Auf der Klippe zum Jenseits

Helmut Kraussers neuer Roman „UC“ ist ein Buch, daß von seinen Lesern mit Spannung erwartet wurde. Das rührt weniger von einer allzulangen Schreibpause, sondern gründet in einer gewissen Enttäuschung, die seine zuletzt erschienenen Tagebücher als vernachlässigenswerte Trivialschmierereien hinterlassen haben (JF 2/03). Auch sein vor zwei Jahren verfertigtes Prosastück „Schmerznovelle“, obgleich immerhin kompakt und souverän erzählt, deutete ein Gefälle in der Schaffenskurve des preisgekrönten Münchener Schriftstellers an. Das Gute vorweg, es ist rasch abzuhaken: Mit „UC“ erzählt Helmut Krausser eine über weite Strecken leicht zu lesende, spannende Geschichte, wie etliche seiner Romane mit kriminalistischem Touch, wie gewohnt das Extreme ausleuchtend, Bildungsgut einfließen lassend, Äußerungen des Zeitgeistes, gesprochene oder bildgewordene, treffend skizzierend. Wenn er eine Berliner Wagenburg mit ihren gealterten alternativen Insassen beschreibt, tritt eine süffisante Beobachtungsgabe hervor, die man seit seinen frühen Werken schätzte. Das ist ganz unterhaltsam. Unterm Strich aber hat Krausser versagt. Mit einiger Sicherheit läßt sich vermuten, daß ein solches Manuskript, als Erstling von einem Autor ohne Namen bei einem größeren Verlag eingereicht, den direkten Weg zum Papierkorb genommen hätte. Seit seinem Mammutwerk „Melodien“ (1993) aber hat Krauser einen Namen, und dies mit einiger Berechtigung. Das gilt ebenfalls für seine davorliegenden Stücke wie die „Hagen-Trinker“-Trilogie, die aus Kraussers kurzer Lebensphase auf der Straße schöpfte, sowie für den späteren Roman „Thanatos“, ein Wort für Wort meisterhaft durchkomponiertes Buch. Gefühlte Schreibstärken: Porno und Gewalt Nun also „UC“, Ultrachronos, die Extrem- oder Jenseits-Zeit, gemäß Buchklappentext die „Wahrnehmungszeit, wie sie angeblich unmittelbar vor dem Tod eines Menschen entsteht“. Der Mensch auf der Klippe zum Jenseits ist Arndt Hermannstein, aufstrebender und bereits erfolgreicher Dirigent. Er sitzt in einem Hotelzimmer auf Kreta und läßt die vergangenen Monate seines Lebens Revue passieren. Es erscheint beinahe als tragisch, daß sich gerade am Anfang des Romans Passagen oder wenigstens einzelne Sätze häufen, die bravourös zu nennen wären, würde es nicht letztlich und im Ganzen Mittelmaß sein, das sie erleuchten. Der Protagonist sitzt am Fensterkreuz seines Zimmers, schaut hinaus auf „die erloschenen alten Straßenlaternen“, sie „gleichen Urnen, zur Warnung auf eiserne Masten gespießt“. Soweit zu lesen in dem der Erzählung voran- und hintangestellten „Preludio/Postludio“. Das „erste Buch“ (von vieren, die den Roman konstituieren) dann läßt Krausser beginnen mit einem programmatischen Nietzsche-Zitat aus „Jenseits von Gut und Böse“: Es gibt unzählige dunkle Körper neben der Sonne zu erschließen – solche, die wir nie sehen werden. Das ist, unter uns gesagt, ein Gleichnis; und ein Moral-Psychologe liest die gesamte Sternenschrift nur als eine Gleichnis- und Zeichensprache, mit der sich vieles verschweigen läßt. Halbblinde, eindimensionale Moral-Psychologen: derart konstituiert sich die Welt aus Anwälten, Ex-Geliebten und allerlei Anklägern, die Arndt Hermannstein in Verdacht nehmen, einen Mord begangen zu haben, einen brutalen Lustmord, der bereits über zwei Jahrzehnte zurückliegt, dessen Opfer aber soeben im Wald verscharrt aufgefunden wurde. Das längst skelettierte Wesen ist der Leichnam von Marita, einer Klassenkameradin von Hermannstein. Der Dirigent erinnert sich noch gut an den Abend, an dem die Halbwüchsige zuletzt gesehen wurde, bevor ihre Eltern sie als vermißt melden mußten. Es war eine Klassenparty gewesen mit „labernden Helden“, zu