Markus Krall Freiheit oder Untergang

 

Deutsche Debattenkultur – Zweiter Teil

Zunächst zeigte sich Giesa über die Wirkung seines Artikels erfreut: „Das schlug hohe Wellen.“ Eine verständliche Reaktion. Natürlich weiß Giesa die Massen hinter sich. „Zuallererst einmal waren viele Leser, vor allem aber auch Journalisten-Kollegen, von Klonovskys Menschenfeindlichkeit geschockt.“ Es ist allerdings auch schon eine beachtliche Aufklärungsarbeit, veröffentlichte Zitate zu sammeln und sie mit einer entsprechenden Kommentierung noch einmal zu veröffentlichen.

Allerdings, nicht jeder fühlt sich dadurch erbaut, räumt Giesa ein. „Andere aber sahen sich berufen, ihn zu verteidigen – allen voran er selbst. Dabei zeigten sich interessante Muster, die irgendwo zwischen drollig und wirr einzustufen sind.“ Nun ja, die Entscheidung, was „drollig und wirr“ ist, darf Giesa schon dem Leser selbst überlassen. Sein Versuch einer Entgegnung jedenfalls bietet reichlich Fundstücke. So wehrt sich Giesa gegen den Vorwurf Klonovskys, er habe „auf Konsequenzen seines Arbeitgebers gegen ihn insistiert“.

Dies sei, so Giesa „natürlich totaler Quatsch“. Nun, wie erklärt sich Giesa dann den Satz, in dem er behauptet, beim Focus habe man „entweder keine Ahnung, wen man da beschäftigt“, oder aber, was „fast undenkbar“ sei, „man weiß es, und läßt ihn trotzdem gewähren“? Dann aber, so dräut Giesa, „dann allerdings wäre das Magazin auf dem Weg, zur Hauspostille der Neuen Rechten zu werden.“ Was sonst als der – zugegebenermaßen klägliche – Versuch einer Rufmordkampagne sollte das wohl gewesen sein?

„Bei Klonovsky wird man in Zukunft genau hinschauen“

Etwa eine kleine Einführung in die Grundlagen der Marktwirtschaft? Eben das behauptet nun Giesa. „Der Focus kann auch weiterhin jeden für sich schreiben lassen, sogar rechtsradikale oder rechtsextreme Spinner, von mir aus auch Punks oder afrikanische Diktatoren, wenn es ihm denn beliebt.“ Die Leser würden dann nur irgendwann die Konsequenzen ziehen. „Das nennt man übrigens nicht Zensur, wie jetzt manche wieder schreien dürften, sondern ganz profan: Marktwirtschaft.“

An anderer Stelle freut sich Giesa: „Bei Klonovsky wird man in Zukunft genau hinschauen. Das nennt man Transparenz. Insofern: Ziel erreicht.“ Nun, Marktwirtschaft ist es, wenn Klonovsky ein Produkt liefert, in diesem Fall die Titelgeschichte zum Islam, und dieses Produkt gekauft wird oder eben nicht gekauft wird. Keine Marktwirtschaft dagegen ist es, wenn Klonovsky selbst angegriffen wird, in der Annahme, dadurch auch das Produkt zu beschädigen und diejenigen, welche dieses Produkt vertreiben.

Das hat nichts mit Marktwirtschaft oder Transparenz zu tun, sondern sehr viel mit Ideologie und den Kampf gegen Abweichler. Insofern hat sich Giesa die Bezeichnung „Meutenfeigling und Bratenriecher“ verdient. Auch wenn er sich ungerecht behandelt fühlt. „Keine einzige Beleidigung“ habe er gegenüber Klonovsky fallen lassen. Spätestens an dieser Stelle muß man sich ernsthaft fragen: Daß Giesa nicht in der Lage ist, Klonovskys Texte zu verstehen, ist offenkundig. Aber seine eigenen?

Gibt es im Deutschland der Gegenwart eine noch krassere Beleidigung als die Unterstellung, man betreibe „die Relativierung des Blickes auf die Zeit des Nationalsozialismus“? Und wenn diese ungeheure Anklage durch eine Reihe von Zitaten ergänzt wird, die nichts belegen, außer dem Unverständnis des selbsternannten Inquisitors, sollte sich dieser über eine entsprechende Antwort nicht wundern. Einer Antwort, mit der er nicht umgehen kann, zu deren Entgegnung er offenkundig nicht fähig ist.

Fehler, Widersprüche und intellektuelle Schlampereien

Wenn wirklich so „viele Leser, vor allem aber auch Journalisten-Kollegen“ von Klonovskys Zeilen derart „geschockt“ waren, hätte Giesa vielleicht besser diese um eine Entgegnung bitten sollen. Denn was seinen Text betrifft, so strotzt dieser nur so vor Fehlern, Widersprüchen und intellektuellen Schlampereien, von denen hier nur ein Teil betrachtet wurde. Dennoch wird der Text an einer Stelle interessant. An einer Stelle macht Giesa nämlich das Motiv für seinen inquisitorischen Haß deutlich.

Ein „Möchtegern-Intellektueller“ sei Klonovosky, schimpft Giesa. Und macht ihm doch ungewollt ein Kompliment: „Nur weil jemand virtuos mit Worten umgehen kann, taugt er noch lange nicht für mehr. Zumal auch einige der größten Dichter der vergangenen Jahrhunderte plumpe Rassisten und Antisemiten waren, die, würden sie heute noch leben, sicher keine Titelstory im Focus zum Judentum oder Israel schreiben dürften.“ Das also war es. Das war Giesas Motiv. Es ist schlechterdings Kulturhaß.

Zu den „größten Dichtern“, denen Giesa heute verbieten dürfte, für die „Medien der Mitte“ zu schreiben, gehört zweifelsohne Nietzsche. Dieser beschrieb einen Kampf zwischen dem schöpferischen Menschen und seinem Gegenteil, den Menschen des Ressentiments. Letzterer kann zwar nichts Eigenständiges hervorbringen, jedoch konzipiert er sich „den bösen Feind“, „den Bösen“, „und zwar als Grundbegriff, von dem aus er sich als Nachbild und Gegenstück nun auch noch einen ‚Guten‘ ausdenkt — sich selbst!…“

Der Traum eines „Möchtegern-Intellektuellen“, der nicht fähig ist, sich in freier Rede und Antwort zu behaupten, die Argumente des Gegners zu verstehen und sie zu widerlegen: Einmal Zensor sein, einmal die Debatte beherrschen; einmal den Daumen senken dürfen über die „größten Dichter“ und ihre Existenzen vernichten. Wehe der Gesellschaft, die es zuläßt, daß solche Menschen einmal Macht über andere Menschen gewinnen. Im Namen welcher Ideologie auch immer.

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