Lars Patrick Berg, MdEP

 

Permanente Revolution

Sollte man Ezra Pound erschießen?“ fragte die Zeitschrift New Masses im Dezember 1945, und der Emigrant Lion Feuchtwanger erwiderte leichthin, daß man ihn „mit dem reinsten Gewissen“ einsperren und aufhängen könne. Der Dramatiker Arthur Miller hielt ihn sogar für bösartiger als die Nationalsozialisten und sagte: „In seinen wildesten Augenblicken menschlicher Niedertracht erreichte Hitler niemals unseren Ezra.“ Der Mann, der diese Emotionen auslöste – und sich selbst übrigens als „schrecklichen, abstoßenden, aber nicht unbedingt bedauernswerten Amerikaner“ charakterisierte – wurde am 30. Oktober 1885 in Hailey, Idaho geboren. An der Universität von Pennsylvania studierte Ezra Loomis Pound Romanistik und vergleichende Literaturwissenschaften. Bereits 1909 ließ er sich in Europa nieder und übernahm drei Jahre später in London die Redaktion der Literaturzeitschrift Poetry. Zu seinen engsten Freunden zählten T.S. Eliot, der symbolistische Dichter William Butler Yeats, Robert Frost, James Joyce, Henry James, Ernest Hemingway und Wyndham Lewis, mit dem er gemeinsam den „Vortizismus“ begründete, eine literarische Richtung, die die Lehren und Grundsätze des Imagismus zu vertiefen suchte, die Phänomene der Poesie und der bildenden Kunst vereinigen wollte und sich als Gegenbewegung zum Futurismus verstand. Pound befaßte sich aber auch ausgiebig mit dem Gedankengut fernöstlicher Dichtkunst. In der Geschichte Chinas sah er vor allem die Verkörperung politischer Weisheit, während Amerika als Synonym für die moderne Welt schlechthin auf Wucher und Verdorbenheit gegründet war und in der Jagd nach dem Geld versank. 1924 übersiedelte er nach Rapallo. Hier arbeitete er weiter an seinen „Cantos“, die in den nächsten Jahrzehnten in verschiedenen Teilsammlungen erschienen. In ihnen stellte der Dichter der entwerteten kommerziell-kapitalistischen Welt seine humanistische Utopie, die auf den Kulturtraditionen der Antike des frühen Abendlandes und des alten China beruhte, gegenüber. Wie sein gesamtes Werk sind die „Cantos“ gleichsam eine Suche nach lebensfähigen Traditionen, Mythen, historischen Gestalten und Orten. Pound verstand die Geschichte als ständigen Kampf zwischem dem Wucherer und dem Manne, der „etwas ordentliches leisten will“, während der Wucherer die Götter herausfordert und sich den natürlichen Dingen entgegenstellt.“ Vor allem das preisgekrönte Teilstück „Pisaner Gesänge“, eine nach der Struktur von Dantes „Göttlicher Komödie“ geplante epische Dichtung enthält in einer freirhythmischen Mischsprache mit romanischen und chinesischen Elementen sowie Wendungen der amerikanischen Umgangssprache zahlreiche Anspielungen auf Mythen, Gestalten, Legenden und Geschichten alter Literaturen. Die zeitlose Schönheit seiner „Cantos“ bezeugen die beiden zentralen Themen: der Dichter im Exil (Odysseus, Ovid, Dante, der Cid, die Troubadours, Pound selbst in Europa und im Lager von Pisa) und das Auftauchen der Form aus dem Fließenden (die Geburt der Venus, das aus der Adria auftauchende Venedig, Führer und Ideen, die aus dem Chaos von Tatsachen, Begriffen, Formeln und Handlungen hervortreten). Auf seinen eigenen Wunsch begann Pound 1940 bei Radio Rom eine Serie von Rundfunksendungen für die USA. In ihnen attackierte er mit scharfen Worten die amerikanische Wirtschafts- und Finanzpolitik und verurteilte die antieuropäischen Tendenzen Roosevelts. In Mussolini sah er weniger einen Diktator, sondern einen „Verfechter der Ordnung.