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Mein erster Halbmarathon

Am 2. Juli 2010 war es soweit: An diesem Freitagabend gingen wieder mehr als 1.200 Läufer zum Marburger Nachtmarathon an den Start. Auch ich Sportskanone! Für meinen angestrebten ersten Halbmarathon war es ein wenig zu heiß, ich ein wenig zu schwer und auch ein wenig zu untrainiert. Und nun streichen wir bitte im vorhergehenden Satz jedes „ein wenig“.

Gegen 19 Uhr fiel der Startschuß auf dem historischen Marktplatz, und es herrschten noch immer circa 32 Grad in der Universitätsstadt. Es war wirklich drückend heiß, gefühlte 50 Grad. Aber man will ja im Training bleiben – immerhin soll jeder fünfte Deutsche als stark übergewichtig gelten.

Mit stolzgeschwellter Brust und der Startnummer 1.701 lief ich los; – anfangs noch locker-flockig, immerhin ging es bergab. Bei Kilometer 3 rief ein bierbäuchiger Zuschauer mit Alm-Öhi-Vollbart: „Schneller laufen!“ Gut, er hatte recht – aber meist rufen das genau die Typen, die sogar zu faul sind, vom Wohnzimmer in die Küche zu laufen, um sich noch ein Bier zu holen.

Nach den ersten vier Kilometern kam die erste Verpflegungsstation mit Wasser und Schwämmen für die Läufer. Eine Erfrischung, die leider nicht lange anhielt. Bei Kilometer 5 lief ich an einem Biergarten vorbei, und auf dem Schild zum Eingang stand „19 bis 20 Uhr Happy Hour“. Das war gerade zu diesem Zeitpunkt ein verlockendes Angebot. Ein Blick über die Schulter sagte mir, daß ich wohl jetzt der letzte Läufer war. Denn hinter mir waren nur noch ein Polizei- sowie ein Krankenwagen, die jetzt auch noch zum Überholen ansetzten.

„Das ist der Tag, an dem du sterben wirst“

Aber das kannte ich schon von den vorhergehenden Trainingsläufen: Auch bei meinem ersten 10-Kilometer-Lauf am 14. November vergangenen Jahres war schon beim Start klar: Ich werde Letzter sein. Auch damals war nach kurzer Zeit das komplette durchtrainierte Läuferfeld aus meinem Blickfeld verschwunden. Ich lief allein und langsam und ohne Pause, und es nieselte.

Während meinen letzten drei Kilometern wurden schon die Streckenmarkierungen abgebaut, und das Rote-Kreuz-Fahrzeug fuhr hinter mir her. Als ich ins Ziel kam, gab es schon gar kein Ziel mehr – es war schon abgebaut worden: wie traurig und deprimierend! Doch soweit konnte es diesmal nicht kommen – denn der Langsamste des Marathons wird wohl länger benötigen als ich für die Hälfte der Strecke. So lautet jedenfalls mein Plan.

Bei Kilometer 8 habe ich eigentlich keine Lust mehr, und es ist immer noch furchtbar heiß. Meine Pulsuhr nimmt durch Piepsen Kontakt zu mir auf und signalisiert: „Junge, du bist dem Herzinfarkt näher als dem Ziel!“ Hinter mir höre ich einen langsam fahrenden Radfahrer und drehe mich zu ihm um: „Sind Sie vom Verein?“ „Ja, ich soll auf den Letzten aufpassen.“ „Das bin ich.“ „Ja, ich weiß.“

Nachdem das geklärt war, fiel mir die (mit einem Schmunzeln geäußerte) Prophezeiung eines befreundeten Fitneßtrainers zu meinem ersten Halbmarathon ein: „Das ist der Tag, an dem du sterben wirst.“ Aber soweit mußte es ja nicht kommen, obwohl zahlreiche Läufer am Wegesrand liegend vom Roten Kreuz wegen Kreislaufproblemen versorgt wurden.

