhaltung und seine blindwütigen Attacken auf Staat und Gesellschaft stellten die Aussagen des Films letztlich in Frage. Siebzehn Jahre später versammelt der Regisseur seine damaligen „Helden“ erneut vor der Kamera, und sie erweisen sich als zwar alt gewordene, aber dennoch überaus virile Herrschaften. Rémy, der ehemalige Professor für Geschichte, der als überzeugter Sozialist einst für die Verstaatlichung der Krankenhäuser kämpfte, liegt nun in einem dieser hoffnungslos überfüllten Hospitäler und wird demnächst seiner schweren Krankheit erliegen. Da er bei den völlig überforderten Medizinern nicht mehr als Notfall gilt, soll ihm – genau wie seinen Leidensgenossen – nun ein Platz auf dem Gang zugewiesen werden. Bevor dies geschieht, greift jedoch sein Filius Sébastien, vom Vater ob seines kapitalistischen Lebenswandels und seiner kulturellen Ignoranz nur als „Prinz der Barbaren“ beschimpft, ein und ermöglicht ihm schließlich durch Bestechung der mafiösen Krankenhaus-Gewerkschaft sogar ein eigenes Zimmer in einem leerstehenden Trakt des Krankenhauses. Von Rémys Sohn und seiner Ex-Frau alarmiert eilen nun auch seine Ex-Geliebten und alten Freunde ans Krankenbett. Sogar ein paar seiner Studenten, die sich früher in Rémys Vorlesungen langweilten, kann Sébastien gegen Bares überreden, seinem Vater noch einmal die Aufwartung zu machen. Und nicht nur das, er beschafft ihm auch seine tägliche Ration Heroin, mit der die Schmerzen viel leichter zu ertragen sind. Im Moment freilich, als dies dem Zuschauer erkennbar wird, hat die Szenerie bereits gewechselt, und die Stoßrichtung des Films zielt nun auch auf jene Mediziner, die traditionell ihre Patienten mittels beruhigender und euphorisierender Medikamente gleichsam sanft am Tod vorbei ins Jenseits hinüberzutäuschen versuchen, nicht Bewußtsein, sondern Bewußtlosigkeit im Sinn. Als Rémy spürt, daß es nun bald zu Ende geht, fahren die Freunde mit ihm ans Meer. Noch einmal erzählen sie sich die alten Geschichten von früher, als man noch an die Revolution glaubte, die freie Liebe praktizierte und die Welt verändern wollte. Nachdem sie alle von Rémy Abschied genommen haben – voller Zärtlichkeit und Achtung trennen sich schließlich auch Vater und Sohn voneinander -, spritzt ihm die Tochter einer seiner Ex-Geliebten eine Überdosis Heroin und verschafft Rémy einen schmerzlosen und entspannten Abgang. Arcand („Jesus von Montreal“, „Liebe und andere Grausamkeiten“) inszeniert dies alles mit einer verblüffenden Heiterkeit. „Die Invasion der Barbaren“ ist tatsächlich ein komischer Film: Seine Typen sind komisch, seine Situationen sind komisch, nur steckt hinter all dem eine bittere Erfahrung. Hört das Lachen auf, fühlt man sich betroffen, und die Betroffenheit läßt das Ausmaß der Resignation spürbar werden. Sie stecken in der Krise, die aufmüpfigen Linken von einst, sind bedroht von der Korruption und dem fortschreitenden Verlust an „Unschuld“ im Privaten wie im Beruflichen. Kaum geht mehr ein Anstoß zur Veränderung oder auch nur zum Überdenken der eigenen Situation von ihnen aus. Sätze wie „Wir verstehen unsere Vergangenheit nicht und kennen unsere Zukunft nicht“ bestätigen dies. Man hat sich arrangiert, ist bürgerlich geworden und bewegt sich in jeder Phase in einem genau abgesteckten Rahmen. So braucht Rémy, dem der Schauspieler Rémy Girard mit einer schier unglaublichen Intensität Ausdruck verleiht, auch beinahe ein ganzes Lebensalter, um endlich zu begreifen, daß seine ständig von ihm betrogene Ex-Frau mit der Erziehung von Sohn und Tochter die eigentlich wesentliche Arbeit geleistet hat. Der Film wird in seinem Erzählfluß immer wieder unterbrochen, und er endet trotz aller Widersprüche und Widerstände des Gezeigten – den Schwierigkeiten beim Umgang mit Gefühlen, der Thematisierung psychischer Grenzsituationen und dem Scheitern ihrer Bewältigung – mit einem bedingungslosen Bekenntnis zur alles egalisierenden Liebe. So gewinnt er eine eigene hermetische Realität, die über sich hinausweist und eine komprimierte Analyse des psychischen Zustands einer Gesellschaft darstellt. Anders als im „Untergang des amerikanischen Imperiums“ findet Arcand hier ergreifende Bilder. Unvergeßlich das Ende, da der Egozentriker Rémy die Tatsachen endlich akzeptieren kann und bereit ist, den Tod anzunehmen.

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