Superwahljahr

 

Über Intelligenz und Instinkt – Erster Teil

Etwas, worauf sich die Menschen heutzutage viel einbilden, ist ihre Intelligenz. Mit dieser bauen sie nicht nur Maschinen, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat, wie wir die Welt noch nicht gesehen haben, sondern versuchen ebenso andere Dinge zu bewältigen. Dazu gehört auch das menschliche Zusammenleben. Was heute an sozialen Maßnahmen ergriffen wird, kommt von eben dieser Intelligenz, die sonst Maschinen baut.

Das aber ist etwas völlig Neues. Die Menschen davor benutzten ihre Intelligenz in weit geringerem Umfang. Dafür besaßen sie etwas anderes, nicht weniger wertvolleres. Der Bauer, der sein Feld bearbeitete, für ihn waren andere Fähigkeiten wichtiger. Wenn er vor die Tür trat und den Himmel prüfend betrachtete, die Kornähre durch seine Hand glitt, war das seine eigene Intelligenz, die dann sprach?

Nein, es war ein gewisses Maß an Erfahrung, ein Einleben in Naturprozesse, ja nicht zuletzt die Stimme seiner Väter und Vorväter, die sich in seinem Inneren zu einer Stimme formten: Mache das so und so, dann wird schon etwas Rechtes draus werden. Kurzum, in dem Bauern vergangener Tage lebten Instinkte! Sie waren es, mit denen die Menschen ihr Zusammenleben organisierten, nicht ihre eigene Intelligenz.

Arbeiten nur noch mit der eigenen Intelligenz

Der heutige Agrarökonom dagegen arbeitet nur mit seiner Intelligenz. Sie allein baute die Maschine, mit der er über den Acker fährt. Der bestirnte Himmel über ihm, eine Stimme in ihm, sie sagen ihm schon lange nichts mehr. Presst das Maschinengewicht den Boden zuschanden, dann baut er eben noch ein paar Reifen an. Seine Intelligenz wird sich schon etwas einfallen lassen. Und wieder. Und immer wieder.

Wo in früheren Zeiten also Instinkte die Menschen leiteten und die eigene Intelligenz eigentlich nur ein Anhang war, mit dem man auf dem Markt feilschte, so hat heute eine völlige Umkehrung stattgefunden. Die eigene Intelligenz soll nur leiten. Was in uns an Instinkten weiterlebt, tief herabgesunken in unser Unterbewußtsein existiert es fort. Dort rumoren sie und quälen den modernen Menschen der Gegenwart.

Er zappelt hierhin, er zappelt dorthin. Nervös bis in die letzten Verästelungen der Glieder, getrieben von Machbarkeitswahn seiner entfesselten Intelligenz und in ständiger Angst vor den seltsamen Schattengestalten, die in seinem Inneren lauern, hüpft er als Erdfloh umher. So stolz ist er auf seine Intelligenz und blickt mit heimlicher Verachtung auf alles andere. Schau, was ich alles kann, spricht er. Und presst sich seine Welt zuschande.

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