Viele mitleidsvolle Blicke

Schon einmal war mein Puls in der Vorbereitungsphase in schwindelerregende Höhen geschossen: bei einem Pohlheimer Volkslauf auf der 5-Kilometer-Strecke. Es waren damals frostige 3 Grad, die Strecke glatt und matschig. Um nicht hinzufallen, mußte man teilweise breitbeinig laufen wie eine Prostituierte auf St. Pauli. Bei Kilometer 2 hatte mich die 71jährige Walkerin Leni ganz schön abgeledert und ich kam nicht hinterher, aber kurz vor dem Ziel holte ich sie noch ein und rannte mit 190er Puls vor ihr ins Ziel. Zweikampf gewonnen, tschakka!

Die Laufstrecke in Marburg führte nun an der Lahn und einigen Restaurants vorbei. Teilweise bewundernde, aber auch viele mitleidsvolle Blicke der Biergartenbesucher verfolgten meinen Laufstil, der nach und nach eher einem Humpeln glich. Bei Kilometer 14 sah mein Joggen wohl eher so aus, als ob ein Nordic Walker mit Holzbein ohne Stöcke unterwegs war. Jetzt überholte mich auch noch ein Marathonläufer auf seiner zweiten Runde, und er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift „Gott ist Dir näher als Deine Pulsuhr“. Wie recht er hatte! Mein Fahrradbegleiter blieb hinter mir, ab und zu plauderten wir ein wenig. Aber mir fehlte ein bißchen der Atem für längere Gespräche.

Der Rest des Laufes ist schnell erzählt. Die Knie taten weh, die Beine auch, die Hüfte auch. Aber man ist ja keine Memme, sondern gießt das Blut aus dem Laufschuh, und weiter geht es. Zudem muntern einen überholende Marathonläufer auf: „Weiter geht`s, weiter so!“

Total fertig

Mein Begleitfahrradfahrer verabschiedet sich – herzlichen Dank für die Betreuung! –, und die letzten 300 Meter liegen noch vor einem. Man sieht dem Ziel entgegen. Zum ersten Mal ein schönes Gefühl während des Laufes – denn er ist gleich vorbei. Bei solch einer Hitze ist man schon ein Held, wenn man angekommen ist; 3 Stunden und 10 Minuten habe ich gebraucht. Hurra!

Nach den 21.097 Metern habe ich mich gefühlt, als wäre ich von einem Stadtbus angefahren, dann nochmal von einem Lkw überrollt und von den gerufenen Sanitätern auch noch zusammengeschlagen worden. So kaputt war ich – total fertig.

Aber natürlich läßt man sich das nicht anmerken. Schon kurz hinter der Ziellinie ruft man seinen Freunden und Bekannten zu: „Das war doch superschön. Und im nächsten Jahr versuche ich es in zweieinhalb Stunden.“

Beine wie Streichhölzer

Seit letztem Freitag trage ich die Medaille, die jeder Läufer im Ziel erhalten hat, um den Hals – sogar auf der Arbeit und in der Freizeit. Profilneurose? Auf jeden Fall! Und wenn mich einer fragt, wie der Lauf war, sage ich nicht, daß ich Letzter wurde, sondern daß ich in meiner Altersklasse 58ster wurde bei über 1.200 Teilnehmern. Übrigens: Der schnellste Läufer hatte Beine wie Streichhölzer und benötigte circa eine Stunde und 15 Minuten für diese Strecke.

Und was lernen wir aus dieser Sportveranstaltung? Sport ist Mord. Man muß schon leicht verrückt sein, um bei 32 Grad einen halben oder einen ganzen Marathon zu laufen. Man muß auch leicht verrückt sein, wenn man läuft, obwohl man ein wenig untrainiert ist. Aber die Sache hat doch viel Spaß gemacht, und im kommenden Jahr versuche ich es in zweieinhalb Stunden. Man will ja im Training bleiben.

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