denen Hermannstein zählte, und „heißen Hennen“, die „nichts lieber täten, als endlich gut zu ficken“. Zu den letzteren mochte wohl Marita gezählt haben, die damals volltrunken auf dem Tisch tanzte und dabei die Unterwäsche keß lüpfte. Marita starb auf bestialische Weise, soviel ist der Gruppe der potentiellen Täter bewußt, dreifach gleichzeitig vergewaltigt, letztlich erbrechend, dabei in Erstickungsnot zubeißend und den Biß mit einem steinernen Schlag auf den Schädel büßend. Allein dieses Szenario, seitenlang multiperspektivisch wiedergekäut, versinnbildlicht Kraussers gefühlte Schreibstärken: Porno und Gewalt. Was beabsichtigt Krausser damit? Nichts, vermutlich. Martin Walser schrieb einmal, eine Absicht produziere überhaupt keine Sprache. Und Sprache hat Krausser immerhin produziert, Wörtermassen jedenfalls, 478 Seiten Text. Ein Schelm, der Walser weiter zitieren und auf Kraussers Lieblingsthema beziehen wollte: Sprache kommt allein von dem, was einem fehlt, vom Mangel. Daß eine Frau mit einem „zuckersüßen Arsch“ ein „hauchdünnes Nichts aus Seide“ trägt, diese Sprache kennt man aus Kioskheftchen, aus halbseidenen, versteht sich. Über Dreiviertel des Buches vermag Krausser solche Sprachstörungen damit zu entschuldigen, daß nicht ein auktorialer Erzähler spricht, sondern Arndt Hermannstein, dessen Feld nicht die Sprache, sondern Musik ist. Der Autor trauert um seine verlorene Jugend Die Kriminalpolizei muß die Ermittlungen im längst verjährt geglaubten Fall wieder aufnehmen, Hermannstein und seine Klassenkameraden von damals gelten nicht wirklich als Verdächtige, werden aber um Auskünfte gebeten. Der Dirigent entzieht sich, das nicht nur räumlich, was ihm als schwerreichem habituellem Jet-Setter leicht fällt, sondern auch zeitlich. Die „Konjunktive der Vergangenheit“ stellen sich für ihn als lebendige Realitäten heraus, „alles jemals Erwogene, Gewünschte, Vermiedene“ wird „nachträglich faktisch“ und beginnt Hermannstein mit allen Konsequenzen zu überfallen. Es ist die „Suprazeit“, der „Hyperchronos“, in dem sich der womöglich schuldige Dirigent fortan bewegt. Vertane Gelegenheiten erstehen als vitale Nebenwelten auf und konfrontieren Hermannstein mit den ihnen innewohnenden Sachlagen. Anne, eine Klassenkameradin von damals, ist nun Hermannsteins Gefährtin anderthalb Jahre nach der Trennung von der reichen Erbin Laura Feuer. Gefährtin ist diejenige, die einem in Gefahr beisteht, rabulisiert Krausser und bedauert Annes „seltene Krankheit“, die zu einem Kernthema des ersten Romanteils wird: „Unfaßbar, daß ich eine Seelenverwandtschaft wie die unsrige ungenutzt ließ, nur weil ihr Intimsekret nach faulen Eiern roch.“ Damit wäre wiederum der „Eros“ umrissen, den das Feuilleton augenzwinkernd Krausser als eines seiner Spezialgebiete attestiert. Tatsächlich sind die Beschreibungen von „Standardficks“ und exquisiteren Verkehrsmaßnahmen seitenfüllend. Sam Kurthes, der um die Buchmitte auftritt und eine Art alter ego, wenn nicht gar als Erfinder Hermannsteins auftritt, soll den Erotomanen schlechthin darstellen, einer, der schlagersingend zwischen Frauenschenkeln taucht und Anne auf dem Eßtisch vor Publikum dazu bringt, sich anal Gemüse zu penetrieren. Eros? Ein weiteres von Kraussers bekannten Dauerthemen ist seine Jugend, Erinnerungen an eine Zeit, in der allem Anschein nach einerseits ständig, ob einzeln oder als Gruppenbeschäftigung, onaniert wurde und andererseits ein Freundeskreis sich irgendwie als Übermenschen fühlender Knaben, hoffnungsvolle Präabiturienten, nächtlich in Wald, Heide und auf Friedhöfen alkoholgetränkt – „berauscht“, in euphemistischer Krausserscher Diktion – zusammenfindend, um Hölderlin zu deklamieren und einfach „groß“zu