Eiskalte Architektur

Käme jemand auf die Idee, solche mit potthäßlichen Plattenbauten verschandelte Wohngebiete wie Berlin-Marzahn, Hamburg-Billstedt, das Chemnitzer „Fritz-Heckert-Gebiet“ oder Dresden-Prohlis unter Denkmalschutz oder gar ins Unesco-Welterbe aufzunehmen, man würde ihm als Ästhet einen Vogel zeigen. In solchen Wohngebieten – im Westen mehr als im Osten – haben sich, geprägt durch gesichtslose, brutale und eiskalte Architektur, soziale Brennpunkte entwickelt, die denen in Südamerika, Frankreich oder Fernost in nichts nachstehen.

Während es im Osten (noch!) Rentner mit etwas übrigem Geld sind, die in den Betonsilos wohnen und einigermaßen für Ordnung sorgen, huschen in den West-Ghettos oft ausländische Dealer durch die kahlen Arkaden, beschmieren Wände, ziehen Handys, Jacken und Schuhe ihrer Opfer ab – oder gammeln orientierungslos in Jogginghosen bildungsfern vor sich hin. Aber auch im Osten ist es – biologisch absehbar – daß diese Architektur, die keine ist, Menschen produziert, deren Lebensinhalte Alkohol, lange Weile und Johannes B. Kerner im TV sind.

In Beton gegossene Häßlichkeit

In Sachsen kam man vor einiger Zeit auf die Idee, Stadtteile von Hoyerswerda, eine Stadt, die bis auf den klitzekleinen Altstadtkern für die umliegenden Braunkohletagebaue lieblos und lediglich zweckorientiert in den sechziger und siebziger Jahren aus dem Boden gestampft wurde, unter Denkmalschutz zu stellen. Was soll da eigentlich bewahrt werden?

Vor zehn Jahren wurde das wirklich schöne Dresdner Elbtal, mit seinen Villenhängen, Schlössern, „Blauem Wunder“ und historischen Raddampfern von der Unesco unter die Fittiche genommen, zum Weltkulturerbe erhoben, um es nur fünf Jahre später wieder fallenzulassen wie eine heiße Kartoffel. Rausschmiß ohne Wenn und Aber. Und das nur, wegen einer Brücke, die inzwischen längst fertig, nützlich und schön ist, ja dringend gebraucht wurde.

Wie kann man erklären, daß einerseits in Beton gegossene Häßlichkeit unter Schutz gestellt werden soll, andererseits eine einzigartige Kulturlandschaft verstoßen wird, wie der 13. Welpe im Hunderudel? Wie kann man erklären, daß überall in Deutschland neue Wohngebiete, entworfen von „Architekten“, aussehen wie Bunkeranlagen mit Schießscharten, gedeckt und eingefriedet von Koniferenhecken, die in eine deutsche Kulturlandschaft gehören wie Riesen-Bärenklau, spanische Wegschnecken oder Kirschbier? Wer das kann, bitte melden!

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