Was not tut

Ein Erlebnis, welches vielleicht gar nicht mal so selten ist: Man trifft einen Menschen, kommt ins Gespräch, unterhält sich über dieses oder jenes, möglicherweise macht der andere dabei einen ganz gescheiten Eindruck. Dann kommt der andere auf, sagen wir, die Vögel zu sprechen, die jeden Morgen vor seinem Fenster sitzen und ihn ausspionieren.

Ja, ganz richtig, diese Vögel sehen nur so aus wie andere Vögel. In Wirklichkeit wurden sie „von denen“ geschickt, damit sie ihn beobachten. Aber er läßt sich „von denen“ nicht so leicht hereinlegen, da müssen die sich schon etwas Besseres einfallen lassen. Er hat diese Vögel ganz genau im Blick.

Wie geht man damit um? Zunächst kann man mitmachen. Ja, es sei einem auch schon aufgefallen, daß diese Vögel irgendwie anders als andere seien. Wissend lächelt vielleicht derjenige dann und beginnt zu erzählen, wie er „von denen“ erfahren hat und sie ihm ihre Spione nachgeschickt haben. „Sie sind überall“, flüstert er.

Oder man kann vernunftmäßig argumentieren, daß jenseits von Sagen unmöglich Vögel als Spione auftreten können. Erst ereifert sich der andere, bringt für jedes Argument noch absurdere Gegenargumente, fängt an zu transpirieren, wird aggressiv und am Ende plötzlich verschlossen. „Ich habe sie längst durchschaut“, heißt es dann. „Sie sind einer von denen.“

Massen von Menschen

Warum das für uns von Belang ist? Weil wir von Massen solcher Menschen umgeben sind. Gewiß gibt es viele, die einfach nur mitmachen, weil sie sich einen persönlichen Vorteil erhoffen. Meistens kann man ja hier recht gut manipulieren. Nur ist das so verkommen, daß derjenige irgendwann aus Selbstachtung auch daran glaubt.

Man könnte nun versucht sein, diese Endemie durch Vernunft zu bekämpfen. Alleine die Hoffnung ist vergebens. Noch das beste Argument würde lediglich Eifer, absurde Behauptungen, transpirierende Gesprächspartner und Aggressionen auslösen bis zum endgültigen Schlußwort, man wäre einer „von denen“.

Sollte man sich vielleicht aus dem gesellschaftlichen Leben zurückziehen? In die Trutzburg der Innerlichkeit und die Stürme draußen toben lassen? Dann wird man allerdings irgendwann feststellen müssen, daß es für diese Innerlichkeit nur noch im Grab einen Platz geben wird. Daher muß man sich schon dazu bequemen, eine Auseinandersetzung mit dem herrschenden Wahnsinn zu suchen.

Diese Auseinandersetzung muß freilich tiefer gehen, als sich an den grotesken Verwerfungen  der Oberfläche sinnlos zu verschleißen. Man muß vielmehr lernen zu erfassen, was die Gründe sind für diese oder jene kollektive Erscheinung. Hephaistos Schmiede müssen wir aufsuchen und dort nach den Gründen suchen, was in unserer Welt für die Ausbrüche sorgt.

Entkoppeln von Denken, Fühlen, Handeln

Als Grundzug ist dabei meines Erachtens bei vielen Menschen eine seltsame Entkoppelung zu erkennen in dem, wie sie denken, fühlen und handeln. Aus ihrem Gefühl heraus empfinden sie jenes, durch ihr Denken kommen sie zu diesem, im Handeln streben sie wieder anders. Edel wollen sie sein, hilfreich und gut und gelangen doch ganz woanders hin.

Man nehme nur eine beliebige Maßnahme der letzten Jahre, die mit dem Weihrauch einer Erhöhung des Menschengeschlechts bedampft wurde, beispielsweise das Anti-Diskriminierungsgesetz. Unbefangen betrachte man die Wünsche, die mit diesem Gesetz verbunden sind – den Haß zwischen Menschengruppen abzubauen – und seine konkrete Wirkung.

Früher konnte ein deutscher Hausbesitzer eine arabische Großfamilie als Mieter annehmen oder ablehnen, ganz wie es ihm beliebte. Dadurch wurde seine Entscheidung aber auch akzeptiert. Heute nun darf er nicht mehr den Eindruck erwecken, er würde diskriminieren. Er wird in seinem Handeln gezwungen, „gut“ zu sein oder zumindest so zu erscheinen.

Folgen des Antidiskriminierungsgesetzes

Dadurch aber erhält diese Großfamilie Macht über ihn mit allen Möglichkeiten des Mißbrauchs. Denn vielleicht hatte er ja gute Gründe, diese Familie abzulehnen. Wenn aber Menschen über andere Menschen Macht erlangen und durch Zwang ausleben, was ist dann für gewöhnlich die natürliche Folge davon? Nichts anderes als Haß.

Stellen wir uns nun vor, der Vermieter erfindet irgendwelche fadenscheinigen Ausflüchte, diese Großfamilie doch noch ablehnen zu können, wie fühlt sich diese dann? Doch nicht anders als betrogen.  Wenn sich aber Menschen durch andere Menschen betrogen fühlen, was ist dann für gewöhnlich die natürliche Folge davon? Wiederum nichts anderes als Haß.

So sehen wir, wie aus bloßem Empfinden heraus Maßnahmen ergriffen werden, die von ganz falschen Begriffen geleitet werden und zu Ergebnissen führen, die das genaue Gegenteil erreichen von dem, was ursprünglich angestrebt war. Statt Gruppenhaß abzubauen, hat man ihn erst recht ins Leben gerufen. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Das wichtigste ist daher für die Gegenwart, Gedanken, Gefühle und den Willen in ein geordnetes Verhältnis zu bringen. Man muß verstehen lernen zu schauen, aus welchem Willensimpuls eine Empfindung emporschießt, und mit welchen Begriffen man sie angemessen empfängt. Die soziale Gesundung kann dann von hier schrittweise erarbeitet werden.

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