„Versailles mit friedlichen Mitteln“

Nun wird es also doch konkret: Am vergangenen Wochenende berichtete Spiegel-Online, daß der französische Staatspräsident François Mitterand im Jahr 1989 „für seine Zustimmung zur Wiedervereinigung eine beschleunigte Einführung der Europäischen Währungsunion“ verlangt habe. Das gehe aus einem „bisher geheimgehalten Protokoll eines Gesprächs Mitterands mit dem damaligen Außenminister Hans-Dietrich Genscher hervor“.  

Die Einführung des Euros, mit der aus seiner Sicht die Dominanz der D-Mark als zweiter Weltleitwährung gebrochen werden sollte, nannte Mitterand laut der Tageszeitung Die Welt ein „Versailles mit friedlichen Mitteln“.

Wenig überraschend bestritten Mitglieder der Regierung Kohl, konkret Wolfgang Schäuble und Theo Waigel, umgehend, daß der Euro der Preis für die Wiedervereinigung gewesen sei. Sollen sie etwa zugeben, daß den Deutschen der Euro aufgrund rein politischer und nicht aufgrund wirtschaftlicher Überlegungen oktroyiert wurde? Sollen sie weiter zugeben, daß Deutschland die Einführung des Euro mehr oder weniger abgenötigt wurde?

„Preis der Wiedervereinigung“

Geht es nach Schäuble und Waigel, dann muß der Mitterand-Berater Hubert Védrine an anderen Verhandlungen teilgenommen haben. Er unterstrich nämlich gegenüber dem Spiegel, daß Mitterand keine Wiedervereinigung „ohne einen Fortschritt bei der Europäischen Integration“ wollte, „und das einzige Terrain, das vorbereitet war, war die Währung“.

Zum wahren Charakter der Verträge von Maastricht, die zur Einführung des Euros 1991 ausgehandelt und 1993 ratifiziert worden waren, führte bereits der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in einem Interview mit der mittlerweile eingestellten Wochenzeitung Die Woche folgendes aus: sie seien „nichts anderes als der Preis für die Wiedervereinigung [gewesen]“ (Die Woche, 19. September 1997).

Ähnlich äußerte sich Brigitte Sauzay, die Dolmetscherin des französischen Präsidenten Mitterand, die laut Spiegel-Special (Nr. 2/1998) erklärte: Mitterand habe sein Ja zur Wiedervereinigung „nur um den Preis gegeben, daß der deutsche Kanzler [Helmut Kohl] die Mark dem Euro opfere“. Offensichtlich mußte er sich bei Kohl nicht lange abmühen, der wohl nicht nur die Chance witterte, sich als „Kanzler der Einheit“, sondern gleich als „Einiger Europas“ zu inszenieren. Wie sagte doch Kohl, die wahren Gründe der Euro-Einführung verschleiernd: „Die europäische Einigung ist eine Frage von Krieg und Frieden und die Einführung des Euros ein Stück Friedensgarantie“.

Die Stunde der Euro-Kritiker

Interessant wäre eine Erörterung darüber, wie die Franzosen denn reagiert hätten, wenn sich Kohl der Aufgabe der D-Mark verweigert hätte und die Wiedervereinigung trotzdem nicht aufzuhalten gewesen wäre? Wäre es womöglich zu einer zweiten Rheinlandbesetzung gekommen? Dann ergäbe Kohls Gerede von der „Friedensgarantie“ Euro sogar Sinn. 

Kritiker des Kohl-Mitterand-„deals“, darunter namhafte Wirtschaftswissenschaftler, mußten sich ins Stammbuch schreiben lassen, Gegner des europäischen Einigungsgedankens zu seinen. Sie dürfen sich jetzt in ihrer Skepsis gegen die Euro-Einführung bestätigt sehen; unterstützt auch durch den ehemaligen Bundesbankpräsidenten Karl-Otto Pöhl, der gegenüber Spiegel-Online bestätigte: „Möglicherweise wäre die Europäische Währungsunion gar nicht zustande gekommen ohne deutsche Einheit.“ 

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