Klaus-Rüdiger Mai Die Zukunft gestalten wir!

 

Eurasische Renaissancen

Gewöhnlich setzen Islamkritiker, abgesehen von der erhofften Rückführung integrationsunfähiger Muslime, ihre Hoffnungen entweder auf ein Wiedererstarken des Christentums in Europa oder auf eine Aufklärungs- und Säkularisierungsbewegung in den islamischen Staaten.
Beide Ansätze, der konservativ-christliche und der liberale, sind weder erfolgversprechend noch wünschenswert.

Das Christentum führt seit der Reformation nur noch Rückzugsgefechte, stemmte sich lange Zeit gegen jede intellektuelle Entwicklung, mußte schließlich doch überall Zugeständnisse an neue Erkenntnisse machen und trägt zudem – was aufgrund der starren Dogmatik oft übersehen wird – die Keime der Säkularisierung (in der Lehre von der Willensfreiheit), der Unterhöhlung von Stamm und Familie sowie des Globalismus und Egalitarismus bereits in sich.

Abgesehen davon, hat die katholische Kirche in Deutschland als dem Kernland der Reformation, nicht nur aufgrund ihrer verzerrten Darstellung in den Massenmedien, kein gutes „Image“ und wird in liberalen, linken und nationalen Kreisen als Fremdkörper und Relikt vergangener Zeiten empfunden. Über den zeitgenössischen Protestantismus, die „Käßmann-Religion“, braucht man kein Wort zu verlieren.

Eine islamische Reformation wird es nicht geben

Für Muslime, die stolz auf ihre Kultur sind und die Demographie auf ihrer Seite wissen, gibt es keinen Grund, zu den „Kreuzzüglern“ zu wechseln, und zwei auf ihre „absoluten Wahrheiten“ pochende Monotheismen schließen einander, bei aller historischen Verwandtschaft, grundsätzlich aus.
Nicht viel besser steht es für den Liberalismus bzw. die „westlichen Werte“.

Wenn wir selbst, sofern wir nicht „Bankster“, Politiker und deren journalistische Hofschranzen sind, darunter nur noch Kapitalismus, Konsum-Ideologie, „Pornokratie“ und deren ideologische Bemäntelungen verstehen können und  unschlüssig sind, ob man ein System, das seine Staatsvölker und deren Souveränität abschafft, noch als demokratisch bezeichnen kann, wie dürfen wir dann erwarten, daß andere es freiwillig übernehmen?

Zur vielbeschworenen islamischen Aufklärung und Säkularisierung wird es nicht kommen, da auf der Grundlage des Koran sämtliche Voraussetzungen dafür fehlen. „Liberale Muslime“ sind aus der Sicht ihrer Glaubensbrüder nur schlechte Muslime, die westliche Denk- und Lebensweisen übernommen haben. Bei der Forderung nach einer Aufklärung innerhalb des Islam wird außerdem übersehen, daß dieser in Europa die Renaissance vorausging: Erst deren Rückbesinnung auf den Geist der Antike hat die Aufklärung, die modernen Naturwissenschaften und leider auch deren, aus ihrer Verabsolutierung folgenden, Mechanismus und Nihilismus ermöglicht.

Tengrismus als ursprüngliche Identität

Da die Antike für den islamischen Kulturkreis keine vergleichbare Rolle spielte, würde „Aufklärung“ dort nur die oberflächliche Übernahme westlicher Technik und unerwünschter Lebensweisen bedeuten, während eine „islamische Renaissance“ immer auf den Salafismus oder ähnliche Fundamentalismen hinauslaufen würde.

Die einzige, wenngleich unwahrscheinliche Chance, aus der Logik des sich zuspitzenden Kampfs der Kulturen auszubrechen, bestünde darin, daß es den muslimischen Völkern gelänge, in ihren eigenen Wurzeln freiheitliche Traditionen aufzudecken, die somit Bestandteile ihrer eigenen Identität und nicht nur oberflächliche westliche Übernahmen – die sie zu Recht ablehnen – wären.

Die eigentlichen Wurzeln dieser Völker liegen, wie bei uns in vorchristlicher Zeit, vor der Islamisierung. In den arabischen Ländern ist eine solche „Renaissance“ derzeit nicht abzusehen, aber in der Türkei und vor allem im türkisch-mongolischen Kulturraum Zentralasiens gibt es eine, in Europa kaum beachtete, Besinnung auf die ursprüngliche religiöse Identität, für die sich die Bezeichnung „Tengrismus“, nach dem alten Himmelsgott Tengri (der den indogermanischen Himmelsgöttern Zeus, Ziu, Thor, Indra u.a. entspricht), eingebürgert hat.

Nationaler Glaube der Turkvölker?

Neben diesem Hauptgott kennt der Tengrismus eine Vielzahl größerer und kleinerer Götter, etwa eine Erdgöttin oder einen Unterweltsgott Erlik Khan (die von manchen Forschern als eigenständige Wesenheiten, von anderen als Erscheinungsformen des Himmelsgottes angesehen werden); er weist eine, dem indoeuropäischen Weltbild verwandte, dreigeteilte Kosmologie auf, betrachtet, ähnlich wie die Germanen, einen „Weltbaum“, der im Polarstern gipfelt, als Himmelsachse, lehrt die Beseelung der gesamten Natur und ist noch immer schamanisch geprägt.

Anders als bei uns, wo neopagane Bestrebungen oft nur populäre Rekonstruktionen darstellen, können in Asien moderne intellektuelle oder „identitäre“ Bewegungen und volkstümliche Überlieferungen zusammenwirken, und die (offiziell muslimischen) Ministerpräsidenten Kasachstans und Kirgisistans, Nursultan Nasarbajew und Askar Akajew, haben den Tengrismus sogar als den natürlichen, nationalen Glauben aller Turkvölker bezeichnet.

Beachtlichen Einfluß haben die tengristische Gesellschaft im kirgisischen Bischkek mit rund 500.000 Mitgliedern, die ebenfalls kirgisische Tengir-Ordo Foundation und das mongolische Golomt Center for Shamanist Studies, dessen Repräsentanten wie Prof. Schagdaryn Bira auch im Westen auftreten und auf die Relevanz des Tengrismus für eine andere Globalisierung hinweisen.

Es braucht eine religiöse Renaissance

Manches mag utopisch und verwegen klingen, aber es trifft zu, daß der tengristische – wie jeder heidnische – Universalismus keine Monopole auf heilige Schriften oder Fixierungen der Götterzahl kennt. Anstatt „Ungläubige“ vor die Alternative „Tod oder Konversion“ zu stellen wie im Islam (und früher zuweilen auch im Christentum), könnte man die Ähnlichkeiten zwischen den theologischen und kosmologischen Vorstellungen der Völker untersuchen, die Besonderheiten aus den jeweiligen geographischen oder historischen Voraussetzungen ableiten und das ursprünglich Eigene, im Anderen gespiegelt, wiedererkennen. Dazu bedürfte es aber einer echten, neuen Renaissance, die angesichts des Endes der kulturellen Entwicklung des Abendlandes und der Nichtreformierbarkeit des Islam hier wie dort die Wurzeln freilegt.

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