sein. Seine Jugend ist eine Zeitgrenze, über die Krausser nicht hinwegkommt, und das in doppelter Hinsicht. Zum einen, weil er ihr nachtrauert, den Verlust von Naivität, der offenen Möglichkeiten, von Potenz in jeder Hinsicht bedauert und dieser verlorenen Unschuld über Tagebücher und Romane hinweg so manche Träne hinterherweint. Zum anderen bedeutet das Verharren in vergangener Zeit, daß ein Schriftsteller, der als junger Autor völlig zu Recht als vielversprechendes Talent gefeiert wurde, den qualitativen Sprung über die Marke des adoleszenten Debütanten nicht geschafft hat. Kraussers Werke sind mit den Jahren nicht gewachsen, haben weder Dichte noch Reife hinzugewonnen. Die geschilderten Sexualpraktiken sind perverser geworden, ein abgelebter Gestus des Schreibens hat die Oberhand gewonnen. Entwicklung: null, und das ergibt in Anbetracht der vergangenen Jahre und der veröffentlichten Werke deutlich – minus. Arndt Hermannstein ist wie Krausser knapp vierzig, dunkelhaarig, „mittelmäßig“ aussehend und lebt in München und Berlin – wie Krausser. Er hat früh geheiratet und ist kinderlos aus Überzeugung. Krausser auch. Hermannstein bezeichnet sich als gebildet, doch nicht spezialisiert, Ausnahme: „Symphonien. Das schon. Man kann mir eine hinlegen, oder sogar nur einen Ausschnitt davon, ich weiß sofort Komponisten, Opuszahl und Entstehungsjahr zu nennen.“ Hermannstein hat früher selbst komponiert. Krausser auch, wie der Leser seiner Tagebuchbände weiß. Krausser gleich fühlt sich auch Hermannstein als eine Art enfant terrible im bundesdeutschen Kulturbetrieb, als gar europaweit einer der talentiertesten in seinem Metier. Eine Vorliebe für Wortspielereien Auch Laura Feuer, die offensiv und ohne Heimlichkeit vielfach betrogene Nochgattin, könnte ein gewisses Pendant zu des Autors Jugendliebe und Hauptfrau – neben wechselnden Kurzzeit-Gespielinnen – Beatrice Renauer darstellen. Wer Kraussers Vorliebe für Wortspielereien kennt und Samuel Kurthes nach Umsortierung der Buchstaben leicht als den Autor selbst identifizieren kann, entdeckt mit Phantasie und einem eingefügten Buchstaben in Laura Feuer ein leicht verstümmeltes Verabschiedungs-Anagramm, das etwa als „Lauf, Renauer“ zu deuten wäre. Als wäre das Spiel des Autors mit der Multiperspektivität, ein verworrenes, pseudowissenschaftlich angereichertes Nietzsche-für-Praktiker, nicht kompliziert genug, werden noch weitere Brüche und Ellipsen eingeführt. Hin und wieder schaltet sich so handlungsfern wie unnötig Kraussers Privatstimme ein, zum Beispiel mit einem kleingedruckten Vermerk: „Überhaupt. Ein Anwalt namens Walter. Unbedingt ändern.“ Ab dem zweiten Buch wird der Erzähltext passagenweise durch das Märchen vom Mann ohne Schatten von H.C. Andersen unterbrochen. Schrifttypen werden gewechselt, Schriftgröße, Erzählzeit und erzählte Zeit springen durch die Tempora, und am Ende nennt sich ein Wesen, daß Hermannsteins Schatten, oder ein Gott sein könnte, gar „Helmut“. Wohl sind solche Sprünge nicht beliebig und unterliegen einem codierten Regelwerk des Autors, doch dem Buch gereicht diese Wirrnis zum Nachteil. „Was jemand i s t, fängt an, sich zu verrathen, wenn sein Talent nachläßt – wenn er aufhört, zu zeigen, was er kann. Das Talent ist auch ein Putz, ein Putz ist auch ein Versteck.“ Wieder ein Zitat aus „Jenseits von Gut und Böse“. Helmut Krausser sollte Nietzsche konsequent lesen. Foto: Hotelzimmer auf Kreta: Alles jemals Erwogene, Gewünschte, Vermiedene wird nachträglich faktisch Helmut Krausser: UC. Unter Zuhilfenahme eines Märchens von H.C. Andersen. Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003, geb., 482 Seiten, 22,90 Euro

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