Überfällige Trennungen

Ein Jahr ist es nun her, daß ich – just zurückgekehrt vom JF-Jungautorenseminar 2010 – unverhofft Post aus der Schweiz bekam. Absender war der stellvertretende Bundesvorsitzende des „Bundes der Pfadfinderinnen und Pfadfinder“ (BdP), der mich darüber in Kenntnis setzte, daß man von Seiten des Verbandes ein Ausschlußverfahren gegen mich eröffnet habe.

So schnell kann’s gehen…

 Dem läge „vereinsschädigendes Verhalten“ meinerseits „wegen Verletzung des Grundsatzes der politischen oder religiösen Toleranz und Mitarbeit in einer Vereinigung, die Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Nationalismus verbreitet“ zugrunde. Gemeint waren damit, wie mir Fußnoten erklärten, einige Buch- und Musikbesprechungen, die ich für Blaue Narzisse und Eckart verfaßt hatte, sowie eine Grüblerei über Gedenkkultur bei Sezession im Netz.

Offensichtlich also ein ganz klassischer Fall – am Anfang steht eine Denunziation (wer so etwas tut und wie, läßt sich derzeit am Beispiel der BN gut nachvollziehen), daraufhin wird fleißig gegooglet, und die Suchresultate mit den schmissigsten Titeln zieht man dann als gesinnungsmäßige Hexenmale heran. Daß man sich bei derartigem Eifer nicht damit aufhalten kann, die inkriminierten Schriften auch zu lesen, versteht sich wohl von selbst.

… aber nicht ohne Echo!

Für mich kam es schon überraschend genug, überhaupt noch einmal etwas vom BdP zu hören. Mit der Einberufung zur Bundeswehr drei Jahre zuvor und meinem sich direkt an den Grundwehrdienst anschließenden Studienbeginn war der Kontakt zu meinem Pfadfinderstamm weitgehend abgerissen. Abgesehen von Beitragszahlungen hatte ich mit „meinen Leuten“ kaum noch etwas zu schaffen, da sich mein Lebensmittelpunkt ein ordentliches Stück wegverschoben hatte.

Daher wollte ich anfangs auch keine Zeit und Mühen in die Beschäftigung mit derart lächerlichen Vorwürfen (immerhin zog ich mir nicht extra meine Pfadfinderkluft an, um einen Artikel zu schreiben, und meine Tätigkeiten als Privatperson waren auch in der BRD des Jahres 2010 noch ausschließlich meine Sache) investieren. Dennoch galt es natürlich, auf dieses recht anmaßend formulierte Schreiben zu reagieren – einerseits aus persönlichem Stolz, aber auch, um klar Stellung zu beziehen und nicht das scheinbar Unvermeidliche still und brav über sich ergehen zu lassen. So stand dann also in den zwei Wochen, die man mir in unermeßlicher Gnade für eine schriftliche Äußerung eingeräumt hatte, einige Recherchearbeit an.

Selektive Toleranz

Dabei konnte ich mich glücklicherweise auf etliche Bekannte aus anderen bündischen Jugendorganisationen verlassen, sodaß sich mir schnell ein etwas anderer Blickwinkel auf das Gesamtgeschehen und meine Rolle darin erschloß. Denn nicht allein sprang man im BdP-Bundesvorstand offenbar bereitwillig über jedes Stöckchen, mit dem „interessierte Kreise“ wedelten. Vielmehr war es mit der in den Vorwürfen gegen mich beschworenen „politischen oder religiösen Toleranz“ auch nicht allzuweit her, denn – wie man es in unserem Lager hinreichend kennt – gegen Links wird selbstverständlich nicht dieselbe Rechnung aufgemacht.

Nicht nur betätigen sich einzelne Angehörige diverser BdP-Stämme ganz selbstverständlich im Dunstkreis von Antifa und anderen linksextremen Marodeuren; einzelne Stämme kooperieren ganz offen mit illustren Organisationen wie der DKP und dem „Arbeiterbund zum Wiederaufbau der KPD“. Das war, nach ein paar entsprechenden Tips, durch einfachste Google-Recherche herauszufinden – dürfte also auch dem offensichtlich sehr engagierten Bundesvorstand nicht entgangen sein, wenn man sich denn dort dafür auch nur ansatzweise interessieren würde.

Wie deutsche Michel gezüchtet werden

Als kleiner Pimpf hatte ich mich noch ein wenig, wenngleich auch nicht sehr, darüber gewundert, daß es in meinem Pfadfinderstamm nicht gern gesehen wurde, wenn man das Trachtenhemd (in Österreich sagt man „Uniform“, aber das geht hier natürlich gar nicht – bei unserer Geschichte!) in den Hosenbund steckte – „zu ordentlich“. Und über die zahllosen Lieder über Partisanen („Gospodar“, „Bella Ciao“ usw. usf. ad nauseam) oder gar Väterchen Lenin („Jalava“; natürlich eine idealistische und kontrafaktische Darstellung ganz ohne Beteiligung der deutschen Obersten Heeresleitung …) macht man sich als Zwölf-, Dreizehnjähriger auch keine Gedanken, wenn man auf sechswöchiger Fahrt durch fremde Länder ist.

Das erste Mal wirklich über solche Sachen nachgedacht habe ich erst, als ich die oben genannten Angehörigen anderer jugendbewegter Bünde kennenlernte, deren Fahrtenleben so ganz anders war als jenes, welches ich als Kind kennengelernt hatte.

Alte Freunde vs. Feigheit aus der Ferne

Wie auch immer – die Zeit bleibt nun einmal nicht stehen, und als wirkliches Mitglied fühlte ich mich aufgrund meiner inzwischen großen räumlichen und zeitlichen Distanz zu meinem alten Stamm sowieso nicht mehr. Daher ging es leicht von der Hand, meinem – offensichtlich bereits vorbereiteten – Ausschluß durch eigenständigen Austritt zuvorzukommen. Mit einem Brief an die Stammesführung in meiner Heimatstadt sowie einem etwas schärfer formulierten Fax an die Bundesführung des BdP war die Sache erledigt.

Es ist auch nicht so, daß es zwischen mir und meinen ehemaligen Mitpfadfindern nun böses Blut gäbe, wenn man sich – gerade zwischen den Feiertagen – einmal begegnet; sie, die mich persönlich kennen, haben mit der ganzen Sache auch nicht das geringste zu tun gehabt. Dort hält man sich nicht mit Politik und dem Kotau vor irgendwelchen Schmierfinken auf, sondern läßt alte Zeiten hochleben – die Zeiten, als wir noch Kinder waren und nichts von Ausschlußordnungen und anonymer Denunziation via Internet wußten.

„Wissen Sie, was Ihr Kind gerade tut?“

In jedem Fall wird einem durch solcherlei Vorgänge bewußt, wie stark sich doch die Wahrnehmung a posteriori, mit einem möglicherweise stark veränderten Wertehorizont, von den kindlichen Erlebnissen unterscheidet. Umso perfider mutet es an, mitunter auch schon Achtjährige auf diese Weise unterschwellig zu ideologisieren. Bisher hat noch keine Jugendorganisation dadurch Anstoß erregt, daß sie mit der Antifa ins Bett steigt – aber wen wundert das heute schon noch?

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