Kommunikation 2.0: Alles kann, nichts muß

Vor einigen Wochen durfte ich in der Druckausgabe der Jungen Freiheit einige Überlegungen über das Internet als „Nicht-Raum“ anstellen. Obwohl wir „ins Internet“ gehen, „im Netz präsent sind“ und so weiter hat es nämlich keine Raumqualität. Menschen aus Connecticut, Osnabrück, München und Dresden können mit dem getippten Wort über ein Thema streiten, ohne daß die zwischen den Diskutanten liegende Strecke von Bedeutung wäre – zum Beispiel bei Facebook. Denn die Dauer, die ein Diskussionsbeitrag benötigt, um bei allen Mit-Streitern auf dem Bildschirm zu erscheinen, ist nicht viel länger, als die Dauer, die ein gesprochenes Wort benötigt, um vom Gegenüber gehört zu werden. Die Vorstellung so einer Diskussion per Briefpost ist absurd.

Nun habe ich noch gestern versucht, diese These einem Kommilitonen schmackhaft zu machen. Meine Argumentation schien ihn nicht zu überzeugen, sodaß ich sie mit oben genannten Beispiel erläutern wollte: Ein Brief würde mindestens einen Tag benötigen, um von München nach Hamburg zu gelangen, ein Facebook-Kommentar aber weniger als eine Sekunde. Aber einen Facebook-Kommentar könne er doch auch nach zwei Tagen beantworten, entgegnete der Kommilitone.

Die Idee vom Nicht-Raum

Ein durchaus berechtigter Einwand. Er widerlegt die Idee vom Nicht-Raum zwar nicht, regt aber zu Überlegungen über verschiedene Aspekte seines Gebrauchs an: Im Gegensatz zum Potential des Raums, welches wir durch unsere leibliche Existenz automatisch nutzen, indem wir ihn einfach ausfüllen, nutzen wir das Potential des Nicht-Raums Internet nur dann, wenn wir bewußt so handeln. Die Entfernung zwischen den Diskutanten ist zwar irrelevant, die Eigenschaft eines Gesprächs von Angesicht zu Angesicht kann sie aber bislang nicht erreichen.

Damit ist das mehrtägige Ausbleiben einer Antwort oder gar das plötzliche Ende einer Diskussion in der Kommentarfunktion von Facebook nicht verpönt. „Alles kann, nichts muß“ lautet das Motto. Das Gespräch wird auch nicht durch nonverbale Sprache wie Mimik, Stimmlage oder Körperhaltung kontrolliert – das Fehlen dieser Instanzen führt schnell zu getippten Entgleisungen jedweder Art.

Nonverbale Kommunikation verschwindet

Diese Umstände führen zu seltsamen Situationen. Eben hat man noch mit einigem Groll und Anflügen von Gemeinheiten über irgendeinen Sachverhalt diskutiert. Dann begegnet man einem der Diskussionsgegner leibhaftig, zum Beispiel im Hausflur oder auf der Straße, und es wird geschmunzelt, gescherzt und die Einigkeit darüber gelobt, daß man ja uneinig sei. Friede. Freude. Eierkuchen. Weil: Mit einem Schlag erfüllen Mimik, Stimmlage und Körperhaltung wieder ihre Funktion.

Das heißt, daß wir das Potential des Nicht-Raums nicht vollends nutzen, weil wir nicht permanent online sind, und weil eine zwischenmenschliche Diskussion immer noch von nonverbalen, meist unbewußt erlebten Umständen abhängig ist. Eine eher zum Optimalen tendierende Nutzung des Nicht-Raums wird mittlerweile schon durch moderne Mobilfunktelefone erleichtert: Mit ihnen erfährt der Internet-Nutzer sofort, wenn sich bei Facebook etwas tut – egal wo er ist. Zudem sind gerade junge Leute immer geübter darin, auf nonverbale Kommunikation zu verzichten, beziehungsweise sie zu ignorieren, beziehungsweise sie durch Zeichenfolgen wie 😉 oder 🙁 oder 😛 zu ersetzen.

Cyborg aus Mensch und Mobiltelefon

Trotzdem muß das Handy immer noch hervorgekramt werden, immer noch muß die Tastatur entsperrt, die Nachricht getippt und abgesendet werden. Nun hat der Mensch den Drang nach Optimierung von allem möglichen. Einige Handy-Nutzer machen schon jetzt den Eindruck eines Cyborgs, wenn sie eine Komponente ihres Telefons ans Ohr klemmen, sodaß sie telefonieren können, ohne es in der Hand zu halten. Wäre derartiges nicht auch für die Nutzung des Internets denkbar? Brillen vielleicht, die über ein integriertes Display zeigen, welche Facebook-Freunde das Café, vor dem ich gerade stehe, empfohlen haben? Ein Implantat vielleicht, damit ich eine Nachricht im Geiste tippen kann?

Da es technisch machbar ist, wird es irgendwann gemacht. Bis zur optimalen Nutzung des Nicht-Raums liegt also noch viel Arbeit vor den Ingenieuren – und vor uns Nutzern. Natürlich nur, wenn wir wollen: Alles kann, nichts muß.

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