Er war wieder da (I)

Eines Tages, so wird erzählt, habe vor der Mittelmeerinsel Elba ein nordafrikanisches Piratenschiff Anker geworfen. Der Kapitän ließ sich an Land rudern und fragte dort nach, ob der „Gott der Welt“ wirklich hier anwesend sei, wie ihm berichtet worden wäre. Auf die positive Antwort hin bestand er darauf, diesen Gott zu sprechen, kniete schließlich vor ihm nieder und brachte seine allerhöchste Bewunderung und Ergebung zum Ausdruck.

Diese märchenhafte Episode ist ziemlich genau zweihundert Jahre her. Der angesprochene Gott trug den damals allbekannten Namen Napoleon Bonaparte. Er war berühmt als früherer Kaiser von Frankreich und Eroberer von so ziemlich allem, was in Europa überhaupt erobert werden konnte. Auf Elba verbrachte er sein von den europäischen Staaten mit vereinter Kraft erzwungenes Exil, während zeitgleich auf dem Wiener Kongreß die Siegerfürsten nicht nur tanzten, sondern auch darüber verhandelten und stritten, wie denn nun in Europa die neuen Grenzen zu ziehen seien und wer welchen Thron bekommen, behalten oder verlieren sollte.

Das letzte Wort über Napoleon war noch nicht gesprochen

Auf die Unterwerfungsgeste des Korsarenkapitäns soll Napoleon eher gelassen reagiert haben. Er hatte schon viel an Bewunderung und Unterwerfung gesehen, die sich bei erster Gelegenheit wieder in Feindschaft verwandelt hatte und letztlich eine Ursache dafür war, daß er nun ohne Weib und Kind als Provinzfürst im Abseits residieren mußte. Ein Gott war er nur noch für wenige, andere nannten ihn vorzugsweise den „Oger“, den Menschenfresser.

Das war nicht ungerecht. Nicht nur die kühle Haltung, mit der er etwa den Verlust der Großen Armee in Rußland damit kommentiert hatte, eigentlich habe man kaum etwas verloren, es seien hauptsächlich Deutsche gewesen, hatte diesen Ruf begründet. In allen Ländern waren viele Menschen jenen Kriegen zum Opfer gefallen, die man insgesamt doch ihm zuschrieb, nicht seinen Feinden.

Andererseits mag die recht gut belegte Piraten-Affäre zu Napoleons Überlegungen darüber beigetragen haben, ob das letzte Wort in dieser Angelegenheit wirklich schon gesprochen sei. Die Nachrichten aus Frankreich konnten statt dessen den Eindruck erwecken, daß er dort dringend erwartet wurde. Ursachen dafür gab es einige.

Viele waren innenpolitischer Natur, denn das fehlende Verständnis des auf den Thron zurückgekehrten Königshauses der Bourbonen gegenüber allem, was in Frankreich seit 1789 geschehen war, sollte bald sprichwörtlich werden. Man bestand auf Gottesgnadentum, gab sich andererseits aber liberal und lächelte an allerhöchster Stelle über den katholischen Eifer der eigenen Anhängerschaft.

Verkörperte sich in Napoleon das Schicksal der Nation?

Über andere, vielleicht „tiefer“ zu nennende Gründe für eine Rückkehr Napoleons auf das Festland ist später viel nachgedacht worden. Es ging dabei unter anderem um die schwierige Frage, ob sich tatsächlich in einer einzigen Person das Schicksal einer Nation so derart verdichten kann, daß niemand an ihr vorbeikommt, so lange sie lebt und handlungsfähig ist. Konnte es daher sein, daß Napoleon in Frankreich zwar nicht Gott, wohl aber doch so etwas wie die Personifikation eines Frankreichs darstellte, dessen Zukunft noch geklärt werden mußte?

Der Geniekult des 19. Jahrhunderts hat diese Frage bekanntlich bejaht. Napoleon scheint sie für sich selbst ebenfalls bejaht zu haben. Zu den Folgen dieser Ansicht nächstes Mal mehr, auch dabei wird ein Schiff eine Rolle spielen.

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