Am Hund und in der Tonne

Die garstige Industriebrache hinter der Stadtteilbibliothek eignet sich nur als Abkürzung zum eiligen Durchqueren. Parkplätze, gerupftes Grün, ein paar eingeklemmte Marktstände, dahinter ein Experimentaltheater und ein Büchereidepot in einem übriggebliebenen Betonschuppen des ehemaligen Straßenbahn-Betriebsgeländes, einst Nebenziel der alliierten Bomberstaffeln, die auf dem Weg in die Industrievororte am Neckar auch gleich einen Teil der noch vor dem Ersten Weltkrieg errichteten Sozialbau-Mustersiedlung von der historischen Bausubstanz befreit haben.

Halt, wenigstens noch schnell den in der Jackentasche angesammelten Berg nutzloser Zettel und Quittungen in einen der Altpapiercontainer gestopft. Schlimmer Anblick – der Boden des grünen Plastebehälters auf vier Rädern ist übersät mit schnöde weggeworfenen Büchern. Keine Raritäten, meist einfache Nachkriegsausgaben, auch belanglose Ausstellungskataloge sind dabei.

Wer immer sich da von altem Gedrucktem getrennt hat – die Stadtbibliothek? der Theaterfundus? ein genervter Erbe, der Großonkels Wohnung aufzulösen hatte und mit nicht-digitalen Datenspeichern nichts anfangen konnte? – da muß ein näherer Blick riskiert werden. Gobineaus Bilder aus der Renaissance, ein Zuckmayer-Stück, Tucholskys Werke, von Raddatz ausgewählt – sieht nicht nach einer Sammlung mit System aus, trotzdem: Bücher wegwerfen ist fast schon wie Bücher verbrennen.

„Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!“

Zuletzt noch Eckhard Henscheids von irgend jemand lieblos in die Tonne geworfene Roman-„Trilogie des laufenden Schwachsinns“ aus derselben wieder herausgefischt. Steht zwar seit Studententagen im heimischen Bücherschrank, aber schon lange nicht mehr reingeschaut. Aufgeblättert, über die fein komponierten Bilder und Miniaturen, präzise sitzenden Dialoge und subtilen Anspielungen des heimlichen letzten Romantikers aus der Oberpfalz gefreut, und schließlich am Eichendorffschen Schlußsatz der 1978 erschienenen „Mätresse des Bischofs“ hängengeblieben:

„Und alles, alles war am Hund. Grüß dich, Deutschland, aus Herzensgrund!“

Beschwingt ziehe ich weiter und pfeife fröhlich auf die Häßlichkeiten am Wegesrand.

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