507 Jahre

Geboren 1499, Gestorben 2006. So könnte es auf dem Grabstein stehen, den das fragliche Lebewesen allerdings nicht bekommen wird. In Deutschland erreichte eine entsprechende Meldung immerhin die Tagesthemen: „Britische Meeresbiologen haben bei Klimaforschungen im Nordmeer das älteste Tier der Welt entdeckt: eine 507 Jahre alte Islandmuschel.“

Man verschwieg allerdings, daß die Meeresbiologen das Tier nicht nur entdeckt, sondern auch umgebracht haben. Ohne besondere Mühe eingesammelt und in eine Tiefkühltruhe gesteckt, verendete es dort vor acht Jahren. Erst später zählte man zu Forschungszwecken die jährlichen Wachstumsringe, kam auf 405 Jahre, wollte es danach genau wissen und legte mit Hilfe des Mikroskops noch einmal mehr als einhundert Jahre drauf.

Zeitgenosse Luthers

Ein ‚Zeitgenosse‘ von Luther und Kolumbus wurde also Opfer der eitlen Jagd nach Klimamodellen, mit denen sich der entscheidende Einfluß der Sonne auf das Weltklima möglichst plausibel ableugnen läßt. Das war natürlich peinlich. Die beteiligten Forscher entschuldigten sich mit Gegenanklagen; schließlich würden genügend Islandmuscheln regelmäßig im Kochtopf landen und man selbst habe kaum 2000 Stück eingesammelt.

Die lebhafte Art, in der manche Journalisten die insgesamt recht überschaubare Debatte führten, zeigte spürbare Länderunterschiede. In Großbritannien wurden Artikel geschrieben, die von „Schande“ sprachen und die Beteiligten als „Idioten“ qualifizierten. In Deutschland wurde – wenn der Tod nicht überhaupt wie in den Tagesthemen verschwiegen wurde – allenthalben Verständnis für die Forschung geäußert. Die Muschel sei vielleicht vor ihrer Zeit, dafür aber nicht umsonst, sondern für das Weltklima gestorben, hieß es im Spiegel.

Die ältesten Bewohner des Planeten

Das wird die Muschel kaum getröstet haben, die sicher gern noch ein paar Jahre drangehängt hätte. Man wird sich übrigens vielleicht fragen, wie das geht. Nun, wie bei allen extrem langlebigen Organismen scheint neben anderen Faktoren wie einer gleichmäßigen Umgebungstemperatur vor allem eine extreme Reduzierung des Stoffwechsels die Hauptvoraussetzung zu sein.

Ein Leben als Islandmuschel ist – gelinde gesagt – kein Aufreger. Viel Bewegung ist nicht drin, statt dessen haben die Muscheln sogar die Fähigkeit, den Deckel zu schließen, sich einzugraben und eine bisher wohl noch nicht ganz ausgelotete Zeit ganz ohne Sauerstoff auszukommen. Gut möglich, daß es noch ältere Tiere gibt, hieß es aus Forschungskreisen. Man wird darin den Ausdruck der Hoffnung sehen müssen, vielleicht doch nicht den ältesten Bewohner des Planeten auf den Gewissen zu haben.

 

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