“ Gleichwohl überzeugte ihn die Ideologie des Faschismus, hinter der er die „Macht uralter Magie“ vermutete, nicht. Dennoch stellte er sich auf seine Seite, weil er in Amerika und Sowjetrußland nur eine „Horde blutiger Barbaren“ sah, die „von einem Haufen Stinktiere bezahlt werden.“ Dagegen stehe Mussolini „für das Zerbrechen der Fesseln der Wucherer, für Stärke und für soziale Gerechtigkeit.“ Zweimal wöchentlich begann er seine Sendungen mit den legendären Sätzen: „Hier spricht Europa – hier spricht Ezra Pound!“ Roosevelt bezeichnete er als einen „Geisteskranken, einen eiskalten Lügner und Betrüger“, der „Amerikas Jugend für den Profit einiger weniger amerikanischer Großbanken und Schurken in die Schützengräber schaufele“. Die amerikanischen Juden sah er „auf dem Sprung zur Macht.“ Für Ezra Pound, der Schönheit als einen „Anruf an die Seele“ verstand, war es ein Verbrechen, in den Schlamm dieses Krieges einzutauchen, anstatt „sein Gemüt mit dem Licht der Antike zu erfüllen und unser kulturelles Vermächtnis anzubeten“. Amerikanische Farmersöhne und Arbeiterjungen sollten nicht „für das internationale Finanzkapital Europas Schönheit zertrampeln“. Seine Ansprachen beendete er regelmäßig mit den Sätzen: „Ezra Pound spricht aus Rom. Unter einem Regime, dem die Freiheit kein Recht, sondern eine Verpflichtung ist. Ihr sollt diesen Krieg nicht führen!“ 1945 wurde der Dichter von der US-Armee verhaftet und in ein Straflager in der Nähe Pisas gebracht. Hier stellte man ihn zeitweise wie ein Tier in einem vergitterten Käfig zur Schau. Unter entwürdigenden Umständen schrieb er hier die „Pisaner Gesänge“ und übersetzte zwei Werke von Konfuzius. Im Frühjahr 1946 brachte man ihn gegen seinen Willen in die USA, wo er in einem Schauprozeß des Hochverrats angeklagt, für unzurechnungsfähig erklärt und in eine Irrenanstalt eingewiesen wurde. Trotz ständiger Verhöre durch das FBI arbeitete er auch hier weiter an seinen „Cantos“, übersetzte Werke von Sophokles und über dreihundert chinesische Gedichte. 1949 – er war immer noch in der Anstalt – wurde ihm für die „Pisaner Gesänge“ der amerikanische Bollingen-Literaturpreis verliehen. T.S. Eliot, Thornton Wilder, Marshall Mc Luhan, aber auch sein politischer Gegner Hemingway setzten sich leidenschaftlich für seine Freilassung ein. Aber erst 1958 wurde er als „unheilbar, aber harmlos“ entlassen. Die wartenden Journalisten verblüffte der 73jährige mit der ironischen Bemerkung: „Ganz Amerika ist ein Irrenhaus!“ Auf ihre Frage, was die japanischen Schriftzeichen auf seinem gelben Schal bedeuten, klärte er sie lächelnd auf: „Redlichkeit und permanente Revolution.“ Im Jahre 1967 besuchte ihn der Beat-Poet Allan Ginsberg in Italien. Ihm gestand Pound, daß das „Vorstadt-Klischee des Antisemitismus“ sein „größter Fehler“, der „alles verdorben“ habe, gewesen sei. Genutzt hat ihm diese Erkenntnis freilich wenig, denn bis heute verweigert man dem Dichter die Ehrung durch einen Stein in der Poetenecke der New Yorker Kathedrale St. John the Divine wegen seiner „destruktiven Vorurteile“. Am 1. November 1972 starb Ezra Pound im hohen Alter von 87 Jahren in Venedig.

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