Sinnestäuschungen der Qualitätsmedien

Was die einschlägigen Massenmedien dem Bundesmicheltum in den letzten Wochen an „freundlichen Deutungshilfen“ hinsichtlich der zunehmenden Bürgerkriegssymptomatik in der Ukraine an die Hand gegeben haben, wird gewiß in den kommenden Jahren Stoff für das ein oder andere Buch über Meinungslenkung und Demokratieabgabe (am Einlaß) liefern.

Daß man sich dabei in deutschen Redaktionsstuben nicht eben mit Ruhm bekleckert, sondern gelegentlich vielmehr die eigene, erziehungsmäßig denkbeschränkte Wurstigkeit in rhetorische Fragen hüllt, läßt sich auf allen gängigen Netzauftritten von sich selbst als politisch begreifenden Zeitungen und Zeitschriften nachlesen. Vor 14 Tagen meinte Jan Fleischhauer, die Nase aus seinem „Schwarzen Kanal“ heben und über die komplexinduzierte, putinoide Schizophrenie „der Deutschen“ meditieren zu müssen – es ist schon faszinierend, wie solcherlei kollektivierende Phrasen (denn Völker sind ja, wie Geschlechter und eigentlich alles, nur sozial konstruiert und so weiter…) im Handumdrehen wieder aufs Tapet kommen, sobald es mit Lehrers Rohrstock zu fuchteln gilt.

Mit psychologisierenden Kunstgriffen à la Fleischhauer hält sich Jacques Schuster in der Welt dagegen gar nicht erst auf; vielleicht auch aus Rücksicht auf das Zielpublikum, das im Gegensatz zum typischen SpOn-Leser eher ungustiös darauf reagieren könnte, vom Kolumnisten wie ein Teilnehmer der Selbsthilfegruppe „Anonyme Vaterkomplexedurchanhimmelnvonautoritärenstaatenlenkernkompensatoren“ angesprochen zu werden. Statt dessen packt Schuster sogleich den großen Historienhammer aus – zur Abwechslung mal gegen Rußland, nicht gegen Deutschland. Das bewahrt jedoch nicht davor, kräftig danebenzuhauen; auch dann nicht, wenn man ein „Studium u. a. der Geschichte“ absolviert hat.

Tintengekläffe gibt ein prächtiges Auskommen

Seine geradezu abstruse Gleichsetzung der russischen Territorialpolitik (angefangen bei Peter dem Großen) mit dem europäischen Kolonialismus, zugespitzt in „lässigen“ Postulaten wie „[W]as den Appetit Rußlands auf die Staaten Osteuropas angeht, so wäre er allenfalls zu dulden, wenn sich Großbritannien wieder Indien greifen dürfte und Paris Algerien zurückerhielte“, hätte ihn jedenfalls in jedem heutigen Proseminar (egal ob Zeit- oder Neue Geschichte) der Lächerlichkeit preisgegeben. Überdies zeugt sie von einer vielleicht noch gewichtigeren Verkennung der Gegenwart; ich wage zumindest, zu behaupten, daß Briten und Franzosen in ihrer jeweiligen derzeitigen Situation heilfroh sind, sich nicht auch noch um Kolonialverwaltung samt aller damit verbundenen Mehrausgaben kümmern zu müssen.

Darüber hinaus bleibt im Text eigentlich nur noch ein weiterer Beweis dafür, daß geopolitisches (meinetwegen auch: Großraum-) Denken in der Medienlandschaft dieses „Gaukelspiels“ (Schuster!) ein Fremdwort darstellt. Und, einmal mehr, die Belustigung über das furienhafte Gekreisch hinsichtlich der ewigen Treueverpflichtung gegenüber dem Großen Bruder jenseits des Atlantik. Der gewagte thematische Sprung von Putin und Rußland zu Snowden und USA geht nicht gerade geschmeidig vonstatten, funktioniert aber über die – beim Spiegel-Kon-Servierenden [sic!] abgeschaute? – Diagnose einer mangelnden Zurechnungsfähigkeit „der Deutschen“ qua „Sinnestäuschungen“. Die dahinterstehende Agenda kennt man in puncto Welt ja inzwischen.

Halten wir doch einfach fest: „Die Deutschen“ (scheint so etwas wie die Journaille-Variante der „Menschen da draußen“ zu sein…) haben es durchaus nicht nötig, sich „mal wieder belogen und betrogen“ zu fühlen – Tintengekläffe wie der hier behandelte Artikel legen beredt Zeugnis davon ab, daß das ein Dauerzustand ist und man als Ausübender davon prächtig leben kann. Wenn die „Trugbilder“, die Herr Schuster bespricht, tatsächlich so verbreitet sein sollten, dann vor allem aufgrund der fortgesetzten „konzentierten Aktionen“ in Print und TV; das rabulistische Gruselkabinett, das sich wie üblich bereits unter seinem Beitrag ein Stelldichein gibt, spricht Bände. Keine Ahnung, was für Parties der Mann von Welt so besucht, um dem „Reden und Raunen, Surren und Schwirren“ zu lauschen; ich jedenfalls würde an seiner Stelle über meine Freizeitgestaltung nachdenken.

 

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